Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 24. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Morgen ist der Rüsttag zum Peßachfeste, und obfl eich dem Meister wie auch Friseuren und Wäschern gestattet ist, bis Mittag zu arbeiten1), so muß er sich doch beeilen, da er noch Verschiedenes fertig zu stellen hat Er nimmt zunächst ein Gewand zur Hand, an dem er jene Stelle, die infolge eines Trauerfalls in der nächsten Verwandschaft eingerissen und nach Verlauf der 7 tägigen Trauerzeit mit weiten Stichen zusammengenäht wurde, nunmehr, da die 30 tägige Trauerzeit von dem hereinbrechenden Feste aufgehoben wird, fest zusammennäht2). Er vernäht die Stelle so fein, daß der frühere Riß nicht mehr zu bemerken ist — einem alexandrinischen Meister hat er solches abgelernt* *). Auch die Stelle, wo die Fäden beginnen und aufhören, ist fein glatt verstopft, sodaß Beginn und Ende nicht zu erkennen sind4). Jetzt greift er nach dem Prunkgewand, das er für den Kleiderhändler5) noch bis zum Feste zu voll- ,enden hat. Er führt den Faden, den er rasch ins Nadelöhr bringen will, an den Mund6), um mit festerem Stiche nähen zu können, und da er Eile hat, zieht er den Faden nicht bei jedem Stiche, sondern erst nachdem er deren mehrere gemacht hat, aus dem Zeuge7) heraus. Er greift nach den Unterärmeln8) und Aermeln9), die er bereits verfertigt hat, fügt die Schleifen und Schleppen10) oberhalb des Saumes zum Hinaufbinden nach babylonischer Art an und schmückt den Saum mit Fransen, um hierdurch dem Kleide ein besseres Aussehen zu verschaffen11). Um zu sehen, wie das Kleid sitzt, legt er es um eine zu diesem Zwecke verfertigte Puppe12). Befriedigt ruht sein Blick auf der vollbrachten Arbeit. Nun kann er an die Vorbereitung für das Fest schreiten. >) Tob. Pes. 2,18. ף J. M. Kat. 82b. *) יחלב die Naht, B. k. 119 b; טלא, einen Flick auf die eingerissene Stelle nähen, Kel. 26,2, aucli^pp*^ B. b. 20a; פירף anheften, Eil. 6,14; לכלב einzelne Stiche nähen, heften, M. k, 1,8; שלל, mit unregelmäßigen Stichen nähen. M. k. 26 a; שלל die geheftetete Stelle; ילקט mittelst einzelner Stiche zusammennähen, M. k. 26a; יפסע Stiche überspringen, vgl. J. M. k. 80d; ("VW, zusammennähen, ib.; יאחוי der Stich, ib. 26 b; איחוי אלכסנרראו, alexandrinische Naht, M. k. 26 b, vgl. Alfasi M. k. S. 894. ' *) J. Sabb. i6a; י משלית kleine Flicken, mit denen Löcher gestopft werden. *) סוכר כסות, Tos. sabb. 1,9; sabb. 147a; יפיקרום J»1^. Ex. 278; Syrer als Kleiderhändler, Ket. 67 a. ף Den Faden einfädeln החוט שהשיל למחט, Tos. Kel. B. mez. 9,5; J. Sabb. 102. ף Vgl. Raschi B. k. 119b s. v. .תן הר יחפה (* Joma 76b. *) בית יד, Meg. 12 a; אונקלי, Meg. 24 b. “) כנף der Zipfel des Kleides, 1. Sam. 14,6,12; שול, Schleppe -Jes. 6,1; שבל, Jes. 47,2; שפולא, Sanh. 102 b; למרזב Sabb. 147a. ") שפה, Saum, Tos. Ber. 4,6; סלל, der Saum aus Fransen, der mit dem Stoffe zusammengenäht ist, Kel. 28,7, auch יכרכשתא xpoxii, Franse am Kleide, B. m. 7a und ברוספדין, *pdoreoov, vgl. Onk. Num. 16, 38; Ar. s. v. Kleider mit 4 Eicken mußten mit Schaufäden, ציצית, versehen sein, Num. 15,88; אכלסים• /aXaan, acclassis, Franse. Kel. 5,26; B. m. 60 b. אסום של עושי סותות (״, Kei. 16,7. 