Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 2. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 14 — In heftiger Eile Freund gegen Freund Das Schwert verblendet zog, Da auf die mauerumgebene Stadt Die feste Hoffnung sie trog. Und um ihr Antlitz legte die Scham Sich wie ein hüllend Gewand, Und den Wermuthsbecher — sie kosteten ihn, Er war gefüllt bis zum Rand. . Zuerst war groß meine Bangigkeit, ' Gleich wie bei den Wehen der Frau, Dann kam der Balsam, wie Regen sich senkt Auf die dürre dürstende Au. Mein Auge leuchtete freudenhell! Meine Feindin Trauer umzieht, I Ich singe freudig den Siegessang — Sie wimmert ein Trauerlied. Froh tönt der Jubel in meinem Haus’, Bei ihr herrscht bitteres Leid — Dir, Herr, meinem Herrscher, Dir, meinem Schutz Sei der Dank meiner Seele geweiht, Wie in der Stunde der schweren Not Zu dir mein Flehen stieg, Mein Sohn, o wende dich zum Herrn, Dess’ starke Hand gibt Sieg. Auf! Laß vor dem Volke im Gotteshaus’ Erschall’n meiner Psalmen Ton, k ' Sie seien an deiner Stirne der Schmuck, An deinem Arme, mein Sohn! Mit ehernem Griffel schreib’ sie dir ein, Daß fest sie in deinem Herzen sein. Der hebräische Urtext dieses Gedichts ist aus: ״Die neuhebräische DichterschuFder spanisch-arabischen Epoche Brody und Albrechts (Hinrichs, Leipzig, XII und 219 Seiten, 5,80, gebunden 6,80)“ entnommen. Eine sehr verdienstvolle Sammlung mil Einleitung, Anmerkungen und Wörterzeichnis. Wir haben sie Jahrgang 1906, No. 1י genau besprochen. Der Dichter, Samuel Halevi ibn Nagrela, lebte 1000—1055. Aus seiner Vaterstadt Cordova flüchtete er nach Malaga, wo er einen kleinen Handel trieb. Durch eine vertraute Sklavin des Vesiers wurde er mit diesem bekannt und dessen Geheimschreiber. Nach des Vesiers Ibn Alarifs Tode dessen Nachfolger. Der Vesier war auch Rabbiner, Talmudlehrer, Sprachforscher und, wie wir sehen, auch Dichter. Vorstehendes Gedicht ist eine Gelegenheitsdichtung, im Kriegszelte nach einer siegreichen Schlacht, die Samuel leitete, an seinen Sohn Joseph gesandt. Der Vater scheint mit dem Brieflein mitfliegen zu wollen und stellt sich die Freude seines Sohnes beim Empfange der väterlichen Nachricht vor. Vor ihm hat er kein Geheimnis. Auch daß er einen Augenblick gefürchtet, verschweigt er ihm nicht. Joseph soll im Gotteshause Samuels Bert Tehillim, seine Psalmendichtungen, beten lassen — also ein Dankgottesdienst soll in der Synagoge stattfinden. Halten wir es ihm zugute, daß er dem Sohne diese seine Dichtungen zur Nachachtung empfiehlt — sie enthalten viele Lehren fürs Leben. Ein schönes Bild der Vaterliebe und Frömmigkeit, des Schlachtenmutes und der Vaterlandsliebe — um so schöner, als Alles absichtslos hervorkommt und wir in diesem Gedichte ein echtes Kind des Augenblicks in aller Schlichtheit und darum Lebendigkeit vor uns haben.