Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 3. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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— 28 — tüchtige Aerzte hervorgebracht und zur Erhaltung und Verbreitung der Heilkunde so viel beigetragen, als das jüdiscne Volk. In fast allen Kulturstaaten dieses Zeitalters, zuerst im Orient, etwas später in Spanien, sodann in den anderen europäischen Ländern sahen wir hervorragende jüdische Aerzte auftreten, die mit großem Geschicke und bestem Erfolge ihre Kunst praktisch ausübten und deren Hilfe, wie die Geschichte uns lehrt, von Königen und Fürsten, von Päpsten und Prälaten sehr oft in Anspruch genommen wurde. ״Der Ruf der jüdischen Aerzte war so groß“, schreibt ein berühmter Gelehrter der Gegenwart, ״daß man zu einer gewissen Zeit geglaubt hat, man müsse, um in der Heilkunde Erfahrung zu besitzen, von jüdischer Herkunft sein.“ Fragen wir aber nach den Ursachen, weswegen die Juden im Mittelalter mit so großem Eifer dem Studium der Medizin sich zuwandten, so müssen wir zunächst auf einen i n n e r n Grund hinweisen. Die Arzneikunde wurde von den Juden als eine höhere, edle Kunst betrachtet und das Studium derselben gleichsam als eine religiöse Pflicht angesehen. So war einer der berühmtesten Aerzte im Mittelalter, M a i m o n i d e s, von dem Gedanken durchdrungen, daß die Heilkunde einen sehr wichtigen Faktor der Ethik bildet. Sie lehre den Menschen die zügellosen Leidenschaften, die die Gesundheit untergraben, bezähmen und die richtige Wahl der Nahrungsmittel; sie erhalte also die Tüchtigkeit des Körpers und mache den Menschen fähig, an der Veredelung und Versittlichung seiner geistigen Kräfte zu arbeiten. Maimonides hat daher im ersten Teile seines großen Gesetzeswerkes ״Mischne Thora“ eine förmliche Diätetik von dem damaligen Standpunkte der medizinischen Wissenschaft entwickelt und so seine 22 Lebens- und Gesundheitsregeln gewissermaßen zu religiösen Normen erhoben. Dem Beispiele dieses großen Meisters folgend, widmen aheh die späteren Gelehrten in ihren religionsgesetzlichen Werken der Heilkunde einen besonderen Abschnitt und erteilen m recht eindringlicher Weise ihren Lesern medizinische Lehren und Ratschläge. Als zur Zeit des berühmten Salomo ben Aderet ein Bannstraftf auf alle diejenigen geschleudert wurde, die in einem Alter unter 25 Jahren mit der Philosophie und andern profanen -Wissenschaften sich beschäftigen werden, wurde die Arzneikunde von dem Verbot ausgenommen und der Grund hinzugefügt, daß die Thora dem Arzt die Erlaubnis gegeben, die Kranken zu heilen. Und noch auf einen Beweis für die hohe Auffassung des ärztlichen Berufes innerhalb des Judentums sei hier hingewiesen. Es hat sich ein hebräisches Gebet aus dem 12. Jahrhundert erhalten, das ein jüdischer Arzt verfaßt und vor dem Besuche seiner Patienten täglich gesagt haben soll. Da hören wir den Arzt flehen: ״Ich beginne von neuem meine Tätigkeit. Stehe mir. Allmächtiger, in meinem großen Unternehmen bei, daß es mir gelinge; denn ohne deinen Beistand vermag der Mensch auch nicht das Geringste. Gieb es nicht zu, daß Gewinnsucht, Haschen nach Ruhm oder Ansehen sich in meinen Betrieb mengen, denn diese sind der Gerechtigkeit und der Menschenliebe Feind, und könnten auch mich irreführen in meinem edlen Berufe, das Wohl deiner Geschöpfe zu fördern. Erhalte mir die Kräfte