Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 2. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
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X 7 — ihr dürft keine Glatze scheren zwischen euern Augen, ob eines Toten.“ — Darum tröstete sich David, als ihm sein einziger Sohn von d<!r Bath- Scheba starb, mit den Worten ״Vermag ich ihn denn nunmehr zurüekzubringen? Ich werde{ zu ihm kommen, aber er keineswegs mehr zu mir“ (2. Buch Samuel, Kap. 12, Vers 28). Darum sprach iJeremia .,Weinet nicht um den Toten“ (Kap. 22, Vers 10). Im Moed Katan 27b bemerken unsere j Weisen — כל }המתקשה על מתי יותר מדאי על סת אחר הוא בוכה - Der Zweck des Menschen hienieden ist iiur, daß er durch seinen frommen, sittlichen und tugendhaften Lebenswandel seine Seele so rein erhalte, wie er sie von Gott empfangen hat, daß er getrost ausrufen könne — ״ — ד' נתן וד' לקחGott hat gegebep, Gott hat genommen“, und das vermag er nur durclh einen frommen, Gott gefälligen Lebenswandel, Wenn er auf dieser Welt so lebt, daß er sich eines glückseligen Lebens im Jenseits würdig macht In diesem Sinne sagt der weise Salomo (Koheleth. |£ap. 4, Vers 2) — ושבח אני את המתים שבבר מתו —Ich preise jene Toten, die schon beim Leben für diese irdische Welt abgestorben waren“, talmudisch heißt dieser Ausspruch im Koheleth — רשעים בחייהם נקראים מתים - Im Talmud, Sabbath 106a finden wir ״Wenn ein Mitglied vom Verbände Israels gestorben ist] sollen alle Mitglieder des Verbandes darob besorg} sein“. - — אחד מן החבורה שטת תדאג כל החבורה —!In der bezeichneten Gebetstelle jedoch finden wir dpnnoch nicht, daß durch ein einziges Wort dieser Besorgnis Ausdruck verliehen worden wäre, weil eben aer Tod kein Unglück für den Menschen ist. In der Stelle אחר מן החבורה bezeichnet der-Ausdruck 4־ אחד einen hervorragenden, ausgezeichneten Mann — המי(חד — wenn ein solcher gestorben ist, da muß die{ ganze Gemeinde Israels besorgt sein, weil er während seines Lebens ihr Schutz war. שקולה |מיתת הצדיקים כקריפת ביתה׳ (Rosch-haschana 18 b.) Die Ajlltagsmenschen beten wohl mit größter Andacht diese Gebetstelle, weil sie der Anblick der vorhandenen Leiche an die Vergänglichkeit erinnert; aber sie begreifen doch nicht den reichhaltigen Gedanken des Gebetes. — — ״ —משה סת מי לא ימותMoses ist gestorben, wer stirbt nicht“ 8011 nicht eine Tröstung allein sein!, sondem man muß sieh auch die Gegenfrage stellen[״Wer hat wie Moses gelebt? Wenn man schreckliche Furcht hat vor dem Scheintod, warum hat! man keine Angst vor dem Scheinleben? Ist doch die Seele lebendig im Leibe begraben und hat dieselben Qualen zu bestehen. Wer leben will, muß religiöse Grundsätze befolgen, muß Glaubensansichtei 1 besitzen, muß Gott und seine Gebote stets vor I.ugen haben — שמתי ד' לנגר חסיד — darf sich nichjt den Schwankungen überlassen, darf Zweck und Mittel nicht vertauschen. — ד' נתן וד׳ לקח יהי שם ד׳ מברך — Dieser Schluß- Ters aus dem angeführten Gebete bei der Leichenfeier soll die höchste Glaubensstärke, die wärmste Glaubensinnigkeit, die vollste Ergebung in{ den ״illen Gottes sein, denn wir rufen aus ״Got|t hat gegeben, Gott hat zu sich genommen unser Liebstes und Theueres, der Name Gottes