Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 5. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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liehen Lauf und nicht immer will sie sich ünsern Wünschen und Anordnungen fügen. Es gibt gar viele Uebel im Leben, gegen die der Mensch! nicht aufkommen kann. Ja, wird der unverwüstliche Optimismus Israel entgegnen, sie sind notwendig, denn im Leben bewähren sich die meisten Tuge|nden; hier erstrahlen sie in ihrem höchsten Glanze. Selbstlose Aufopferung, Gesinnungstüchtigkeit, Heizensgüte, Hingebung an den Menschen und an Gott sind Erzeugnisse der Not, der Herzensangst. Gott ist dem Menschen im Leiden verbunden, lautet ein Spruch des Talmuds. * * . $ Weil nun aber der ethische Willen Gottes das ganze israelitische Volk umfaßte und es in feinen sittlichen Forderungen vereinigte, konnte hier die Tugend nicht ein Monopol der Priester und \yeisen werden, hier wurde sie nicht in Absonde1}ung8verbänden von einigen Erlesenen geübt. Sie . war das Gemeingut des ganzen Volkes. Im Bewußtsein dieser hohem Gemeinschaft waren sich die ein*elnen Glieder in Freud und Leid verbunden, und jeder trug sein Geschick in Ergebung im Gedanken, daß das ganze Volk hinter ihm stehe und über ihm der große Beschützer, der nicht schläft und nicht schlummert. Statt des strengen ethischen Willens Gottes war es in der Not seine Liebe, die ganz :Israel im Mitgefühl für den vom Unglück betroffenein Teil verband. Der ganze Volkskörper zuckt zusammen, wenn ein Glied von ihm verletzt wurde. Jene gemeinschaftlichen Leiden und Freuden zeigten sich bei keinem andern Volk in diesem Maße. Je mehr aber Israel sich mit dem göttlichen Willen indentifizierte und so zum Konventikßl der Wahrheit für andere Völker wurde, mußte es an seine Unentbehrlichkeit, an seine Zukunft glauben. Mögen sich Staaten auflösen und Völker zu Grunde gellen, Israel bleibt, denn es stellt die Pe|rsonifikation des sittlichen Geistes dar. Tatsächlich verkünden die Propheten den ewigen Bestand Israels. Selbst der konsequente Amos, der Israel gleich andern Völkern durch die Assyrer vernichten läßt, will doch auf einen kleinen Teil nicht verzichten, der die Wahrheit weiter künde. Nach Jesaias aber ist diese geradezu mit Zion und Jerusalem identisch. Selbst Jeremia, der den Fall seines Volkes erlebt, hofft, daß Israel verjüngt wieder neu erstehen werde. Und bei Deuterojes. erscheint Israel in der Heilsgestalt des Gottesknechts. Es ist gedrückt, gezeugt, geknechtet, aber noch hat es sich nicht aufgeieben, aber noch immer harrt und hofft es auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen. Aber selbst als die Flutwellen der Zeit über seine Hoffnungen hinweggegangen, auch dann gab es sein Vertrauen zu Gott nicht auf. Sein Geist schwebt ihm in ver- {üngter Gestalt in dem Messias vor. Er kommt am linde der Tage, der die Völker beglücken und im Frieden einen und Israel in seine alte Herrlichkeit wieder einsetzen wird. So stellt sich Israels Optimismus als der Glaube an eine sittliche Weltmacht dar. Die Verwirklichung dieser auf Erden schwebt ihm als Ideal vor. Sein Volkstum aber steht und fallt mit diesem Glauben. Replik. Dr. Goldschmidt, der in seiner anerkannt vorzüglichen Uebersetzung des Gebetbuchs glänzende Proben seiner poetischen Begabung geliefert, betrachtet die zur Diskussion gestellte Mischnah mit dem Auge des Poeten und beleuchtet das Dunkel in derselben durch den Glanz der Poesie. Darum habe ich es unterlassen, die kritische Sonde anzulegen, und stellte bloß meine schlichte und einfache,Saber wort- und sinngemäße Erklärung neben seine — stimmungsvolle. ׳Herr Dr. Gold- Schmidt will sich aber mit einer solchen formalen Anerkennung nicht begnügen, glaubt vielmehr in seiner .Erklärung den wahren Sinn der Mischna gefunden zu haben. Die Wnhrbeit aber gestattet nicht nur eine Kritik, sondern fordert sie geradezu heraus. Vor ihrem Forum hält! jedoch seine Interpretation nicht Stand. Gegen sie eprich|t zunächst der Sprachgebrauch. 