Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 2. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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a Treitschke und Riesser.*) Im April vorigen Jahres waren 100 Jahre seit der Geburt Riessers und 10 Jahre seit dem Ableben Treijschke’s dahingegangen — ein Zusammentreffen, das zu den merkwürdigsten Betrachtungen Veranlassung bieten kann! Ein Jahrhundert nach seiner Geburt ist Riesser uns noch der lebensvolle Ausdruck aller Vorbedingungen der Einheit Deutschlands geblieben, während Treitschke auch einst für diese Zidle gekämpft hat, aber einem Teil derselben nicht mir voller Seele treü bleiben konnte. Erich Marks hat bei Winter in Heidelberg einen Vortrag über Treitschke erscheinen lassen, der von wärmster Empfindung für den Verklärten getragen ist, aber doch die Grenzen seines Wesens sehr wohl erkennen lässt. Der geborene Sachse strebte zuerst für die Vorherrschaft Preussens in Deutschland; als sich Preussen 1861 von der freiheitlichen Richtung abkehrte, ward er ein Gegner Bismarcks; erst mit den sichtlichen Erfolgen der preussischen Heeresmacht und Staatskunst ging eine Wandlung in ihm vor, die ihn zum Mitkämpfer Bismarcks machte. Er elmpfand mehr als Einer die Hochstimmung der Jahre 18170171, und mehr als Einer die Ver- Stimmung, welche darauf folgte. Der einst so eifervoll Freiheit und Gleichheit Aller zur Grundlage des Kaisertums gemacht hatte, zog sich mehr und mehr in engere Grenzen zurück und schien für eine Verengerung dieses Standpunktes zu stimmen. Soj rückte er in Fragen des Glaubens und öffentlichen Lebens mehr und mehr nach rechts, zumal ihm das Vordringen der Umsturzpartei eine derartige Wendung unerlässlich zu machen schien. Stets hatte er den Boden des tatsächlichen Staats unter den Füssen, selbst in den Jahren alldeutscher hochfliegender Jugendhoffnungen. Wir hätten im vorliegenden Vortrage Genaueres!über ״Treitschke und die Juden“ erwartet. Darüber sagt der Vortragende S. 57 nur Folgendes: ״Er hatte bereits 1871 Anwüchse des deutschen Judentums getadelt: 1879 schlug er die Töne eines nationalen und bei ihm idealistischen Antisemitentums stark an; er lud die deutschen Juden ein, ganz Deutsche zu werden, und glaubte milde und zurückhaltend gesprochen zu haben. Aber es war einmal seine Art, dass er überall das Temperament, das seine Grösse war, heiss ausströmen lassen misste; er hat, der geborene Kämpfer, notwendig in seinem Leben verletzen müssen, auch wo er es nicht zu tun vermeinte.“ Marks spricht sich über die Berechtigang dieses Zuges nicht weiter aus; indem er ihn aber zu ents:huldigen sucht, z£igt es sich, dass er ihn nur notgedrungen anführt. ן Wir erinnern uns wohl der Tre tschke’schen Auslassungen von 79. Auf uns Jüngere wirkten sie niederschlagend in einer Weise, die wir nie vergessen konnten. Wir fühlten uns mit Bewusstsein als Deutsche, und nun wurden wir plötzlich daran erinnert, dass alte, längst vergessen geglaubte Richtungen uns das Vaterland und damit auch aie Gleichstellung streitig machen könnten. Dass Treitschke in gutem Glauben gehandelt, bezweifelten wir nicht. Aber die Kar mpfesgenossen, die Sohlen hängten, zeigten, wie verhängnisvoll das Woijt Mannes gewirkt hat. Er durfte beden Seiten ihrer Gegner in dunklen Zeiten *).Vergleiche Marks: Heinrich von Treitschke. Winter. sich an seine eines solchen <en, dass gerade den Juden von das Streben nach der Reichseinheit Ein Gedeflkblatt. Heidelberg