Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 1. (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 4)
- Language
- German
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Literaturbericht. Rezensionen. Professor Dr. Simon Stern, Rabbiner in ~Saae: Tolstoi, Zola und das Judentum. Vortrag. 14 S. Kauömann, Frankfurt a. M. 60 Pfennige. Die Forschung nach dem Ueberirdischen hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurücktreten müssen vor dem Streben, das Leben selbst nach Regeln zu gestalten. Darwin, Marx und Robert Maier regten dazu an. Tolstoi und Zola will Verfasser nun auf ihre Lebensgrundsätze bin prüfen und zwar nach dem Maßstabe des Judentums und seiner Sittenanschauungen. Ist dessen Lebenslehre durch die Grundlage unserer staatlichen Gestaltungen geworden, soweit in denen eine sittliche Weltanschauung herrscht. Tolstoi gleicht in seiner Entwicklung dem Königssohn Buddha, der als Einsiedler Nirvana lehrt. Gattes- und die Nächstenliebe kann nach Tolstoi dem Menschen Tatkraft und Befriedigung verleihen Streben nach eigenem Glück ist ihm die tierische Stufe; Streben nach dem Glück engerer oder weiterer Kreise, die aber doch der Vernichtung und dem Kampfe ausgesetzt sind, die heidnische; Ermllung des Gotteswillens, der Menschenliebe, ist die höchste Stufe; sie hält vom Kampf selbst gegen das Uebel ab und bringt zur Selbstopferung. Das Böse 8011 uns erziehen. Zorn darüber ist noch eine *Spur des alten Tierischen. Gebt also Eure Vorurteile auf! Man erkennt schon hieran, daß Schopenhauer den Ausgangspunkt für Tolstoi bildete. Aber bei ihm besiegt der Dienst der Menschheit den Tod und die Todesfurcht. Laß Dir wenig dienen und diene anderen viel! So werden alle Lebensgestaltungen, durch welche die vorhandenen Scheidüngen sich festigen, durch Tolstoi verurteilt, auch der Staat, auch die Wissenschaft. Arbeit ist etwas Kräftigendes und die äußere Arbeit nützt anderen, die geistige nicht immer. Auch die Ehe ist nach Tolstoi nicht notwendig. Tolstoi will den Staat innerlich, wie Schopenhauer das Leben, auflösen. Tolstois Gottesglaube und Nächstenliebe haben ihre gescbichtliche Urquelle im Judentum. Was Tolstoi Hauptsache ist, ist es auch der Bibel. Auch in ihrer ״Werkheiligkeit“ sollen Tat und Gedanken dem Guten dienen, oder sie sind wertlos. Mitleid mit den niedrigsten Wesen ist ein Grundzug des Judentums. Aber das Judentum will im Gegensatz I zu ihm eine Zukunft aller, will keine Verödung der Welt, | ehrt Wissen und Denken als Mittel der Veredelung. Geschieht- . liehe Versuche, wie Essenismus, haben das Nutz ose der Tolstoischen Gedanken dargetan; der Erfolg lag auf der entgegengesetzten, mit dem lebensfreudigen Judentum übereinstimmenden Seite. Zola hält die Natur an sich für grausam und seine Dar- Stellungen suchen ihr durch Genauigkeit ihre Züge abzulauschen. Um ihre Uebel zu heilen, dazu reicht Nächsten- Hebe und Wunderglaube nicht hin, dazu gehört vielmehr Ent- Wicklung des Ganzen zum Guten hin. Arbeit, Pflichttreue stellen den Menschen im Leben sicher hin; die Wissenschaft bereitet, über alle Einzelereignisse und Stürme hinwegblickend, diese Zukunft mehr und mehr vor. Diese Anschauung stimmt mit der jüdischen überein. Die Kinder als Träger der Zukunft sind ihm wichtig wie dem Talmud und Midrasch. Zolas getaufte Juden sind Zerrbilder; die Juden an sich gutartig. Aber Zola leugnet Gott und Unsterblichkeit. Er hat wohl die Religion von einer nicht liebenswürdigen Seite kennen gelernt. Ihm ist der Zweck der Welt die Welt selbst. Weshalb nun nach Zola dies ewige Wiederkäuen gleicher Erscheinungen? Aus allem ergibt sieb, daß das Judentum den Ausgleich bildet zwischen Zola und Tolstoi, daß darin die Einseitigkeiten jedes dieser Denker und Dichter überwunden sind, während das Edele, das sie in sich haben, auch im Judentum lebt. — Ueber diesen trefflichen Vortrag, der an Wert starke Bände übertrifft, läßt sich nach dieser kurzen Darlegung seiner Umrisse nichts weiter sagen als: Möge der Verfasser seine