Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1907-01-01 · No. 3. (1907) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
30 (1906-1907)
Issue
No. 3. (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/6492408-6582210-8771042--3530-4858621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

- 29 meines Körpers und meiner Seele, daß ich allezeit bereit sei, zu helfen und beizustehen dem Reiche ר und dem Armen, dem Guten und dem Bösen, dem Feinde und dem Freunde. Laß in dem Leidenden mich stets nur den Menschen sshen.“ Die ganze jüdische Anschauung, die der Erhaltung der Gesundheit als ein unverletzliches, religiöses Gebot betrachtet, förderte und begünstigte das Studium und die praktische Ausübung der Arzneikünde unter den Bekennern der Judentums. Zu diesen innem Gründen ges;Ilten sich noch äußere Umstände, welche dazu beitrugen, den ärztlichen Stand unter den Juden immer allgemeiner zu machen. Die beschränkenden Verhältnisse des Mittelalters brachten es mit sich, daß die Juden von allen gelehrten Ständen ausgeschlossen waren und der Zutritt zu allen öffentlichen Stellen ihnen gänzlich abgeschnitten war. Da mußte es vornehmlich die Heilkunde sein, die als freie, vom Staate unabhängige Wissenschaft die Juden ganz besonders anzog und deren Studium und Aus- Übung ihnen die meiste Aussicht auf eine ehrenvolle, sorgenfreie Lebenstätigkeit eröffnete. Noch ein anderer Umstand kommt hier in Betracht. Bei ihrem lauteren und selbstlosen Charakter hüteten sich die jüdischen Gelehrten aus, ihren talmudischen Kenntnissen irgend welchen materiellen Nutzen 2u ziehen, und selbst die Rabbiner bezogen für das geistliche Amt, welches sie verwalteten, kein Gehalt. Daher übten sie die ärztliche Praxi; aus, um sich und den Ihrigen den Lebensunterhalt zu verschaffen. So waren viele jüdische Gelehrte, die auf dem Gebiete der rabbinischen Litteratur einen gefeierten Namen besitzen — wir nennen nu״ Maimonides, Nachmanides und Rabbi Nissim (Ran) — ihrem Lebensberufe nach vielbeschäftigte Aerzte. Aber nicht uur das Streben, si<jh selber unter den schwankenden und traurigen Zeitverhältnissen eine möglichst gesicherte Existenz zu verschaffen, sondern auch das edle Verlangen, auf das Geschick ihrer unglücklichen Glaubensgenossen einen günstigen Einfluss ausüben zu können, war es, was viele Juden zum Studium der Arzneikunde veranlasste. Sie war die einzige Kunst, die ihnen die Pforten und die Herzen der Mächtigen und Großen öffnete, die ihnen Zutritt zu denen verschaffte, von deren Willen und Launen das Glück ihrer Glaubensbrüder abhängig war. Ein Beispiel ist dafür recht charakteristisch. Im Jahre 1492 spielte sich eine der traurigsten Tragödien in der Geschichte des jüdischen Volkes ab: die Vertreibung der Juden aus Spanien. Als nun auch Don Isak Abrabanel im Begriffe stand, mit vielen seinen Glaubensgenossen nach Italien auszuwandern, richtete er an eine bedeutende Persönlichkeit dieses Landes, an den' reichen Jechiel von Pisa, die Frage, ob im römischen Staate jüdische Aerzte vorhanden seien uud ob sie im Dienste der kirchlichen Würdenträger stehen. Der groß:, kluge, spanische Staatsmann wußte, daß die jüdischen Aerzte ״den Schlüssel zu dem Herzen der Großen hatten, welche das Geschick der Juden lenkten.“ Wie oft mag es vorgekommen sein, daß zur Zeit der drohenden Gefahr ein einflußreicher jüdischer Arzt für seine bedrängten Glaubensgenossen in die Schranken trat und zu dem Machthaber der Stadt, der vielleicht ihm sein Leben und seine Gesundheit zu verdanken hatte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.