8. Die Unreinheit der Juden ist, wie vieles andere, was Unwissenheit und Vorurteil über Juden ersonnen und erdichtet, ein historisches Dogma geworden. Tatsächlich wurde in Israel auf Reinheit mehr Gewicht gelegt, als bei allen anderen Völkern. Schon die klimatischen Verhältnisse forderten fleißiges Waschen der Hände und Füße. So kam es, daß die Sache des Wohlanstandes bald religiöse Pflicht wurde. Reinheit gehörte nach jüdischer Lebensanschauung zu den Lebensbedingungen. Das Wort des Propheten (Klgl. 3,16): ״Ich habe das Gute vergessen“! wird auf das Baden, sowie auf das Waschen der Hände und Füße gedeutet1). Reinheitsrücksichten entstammt die Satzung, vor dem Mahle die Hände zu waschen Früher war auch das Waschen nach dem Mahle als eine religiöse Pflicht angesehen. Es galt als böses Zeichen für den Menschen, der sich, ohne die Hände gewaschen zu haben, zum Mahle setzte2). Es wäscht der Mensch um seines Schöpfers willen täglich Antlitz und Hände3); führt doch Hurtigkeit zur Sauberkeit, Sauberkeit zur Reinheit und Reinheit zur Heiligkeit4). Auch auf die Reinheit der Wäsche wurde Gewicht gelegt, daher das Waschen derselben auch an Mittelfeiertagen gestattet wurde5). Im kleineren Haushalt wurde die Wäsche zu Hause auf dem Hofe gewaschen6). Männer und Frauen standen beim Waschen gesondert von einander7). Die Wäsche wurde zum Weichen in einen Trog mit Wasser gelegt; hatte sie genügend geweicht, dann wurde sie herausgenommen, tüchtig bearbeitet8), ausgewunden9) und auf eine Stange zum Trocknen gelegt10), gebleicht11), zusammengefaltet12) und gerollt13). Wäsche und Kleider, die nicht gut geglättet werden konnten, wurden mit den Händen tüchtig bearbeitet und so weicher gemacht14). Gewöhnlich nahm man die gewaschene Wäsche nicht alsbald in Gebrauch, weil befürchtet wurde, bei sofortigem Gebrauche könnte sich Ungeziefer oder Aussatz einstellen15). In den Häusern der Vornehmen parfümierte man Wäsche und Kleider: man ließ sie von dem Dufte abgebrannten Räucherwerks durchziehen16). ') J. Sabb. 36b; vgl. Sabb. 25b; vgl. auch Ned. 80a: wenn das Weib sich nicht wäscht, wird es häßlich. *) Chul. 106 a; Jalk. Ex. 386; Matth. 16,2. g) Jalk. Spr. s. v. כל 0על. 4) A. s. 20b; J. Schek. 47c: J. Sabb. 3c. *) M. k. 18b. *) J. Ned. 89 a: Ket. 59 b. 7) J. Ned. 39 a. 8) 88י יכבס• kabasu, treten (davon auch 8 :כבשich bezähmen und erobern), waschen; מכס• auch לכבס Wäscher, I. K. 18,17; Jes. 7,6; יתכבוסת das Waschen, Tan. 18b; trop: Läuterung des Herzens, Ps. 51,4,9 u. ö.; ל(וגכ לוך) שע waschen, J. B. m. 12a; die Wäsche wurde mit Stöcken, auch mit den Füßen bearbeitet, J. Sabb. 16b; לבטש B. m. 112a. 9) כסיס. M. k. 10b, Sabb. 94b. ■0) Sabb. 140a, b; Kel. 23,4. ") ילכק Tos. B. k. 10,2; לגהץ J• M. k. 82a. 1S) כנף■ Sabb. 147a. 13) לכבש rollen; למכבש Rolle, Sabb. 141a; M. k. 2,12. '*) מרח, Gewand reiben, J. Tan. 69 b; M. k. 10 b. 1S) Sabb. 140a, b. «) Sabb. 18 a; Ber. 36 a.