Entdeckungsreisen durch die Weltliteratur weiter fortsetzen und uns eine Reihe zusammenhängender, ähnlicher Untersuchungen bieten. Da hätten wir denn ״Das Wesen des Judentums* ohne krampfhafte Verteidigungsversuche greifbar vor uns und zwar in seinem Verhältnis zu den außeijüdischen Anschauungen. Möge der billige Preis keinen gegen den Inhalt mißtrauisch machten, sondern eine Anregung zu recht weiter Verbreitung sein! Dr. H. Brody und Dr. K. Albrecht. שער השיר Die neue hebr&isehe Dichterschule der spanischarabischen Epoche. Ausgewählte Texte mit Einleitungen, Anmerkungen und Wörterverzeichnis. Leipzig, Hinrichs, 1905. X und 219 S. 5,80 M., gebunden 6,80 M. Von Jehuda Halevy, Salomo ben Gebirol, Mose oder Abraham Ihn Esra wird in unseren Zeiten mehr gesprochen, als früher. Ob aber vielfach nicht Heine die Hauptquelle dafür ist? Es klingt so schön, von der Geistesblüte des Judentums auf der pvrenäischen Halbinsel zu sprechen, man träumt sich gern dorthin, man stellt sich wohl auch den ״Jehuda ben Halevy“ gleich Jeremia dem Alten so ungeschichtlich wie möglieh auf den Trümmern Jerusalems vor, wie er von dem Engel, der ״gar kein böser Mensch gewesen* niedergestoßeu und im Himmel mit dem Lecho Daudi des Salomo Halevy Altrabez feierlich empfangen wird. Aber auch dann, wenn man auf die vorhandenen guten Ausgaben zurückgeht (wie Divan des Berliner Literaturvereins, Brodys Jehuda Halevy und Salomo ben Gabirol etc.) hat man nur die Höhenpunkte jener Blüte der Dichtung vor sich. Die Entwicklung derselben sich klar zu machen, dazu gehört eine Blumenlese, wie sie Grätz im Zusammenhang mit seinem Geschichtswerke und zum Verständnis desselben in verdienstvoller Weise zusammengestellt hat. Aber sie betrifft nicht die gesamte spanische Schule, weil sich Grätz diesen Zweck nicht vorsetzen konnte. Ein weiter gehender Versuch zu einer bezüglichen Zusammenstellung ist seitdem (Grätz’ Arbeit erschien 1862! nicht vorgenommen worden. Wer den Wert einer über alle erreichbaren Dichter sich erstreckenden Blumenlese kennt (die fehlenden sind S. V angemerkt) wird den Herausgebern dafür Dank wissen, daß durch ihre Mühe nun eine Anzahl Namen inneres Leben bekommen. Die Reihe der behandelten Dichter beginnt mit Menahem und Dunasch und endet mit Alcbarisi. Damit ist ein Zeitalter möglichst ' lar und in die Augen fallend behandelt. Die Herausgeber wollten von jeder Dichtungs ■rt wenigstens ein Beispiel geben und zwar in möglichst fehlerfreien Texten. Die Vokalisation entspricht den von Brody in seinem Divan angewandten Grundsätzen. Reim und Versmaß mußten da oft die Grammatik verdrängen (s. darüber S. VIII). Daß eine Erklärung der Stücke fehlt, halten wir für nicht vorteilhaft. Allerdings, ia den Anmerkungen findet sich die Angabe der Quellen, nicht nur der biblischen, sondern auch der in den Dichtungen verarbeiteten agadischen. Aber so leicht wird nicht jeder das Verständnis dafür haben und die oft s°hr künstlichen Beziehungen zwischen dem Wortlaut nnd Sinn der Quelle und zwischen ihrer geistreichen Anwendung auf den vorliegenden Fall finden. Und dann — soll dem Leser die durah ein Gedicht gehende Stimmung, das unausgesprochen im Hintergründe liegende nicht angedeutet werden? Und wie zweckmäßig wäre oft eine Angabe über die Veranlassung, aus welcher ein Gedicht entstanden! Ich gebe zu, daß sich das nicht vereinen ließ. Aber dann kann in einem besonderen Bändchen das Versäumte nachgeholt werden. Selbst eine gute Uebersetzung würde ich nicht für überflüssig halten. Es wäre nicht schlimm, wenn man im Waisenliede ben Chisdais lesen würde (es handelt sich um Samuel Nagrela; man verzeihe mir die für meine Schüler gemachte schülerhafte Uebertragung):- Des Fürsten Name, unsres Samuel, Erfüllt mit seinem Ruhm die ganze Erde; Hat ihn die alte Zauberin erweckt, Daß er zum Schutzwall unserm Volke werde? Der Samuel gleicht jenem Samuel, Den Gott eiDst aus dem Heiligtum gerufen; — Und ist eps nicht — an hohem Sinn er gleicht ihm, Da er erstiegen der Vollendung Stufen. —