Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 24. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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97 Geschehen, das Gewisse. Schlechterdings Undenkbartes enthält selbst das Wunder nicht. Die alltäglichen, nicht \\|underbaren Dinge werden durch eine innewohnende Gesetzmäßigkeit bedingt, welche die Selbsttätigkeit des Frommen verlangt, wenn seinem Tun der Lohn folgen soll; selbst die göttliche Allgerechtigkeit hebt die Ursächlichkeit der Dinge nicht vollkommen auf. Der wahre Erfolg derselben liegt darum im Jenseits, wo die Ursachenverhältnisse aufhören. V0(n hier aus behandelt Saadia auch die Frage der Vergeltung: überhaupt. — Um vom Wunderbaren zu reden, ist die Belebung der Toten noch begreiflicher, als die Schöpfung aus!nichts, die!loch feststeht. Unsere Vernunft kann nämlich: gegen das Mögliche nicht unbedingt streiten, sondern nud gegen das Widersinnige. Da die Bestandteile der einst Lependen doch immer, selbst wenn verweht und verflogen, vorhanden sind, so kann Gott dieselben jederzeit zusammenbringeO. Vom Standpunkte des Möglichen aus ist also alles Wunderbare in der Bibel einfach erklärlich. — Das Wunder dient «er Begluubigung der Propheten, die sonst allen übrigen Manschen gleichen und leiden, wie sie, damit die Göttlichkeit ihrer Sendung umsomehr hervortrete. Nur was als Wunder angekündigt wird, hat das Wesen eines solchen. Die Offenbarung sagt nichts anderes, als was die Vernunft dem Menschen von selbst hätte zeigen können. Aber ohne sie wäre der Mensch zu spät zu solchen Ergebnissen gekommen. Doch die Wunder der Offenbarung und die Kraftbeweise der Propheten! gelten nur für Lehren, die in der Möglichkeit liegen. Fürs Unmögliche gelten sie nicht. Man kann durch sie also nichts sittlich Schlechtes beweisen. Nach allen anderen Beweisgründen für eine Sache sei das Wunder der letzt«), (Mit Recht nimmt Vf. S. 23 an, daß hier von Wundern die Rede.) Der Prophet selbst muß durch ein Zeichen von der Gföttlichkeit seiner Sendung überzeugt werden. (Beiläulig gesagt, wohl wegen der vielen Schwärmer, die damals aufrichtig an ihre messianische Sendung glaubten.) Das Wunder geschieht offen, der Zauber insgeheim. Mosis Wunder mit dein Nil erstreckten sich über die ganze Weite desselben, sie gönnten künstlich nicht nachgeahmt werden. Saadia hat sich bemüht, Wunder, Offenbarung und Vorsehung mit der Vernunft in Einklang zu bringen; er hat dafür gesorgt, daß ihre Wirkungen sich auf das Notwendige beschränken; er hat, wenn dadurch kein Umsturz der! Thora- Satzung za befürchten war, bildliche Deutungen gestattet, manches natürlich erklärt. Wenn auch scheinbar manche seiner Ausführungen nicht in Einklang mit einander zu [bringen sind, so hält doch alles, wie ich glaube, der Zweck zusammen, strengen Glauben und freie Wissenschaft auf gleich! festem Grunde bestehen zu lassen und die Entwicklung des [Judentums nach der Gemüts-, wie nach der Verstandesseitp zu ermöglichen. Er hält Wunder nicht für unmöglich, alsp nicht für vernunftwidrig; das hindert ihn nicht daran, Wunderbares natürlich zu deuten. Die Vernunft kann alles, w^s Gott offenbart, von salbst erkennen; doch ist Offenbarung notkvendig. Hat Saadia die Losung ״Glauben und Wissen“ schon der Aufschrift seines Werkes aufgeprägt, so muß er gerade in unserer Zeit mehr, als geschehen ist, beachtet werden. Die Art seines Vorgehens macht ihn, gerade durch diel scheinbaren Widersprüche in seinem Gedankenbau, besonders geeignet, dem Gläubigen, der denken will, ein Pfadführer zu sein. Wir wollen dies an anderer Stelle beweisen. , Die Darstellung Kramers hat uns für diese Auffassung eine Bestätigung geboten. Wir können ihm nicht auf seinem Wege durch die anderen Denkergebäude bis auf Maimuni folgen, müssen aber aussprechen, daß seine Zusammenstellung des Zerstreuten eine gründliche und zugleich lesbare Arbeit ist. Der Kenner wird in ihm den Kenner finden, und der gebildete Leser wird ihm ebenfalls mit Spannung folgen. Eine größere Uebersichtlichkeit hätte Verfasser durch Einteilung der Arbeit in Abschnitte dem Ganzen verliehen; dieselbe kann bei einer zweiten Auflage, die wir der vortrefflichen! Arbeit baldigst wünschen, ihr mit Leichtigkeit gegeben werden. Kramer wird bei den zu erhoffenden Arbeiten zur Begründung einer Religionsphilosophie, d. h. bei der Darlegung von Bewegungsgesetzen