Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 3. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
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11 weisen, daß die Fehler mit den Vorzügen Heine’s eng Zusammenhängen, daß aber diese guten Seiten der Entwicklung Deutschlands gute Diejnste geleistet haben — dann sind vor der Macht djer Tatsachen die Einseitigkeiten in der Beurteilung Heine’s bei Freund und Feind überwunden. Seine Schwächen sind dann nicht Kinder des Judentums, sondern seiner Zeit, und es läßt sich vielleicht beweisen, daß das Große an ihm nicht anders, als im Kampfe mit der Empfindsamkeit und der Biedermaierei jener Jahrzehnte sich emporarbeiten konnte. : Ist das bewiesen, dann steht Heine als etwas Ganzes vor uns; dann sehen wir nicht, wie jetzt, eine Masse glänzender und blinkender Einzelheiten in seihen Schriften vor uns, sondern einen großen Zusammenhang, und die abstoßenden Züge in seinem Leben werden dann eben so begriffen, darunter auch seine Taufe. Dann werden wir nicht mehr nötig haben, alle einzelnen Wendungen und Witze in Heine zu bewundern, jeden Fehler an seiner Person zu verkleinern — wir werden die Taufe dann als einen dem haltlosen Geist der Zeit entrichteten Zoll betrachten, der die Kreise der Romantiker überhaupt erfüllte. Sicher wird dann Heine größer, als jetzt, vor den Augen seiner Leser stehen, und es wird Jedem um so eher möglich sein, das Gefährliche in Heikle zu überwinden, als er das Große in ihm dann mit Sicherheit wird suchen und daran sich erfreuen können. Das zu erzielen, ist nicht unsere Pflicht allein, sondern die eines jeden Deutschen, der nichts Großes in dem vaterländischen Schrifttum will! unbeachtet lassen, und das wahrhaft Große in Heine bleibt vielfach vor dem Minderwertigen in ihm verborgen. Doch ist es begreiflich, daß wir Juden uns vor allem an diese Sache zu machen haben. Wir haben unter den Spuren seines Lebensweges zu leiden, darum ist eine Klärung dieser Dinge zunächst unsere Angelegenheit. Wir haben dann ein umso größeres Recht, auf das Marannenhafte in Heine hinzuweisen, auf Züge der Sehnsucht und des Heimwehs, die ihn in das jüdische Haus und in die Synagoge auf Dichterschwingen zurückfiihrten, und manche von denen, die vielleicht ihm auf seinem Wege aus dem Judentum hinaus hätten folgen mögen, werden durch Hervorhebung solcher Gemütszustände in Heine vielleicht dem Glauben der Väter gerade erhalten bleiben. Uebrigens hat ohne jeden Sonderzweck die unbestechliche Wahrheitsliebe ihren Wissenschaftliehen Pfad zu gehen, und da bleibt am Ende die Frucht nicht aus. (Fortsetzung folgt.) Litteraturbericht. Recensionen. Dr. M. Steekelmacher, Mannheim. Das Prinzip der Ethik. Mainz, Johann Wirth’sche Hofbuchdruckerei. Kleinliche geschichtliche Einzelforschungen oft winzigster Art erfüllen heute die Welt und drängen das Reingeistige zur Seite. Die Philosophie, einst die Wissenschaft der Wissenschäften, ist an die letzte Stelle gedrängt. Da ist sieh der Verfasser des ״Prinzips der Ethik* w>hl dessen bewußt, mit seiner Arbeit ein Wagnis za untemeb men, aber er will auch zeigen, wie wichtig für das Leben, ,a, Ihr die Tage*fragen selbst es ist, Auseinandersetzungen »1 gemeiner Art gründlich vorzunehmen ״nach dem Vorbild der Ahnen*. Schon dieser Weckruf des Verfassers sollte dem vorliegenden Werk weitgehende Beachtung sichern, wobei er 1!!nächst auf seine Fachgenossen rechnet. In seinem Prinzip 8011 ein untr&gl ches Kennzeichen dafür gesucht werden, wovon die Anerkennung einee Sondergebots abhängig gemacht werden kann, und zwar 8011 es von vornherein seit den ältesten Zeiten im M enschengemfit wirksam gewesen