Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 23/24. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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!□dem sie diesen beiden Grundlagen des Judentums gerecht werden wollten, mußten sie ihre Kräfte zu den höchsten Leistungen anspannen. Indem sie sich nur an das Notwendige hielten (d. h. an das, was solchen Geistern notwendig erscheint), waren sie in der Lage, etwas Ganzes zu schaffen, wo andere sich nur an Einzelgebiete hielten. Da aber schriftliche und mündliche Lehre ein einziges Ganzes ausmachen, 80 stießen ihnen, da sie beide Gebiete überschauten, ganz andere Fragen auf, als man sie sonst stellte, und das brachte sie zu ganz anderen Erörterungen. Jede gesetzliche Thorastelle trug ihnen sofort das Gepräge des Halachischen, jeder halachische Satz führte ihren Geist sofort zur Schrift zurück. Und sie gingen den Fragen, die ihnen begegneten, nicht aas dem Wege. Das ist bei Raschi vielleicht wenig hervorgekehrt worden, während man diese Seite bei Maimonides mehr voranssetzt Raschi hält man, wo er das Rechte trifft, (wie man sich oft herablassend ausdrückt) für ein harmloses Kind, das sieh der von ihm verarbeiteten Gegensätze gar nicht bewußt ist. Man verwechselt die unbewußte angeborene Kraft der wahren Größe mit glücklicher Blind- —heit. Wenn Raschi auch philosophische Fragen fernlagen, so mußte ihm der Gegensatz aufstoßen, der in der Behandlung der Bibel und des Talmuds sich uns auftut: Der Gegensatz zwischen dem Wortsinn der Schrift und der talmudiseh-midraschischen Deutung; das ist aber gleichbedeutend mit dem Verhältnisse der schriftlichen zur mündlichen Lehre. Mußte er nicht fürchten, eine der beiden Seiten zu verletzen? Und sollte es dem Altgläubigen da nicht näher gelegen haben, die wörtliche, sinngemäße Erklärung vor der überlieferten rabbinischen Deutung zu unterdrücken? Qder hätte es ihn nicht dazu treiben sollen, eine künstliche Ueberbrückung der Gegensätze zwischen Peschat und Derasch zu versuchen? Er hat keins von beiden getan. Dagegen hat er bei den anmutendsten Midraschim daran erinnert, daß der Peschat sich nicht mit ihnen decke; bei den halachisch wichtigsten Deutungen unbarmherzig darauf hingewiesen, daß der einfache Wortsinn anders sei. Gerade da, wo man geneigt wäre eine Einheit beider zu vermuten, tritt er mit diesen Gegensätzen hervor; wo man dagegen von selbst den Unterschied merken kann, schweigt er darüber. So konnte er über den Zusammenhang der Schrift, wie über deren Sinn die tiefsten Aufschlüsse geben und zugleich Midrasch find Halacha in weitestem Sinne berücksichtigen. Als wenn er den Unterschied zwischen Peschat und Derasch voraussetzen würde, versäumt er nie, darzulegen, wie in einzelnen Fällen beides übereinstimmt. Das scheint ihn in Staunen zu setzen. Wie denn anders? Soll es eine mündliehe Lehre geben, so darf sie sich nicht mit der schriftlichen decken, kann höchstens, wenn sie nicht als Halacha le Mosche missinai auftritt, in den Worten der Schrift angedeutet sein. Ein Glück, daß er nicht , mehr Zeit hatte, nach der Anregung Samuel ben Meirs seine Thoraerklärung umzuwandeln und die midraschische Seite einzuschränken. So konnte seine Erklärung nach zwei Seiten hinwirken. Und Maimonide8? Abraham ben David warf ihm vor, er hätte Fragen aufgeworfen, auf die er selbst nicht die Antwort hätte geben können. ״Er hätte besser geschwiegen!“ meinte er. Es schien dem Maimonides garnicht gefährlich, Fragen*anzuregen, welche die Denkkraft des Erdenmenschen zu übersteigen schienen. Die Thora ist Gottes Offenbarung — aber auch Aristoteles ist ein Geschöpf desselben Gottes. Müssen Schrift und Weltweisheit Gegensätze bilden? Beide kommen aus derselben Quelle, aus dem Gottesgeist her! So muß es eine Beziehung zwischen ihnen geben. ״Du sollst über die Thora forschen Tag und Nacht, du sollst es heute erkennen und dir zu Herzen nehmen, daß nur ein Gott im Himmel droben und auf Erden unten ist, keiner sonst!“ So ist das Forschen über Gott und seine Lehre nach allen Seiten hin, wo sich Be- Ziehungen und Fragen entdecken, nicht etwa gestattet — es ist Pflicht! Wie kann nun Mischne Thora anders beginnen, als mit dem ״Madda?“ Muß die Erklärung der Mischna nicht bei jeder Gelegenheit mit philosophischen Erörterungen bereichert werden? Und muß nicht der Moreh Nebuchim das ganze Gebäude krönen? Und auch das war es noch nicht, was ihren Arbeiten eine So geistesweckende Macht verlieh. Es lag darin, daß sie in ihren Hauptwerken sich äußerst wortkarg, andeutend geäußert .haben. Sie ertränkten und überschwemmten ihre Werke nicht mit vorausgeschickten Fragen, machten keine unnötigen Ueberleitungen, sondern gaben ihre Ergehnisse. Sie überließen es andern, die Fragen zu entdecken, die sie bewegt hatten, andern zu erkennen, welche Schwierigkeiten sie hatten überwinden müssen.J Dabei schrieben sie nicht rätselhaft, wie etwa Ihn, Esra, sondern klar und selbst dem Kinde verstandlieh — erst der tiefe Kenner beginnt die Rätsel zu ] ahnen, die dort verborgen liegen. So hält es Raschi j in seinen erklärenden Werken, so Maimonides im Mischne Thora. Sie dachten also den Späteren nicht j zudringlich vor, sondern ließen die Nachgeborenen j selbsttätig teilnehmen an ihrem Lebenswerk. Daher j der unvergängliche Reiz, der diesen Schöpfungen innewohnt — sie wurden zu Ausgangspunkten einer I uns schier unendlich scheiuenden Geistestätigkeit I und können nie überwunden werden, weil sie immer 1 Rätsel bieten. I Und wie geradlinig wußten sie ihren 80 weit- ] gehenden Arbeitsweg zu gestalten! Die Thora und! die Bibel überhaupt lehrt Raschi den Rabbinismus, I der Talmud lehrt ihn die Bibel verstehen — er tritt, 1 wie weit er auch um sich greift, aus seinem Arbeit»־ I gebiet nicht heraus, weil Bibel und Talmud Gegen-1 stände und Mittelpunkte bilden.* Maimonides erklärt* zuerst die Mischna, durchtränkt sie mit den rabbi-1 nischen Entscheidungen - kann ihm nun das tal־ J mudi8che Gesetzbuch mißlingen, 80 schwer die Anf-J gäbe war, den Stoff zum erstenmal sachlich «1 sichten? Aber die Vorarbeit war eine gute. Und■ als es im Moreh Nebuchim nun hieß: Judentum und■ Philosophie!“ da tappte er bezüglich des Judentum»■