'מצור, א kann durchaus nicht ״erste Mizwah* übersetzt werden. Dies wird überall in Misahnah und der talmudischen Literatur durch ,מצור, ראשינו־ ausgedrückt und der Anfangsbuchstabe wäre demnach ein ר gewesen. Ferner wäre nach dieser Deutung die Afelform םטיבין< סואריבין völlig unangebracht. ״Er findet und fördert selbst sein Glück durch den Ehestand, wie auch tatsächlich derselbe Gedanke in dieser Form in dem angeführten Ausspruche des Rabbi Chamilai Jeb. 92b שרוי בלא חומה ען׳ ausgedrückt wird. Schließlich findet die größte Schwierigkeit nämlich die zwecklose Wiederholuug in negativer Weise ובל שאינו ערשה durch die Erklärung des Herrn Dr. Goldschraidt keine Lösung. Und nun zu den Einwänden, die Herr Dr. Goldschmidt gegen meine Auffassung vorgebracht, die ich 4er Reihenfolge nach widerlegen will Es ist richtig, daß das Gebot כבוד אב ואס in Mischna VII nur nebensächlich erwähnt wird. Doch jeder Talmudkundige weiß, daß auch ein 108er Zusammenhang dem Redakteur genügt, um daran ein Gesetz odpr eine Sentenz anzuknüpfen. Und das ganze erste erste Kapitel dieses Traktates bildet eine Bestätigung hierfür. Die Gedankenverbindung ist übrigens hier eine streng logische. Die Miscßna VII beginn* mit jenen Vorschriften, die nur dem männlichen Geschlecht verpflichtend sind, nicht aber für das weibliche. Hierauf folgen jene Vorschriften, die gleichfalls keine allgemeine Gesetzeskraft haben, die nur in Paläsliua erfüllt werden mutjten, außerhalb des Landes aber nicht Nachdem die Auffeählung dieser Pflichten von bedingter Gesetzeskraft abgewiesen ist, knüpft der Redakteu> an die vorhin erwähnte Pflicht! der Elternverehrung ein Wort zur Beherzigung, indem er! auf die weittragenden Folgen hinweist, welche die Erfüllung oder Außerachtlassung eines einzelnen Gebots nach sich zieht Die Reihenfolge der Mischnijoth ist mithin eine streng logische. Ebenso bietet die Umkehrung nicht die allergeringste Schwierigkeit Wie der Vordersatz ist auch diese eiue Schlußfolgerung aus dem Wortlaut jener Verheißung, die ausschließlich von der Erfüllung dieses Gebots bedingt ist. Der Grundgedanke der Mischnah ist demnach: ״Wer kein einziges Gebot beobachtet, aber dieses erfüllt, dem wird das höchste GlüOk zuteil. Wer hingegen alle Pflichten erfüllt, das Gebot der Elternverehrung aber nicht, geht dieses höchsten Glücks verlustig“. Das ist doch nicht ״eine Wiederholung dessen, was ausdrücklich in der Thora steht“. Daß endlich diese Mischnijoth ihren Platz in dem Traktat der Ehe haben, hat jedenfalls seinen Grund in dar Mischna VII: Denn zu der daselbst erwähnten מצות הבן על האב gehört auch die Pflicht להשיאו אשה und mit dieser Mischna sind die anderen, wie ich oben bemerkt, durch eins Ideenassociation verbuuden. Schließlich nehme ich das Wort ״ohne Anwendung eines textkritischen Apparats“ zurück und sage nach meinen eingaugs gemachten Bemerkungen: ohne — poetische Lizenz. Malmö, 14. Februar 1905. Dr. Josef Wohlstein, Rabbiner. Schluß der Debatte. Die vorstehenden Ausführungen des Kollegen Dr. Wohlstein, für dessen anerkennende Bemerkung über mein ״Die Poesie der Gebete Israels“ ich herzlichst danke, habe ich nichts hinzuzufügen, da ich bereits in meiner letzten Erwiderung dem Urteil des Lesers die Entscheidung anheimgegeben. Nur