sein; es muß darin -der höchse irdische Zweck liegen und ein umfassenderer Begriff darf nicht möglich sein. Das alles erfüllt der Gedanke: Erhaltung: und Förderung des Lebens. Der höhere Zweck, der uns durch das Sollen vorgehalten wird, liegt in der Ausdehnun!; dieser Forderung auch auf die Mitmenschen. Diese haben wir nach der höheren inneren Stimme auch dann in ihrem Wollen zu unterstfitaen, wenn dasselbe unseren Zielen entgege azulaufen scheint; ]fitleid, Dankgefühl, Scham beruhen ja ge radezu erfahrungsmäßig auf Rücksicht gegen fremden Willen. Wird nun der Wille, der sich ja selbst »ufheben kann, inmitten der ihm gesetzten tatsächlichen Schranken als. frei angesehen, so weist die Vereinigung dee Sollens mit dem Wollen auf die Lehre von Gott als dem Weltsehöpfer hin, wodurch Sollen und Sittlichkeit in dom überirdischen Weltgründe eine unerschütterliche Stütze e rhalten. Haben doch fast alle Philosophen die durch ihre Voraus• Setzungen gewonnenen Sittenlehren no 3h besonders auf etwas höheres zu stützen sich bemüht, bis a! tf Kant, der im Gegensatz zu seiner unerbittlichen ״reinen Vernunft* in der Sittenlehr# den Gottesgedanken für unantb ■farlich hielt. Er faßte die Gottheit allerdings als Wesen mit ' lochten ohne Pflichten, auf, deren Wille für Alle Gesetz ist, die Idee eines moralischen Wesens, das nicht der Urheber desselb« n ist-, auch an anderen Stellen wird Gott von ihm nicht als Ge •chichtsgrund, sondern als Vorstellung gefaßt Kant wollte Gott m seinem Gebäude nicht missen, wenn seine Herleit mg des Sittlichen auch ganz wo anders gipfelt Der Gottesged mke ist aber, wie Verfasser dartut, an sich selbst unendlich r sich für unsere Sittlichkeit und für unsere Gl&ckssehnsucht zugleich, auoh in den Punkten, die nicht mehr zur Lehre vo!n Sollen, sondern zum Glauben gehören. Mit Recht weist Verfasser nun auf Gott als unabhängigen Weltschöpfer hin, der durch seine Willensfreiheit bei der Schöpfung kundgegeben, daß der Mensc 1 als sein Hilfsarbeiter sie erhalten müsse, hi der ganzen forts< hreitenden Darstellung der Bibel zeigt sich diese Auffassung l is zum. Festhalten der menschheitlichen Fortschritte bei Babel Jubal, Tubslkain, bis zur Entwickelung des Ruhmgefühls auii der Sünde, des Allgemeinmenschlichen in der Gestalt Abral lama, dem menschenerhaltenden in der Gesetzgebung. Es f Lllt von diesem Standpunkt aus ein helles Schlaglicht auf di) meisten Erzählungen der Bibel, die sieh als Verkünder des 1 Irhaitungsand Förderungstriebes des wahrhaft Menschlichen und Edeln kundgeben. Verfasser hat also die Sittenlehre s 3 vom philosophischen und theologischen Standpunkt behändst, und man wird ihm den zweiten glauben, weil er den ersten mit solcher Kenner• Schaft beherrscht Welch eine Fülle ׳׳on Denkern tritt uns bei seiner Prüfung der wissenschaftli 3hen Begründang der Sittenlehre entgegen. Und es sind nicht nur Namen. Wer sich über die Entwicklung dieser Frager unterrichten will, der hat in vorliegendem Buche den geeigne baten Führer gefunden. Daß Verfasser sich für berufen hält, di! Sittenlehre der Bibel, des Talmuds und des jüdischen Schrifttums überhaupt zu verteidigen, wird man einem solchen Gei st nicht als Engherzigkeit auslegen. Wer das Fremde versteht, kennt auch das Eigene, und der wird das eigene Geistesgut in maßvoller Weise, aber am so wirksamer gegen Angriff zn schützen wissen. In unserem (im gleichen Verlage erscl ienenen) ״Hammurabigesetz, Bibel und Talmud“, wie in ״Bibel trotz Babel“ (Leipzig, Kauffmann) haben ■wir bezüglich der!Schöpfung ein ganz ähnliches Ergebnis gefunden; aber wir haben dort noch auf die Erinnerung des Auszugs aus Egypten als sittlich treibender