der Vernunft wie der Empfipdungs- Mächte nicht übersehen werden können. Dr. R. Färber. König Salomon in Theil I. Wien 1902, Schlesinger. Färber will keine Darstellung Salomon! c er Tradition. XII, 70 S. in agadischem ־Lichte bieten, sondorn aus den zahlreichen Worten der Rabbinen über diesen König ersehen, wie sie selbst gedacht und was sie in ihrer Zeit bewegt hat. Na :h einer gehaltreichen Einleitung nimmt er die Ereigniss e aus Salomons Leben bis zu dem berühmten Rechtssprucl e vor. Er geht genau auf die Namen der Tannaiten und 1 .moräer ein, heachtet jede Verschiedenheit der Ueberlieferm 1g, um das Zeitalter der Entstehung und der Ueberliefernde n zweifellos festzustellen. Er hat sich ein Einzelgebiet aus der Agada ausgewählt, um an einem Beispiele zu zeigen, wie er sich die Behandlung dieses Gebiets denkt und wie es fruchtbar gemacht werden kann. Färber findet, daß das Geschichtliche in der Agada zu wenig bisher beachtet worden ist und macht diesen Vorwurf auch gegen Bacher geltend. Wir haben in t nserer neulichen Besprechung der zweiten Auflage von Bacters Agada der Tarmaiten (Straßburg, Trübner) gezeigt, daß «lies von diesem Forscher bearbeitete Gebiet zu ungeheuer ist um ihm einen Blick auf das Geschichtliche grundsätzlich zu gestatten. Eher geht dies bei einem Einzelgebiete, wie es dt r Verfasser sich gewählt hat. Seinen Vorwurf bezüglich der zu geringen Beachtung des Geschichtlichen hat er sicher ge^en mich nicht gekehrt: in meinen mischnischen Arbeiten, basonders in den beiden Teilen des ״Zusammenhangs der Mis;hna“, habe ich die Agada vielfach zur Kennzeichnung der Z1!italter und ihres Geistes benutzt; in meiner ״Haggada in der Michiltha‘ (Semitic Studies, Calvary) habe ich den Geist des ei sten Tannaitengeschlechts bis zur Barkochbazeit zu findtn mich bemüht und habe noch neulich bei Bacher darauf hii gewiesen. Aber dem Verfasser sind meine Arbeiten wohl n cht bekannt geworden, und auch deshalb hat er mich nich; meinen können. Mir ist es um so willkommener, hiei einen Bundesgenossen zu finden, der dieselben Grundsätze bezüglich der Haggada geltend macht und mit Erfolg dur!hführt. Es läßt sich denken, daß sie auf die Halacha angewandt, auch diese aus dem augenblicklichen Todesschlafe erwecken können. Eine derartige Behandlung der Haggada hat den Verfasser zu folgenden Ergebnissen gebracht: Die ältesten Zeiten bis zu Akiba und seiner Schule haben Salomo abfällig beurteilt. Von Rabbi an beginnt eine andere Auffassung, und die Amoräer zeigen die Neigung, im Gegensatz Zu den Früheren Salomo zu verherrlichen. Verfasser nimmt an, daß der Gegensatz zu dem Patriarchenhause die Früheren zur agadischen Bemängelung Salomos des Stammvaters oder vielmehr des ersten Nassi aus Davids Stamm geführt, die Achtung vor Rabbi dagegen die hohe Schätzung Saloniios hervorgerufen habe. Einen anderen Ausgangspunkt vermutet Verfasser in der Tempelzerstörung, den Folgen des Barkochbakrieges und der Errichtung des Jupitertempels in Jerusalem, wodurch man auf die Sündhaftigkeit des ersten Tempelerbauers gekommen sei. Vortrefflich ist sein Nachweis, daß Rabbi die Mischna Sanh. 90a zugunsten Salomos und seines Anteils an der zukünftigen Welt geändert hat; der Nachweis, wie man Simei zum Lehrer Salomos machen konnte — in wenig Zeilen welch große Belesenheit und welche sichere Anwendung der Quellen! Wo spätere Bibelforscher, wie Kimchi und Gersonides, sich vom Midrasch trennen, z. B. in der abfälligen Beurteilung der Naama, da sucht er über Ephraem hinweg den Weg zu einer midraschischen Stelle Jochanans, mit Welcher sich jene Erklärer, allerdings in wissenschaftlicher Welse, einverstanden erklärt haben. Sein Auge sieht auch das Winzige, den Gegensatz in Zahlen — aber er weiß ohne Zwang die Quellen mit einander in Einklang zu bringen. Sollen wir das ganze Buch ausschreiben? Damit wäre dem Verfasser ein schlechter Dienst geleistet, allerdings den Lesern ein guter. Wer eine Arbeit freudig begrüßt, wie ich die vorliegende, braucht noch nicht alles zu unterschreiben. Der Streit der Ansichten ist ein Gotteskampf, und was wissenschaftliche Erörterung fördert, fördert uns 'להגדיל חורה ולהאדיר• Die Tannaiten beschäftigten sich von Titus bis auf Hadrian, wie wir in unserer ״Haggada in der Mechiltha“ dargetan, mit ganz anderen Gegenständen, als mit Salomo. Die Kämpfe mit den Patriarchen und die Zeitkämpfe führten