sei ('«priesen“. Den Gebrauch, die Gräber unserer Verstorbenen zu besuchen und daselbst Totengebete zu verrichten, sollen die Juden in Deutschland während der Kreuzzüge der katholischen Kirche entnommen haben. (Siehe Graetz, volkst. Geschichte der Juden, II. Bd., S. 416.) Den Ursprung des Gebetes — דצור תמים — finden wir im Talmud, Aboda Sarah 18 a, als R Chanina ben Teradojn, seine Gattin und seine Tochter verurteilt wurden, erster zum Verbrennen, die zweite zur Hinrichtung und die dritte als Buhldime, da sprachen sie bei der Vollziehung des Urteils jenes Gebet. הוא אמר, הצו־ תמים פעלי. ואשתו אמי־ה, אל אמינה יאין עיל* בתי אמרה•.גדול ו!עצה ורב העליליה אשר עיניך פקוחות על בל דרבי רגן'. — (.8. auch sifri 11!. st) D. Dr Litteraturbericnt. Recensionen. Sohriftan Bbtr Slraoh A. Schiatter. Das nengefandeile Stftek des 8irach. Der Glossator des griec lischen Sirach. 181 S. 3,60 Mk. j Gasser. Die Bedeutung der Spraehe Jesu ben 8ira für die Datierung des althebr&iscbea Spruchbuches. Gütersloh. 275S. 4,85 Mk. Bertelsmann, Der rege Bertelsmannsche Verlag in Gütersloh gibt seit acht Jahren ,Beiträge zur Förderung christlicher Theologie“ heraus (Schiatter und Lütgen sind die Leiter dei Unternehmens), welche in Buchform eine Anzahl hochwichtiger Arbeiten, besonders auch auf dem Gebiete der Bibelwisse isehaft enthalten. Wie bescheiden der Titel und wie bedeutend die Ausbeute! Jede Arbeit abgeschlossen in eich, in maSrolIer Weise den Uebergriffen der Neuesten entgegentretend — eia Unternehmen, wie wir es auf jüdischem Boden uns wünschen möchten! Ds werden alle Teile der Bibel unter Berüoksichti gung der äugenblicklich herrschenden Auffassungsweisen uiittForscherblicken beleuchtet, keine Vogelstrauliweisheit hemmt die Berücksichtigung fremder Ansichten, denn der Glaube an die Bibel erfüllt die Mitarbeit,r und verleiht ihnen den wissenschaftlichen Scharfblick. Wenn der ,Neid der Gelehrten die Weisheit mehrt־, so muß die meine schon sehr gewatheen sein. Ich beneide die christlichen Forscher tatsächlich u n diese Arbeiten und möchte mich gern in eine Zeit hineinträu men, in welcher wie früher aus unserer Mitte die leitende Tätigkeit hervorgetreten ist und gewaltig gewirkt hat. Doch, um hier nicht unendlich zu werden, muß ich zur Sache kommen. Zuerst greife ich auf die ältere Schlatterschje Arbeit zurück, die zu besprechen ich bisher noch nicht die {Gelegen beit gehabt habe. Sie führt uns ins Jahr 1899 zurück, in jene jedem Beteiligten unvergeßliche Zeit, als die neuen Surachfunde noch mit Macher Kraft wirkten. Umsomehr als ' erst nur einige Kapitel veröffentlicht waren (Sirach 89»—49iu). Später ist der ganze Sirach hebräisch veröffentlicht worden. — aber wer bringt uns die Empfindungen jener ersten Zeit zurück? Ein Blick auf die Schlatterscbe Arbeit hat diese Zauberkraft, in jene Jahre uns zurückzuversetzen, wo etwa der Smendsche Abdruck uns in freudige Erregung versetzte, abgesehen davon, daß man (man nehme uns diese Empfindung nicht übel) Namen wie Schechter, Neubauer, Margoliouth, Halevy!mit besonderer Auszeichnung nennen hörte. Wir deutschen: Juden hatten damals und haben auch heute noch nicht unaern Teil an der Sonne.