Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 2. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 vorgeworfen worden war, als die Reichseinheit noch der Aichung ermangelte. I Er selbst hatte Riesser als wahrhaft deutschen Mann anerkannt; wie er, . hatte Riesser die Einheit Deutschlands auf rechtlicher Grundlage erstrebt, wie er auf der Grundlage allgemein gleicher Rechte und Pflichten. Die Träume der Nationalversammlung in der Pauluskirche hatte Riesser so wenig geteilt wie Treitschke. Wie Treitscke war Riesser jederzeit Anhänger der festen Staatsordnung und erwartete Nichts von gewaltsamen Erschütterungen. War Riesser von Abstammung und nach seiner Ge- *' sinnung Jude, so stammte Treitschke aus einer böhmischen Familie. Nur blieb Riesser sich immer gleich, während Treitschke tiefgreifende Wandlungen der Richtung durchgemacht hat. Gewiss im besten Glauben. Aber werden ihm seine früheren Genossen niemals den Wechsel der Gesinnung nachgetragen haben? Hat man ihm früher in Sachsen wegen seiner Preussenfreundlichkeit nie Mangel an vaterländischer Gesinnung vor- : geworfen? Und wenn man es nicht offen'getan hat, hat man es nicht gedacht?! So war es also die Bedeutsamkeit seiner Stellung, die ihm gestattete, Vorwürfe auszusprechen, die von den Schwachen wegen ihrer Quelle und wegen ihrer Folgen schwer empfunden worden sind, ohne dass sie erwiedert .werden konnten. Das ist das traurige Recht der Schwächeren. Riesser hat die Einheit Deutschlands mit der Sicherung der allgemeinen Gleichheit als gleichbedeutend angesehen. Man hat ihm das als eine j Täuschung gutmütig nachgesehen. Wie sehr er in Wirklichkeit Recht gehabt hat, das beweisen gerade die Umstände, die man ihm entgegenhält. So lange man das Ziel der deutschen Einheit nicht erreicht hatte, strebte alles mit vollen Kräften darauf los — das bedeutete eine Loslösung dieser Kräfte, die dadurch selbständig wurden. Als das Ziel erreicht war, da fehlte es; nämlich ein hohes gemeinsames Ziel, das wie unerreichbar 1 über allen Bestrebungen stand. Da aber ein Streben immer notwendig ist, so begann nach den Jahren 1870/71 ein Auseinanderstreben der vereinten Kräfte. Man suchte das Trennende zwischen den Glaubensgemeinschäften auf, und selbst wo man aufrichtig für die Freiheit zu streben wähnte, gefährdete man das hohe Gut. Das war die Reichseinheit nicht, ן an welche Riesser gedacht hatte, denn sie war nicht innerlich zur Wahr- ) heit geworden. So war sie aus diesem Grunde auch keine Burg für die j Gleichstellung Aller, und ein Treitschke, der ״geborene Kämpfer“, hielt 5 — wir wiederholen es, im besten Glauben — die Beschränkung für notwendig. Wie würden wir uns freuen, wenn wir ein Jahrzehnt nach Treitschke’s Tode uns schrankenlos zu diesem hervorragenden Manne bekennen dürften! Wenn aber selbst sein begeisterter Schüler Marks an die Schranken seines Wesens offen erinnert, wäre es eine Unehrlichkeit, ״; ein Mangel an Selbstachtung von unserer Seite, wenn wir verschweigen . wollten, wie schwer wir selbst diese Schranken seines Wesens empfunden j haben. Wir erkennen ihn freudig mit der Einschränkung an, welche die Nachwelt jedem Menschen gegenüber für geboten hielt. Nur schade, j dass ausserdem jenes ״Aber“ dem hindernd entgegensteht. Schade nicht I für ihn und für Viele seiner Getreuen — sie werden sich darüber trösten,! denn wir sind die Schwachen. Aber schade für uns, denn der Mensch gibt sich gern ganz dem Gefühl der Anerkennung für einen Grossen hin. ind steigert das seine Grösse, dass wir so fühlen? i