Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 19. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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0 — 75 erwähnt, auf diesen Gegensatz aufmerksam gemacht, und unter diesem Gesichtspunkt war es mir damals möglich, ein Wort zur Klärung und Beruhigung von mir zu gehen. Man beachte die Gebiets- Scheidung in meinem ״Zurück zur Bibel!“ Möge unter allen Fragen, die die Bewegung hervorgerufen hat, diese nicht unbeachtet bleiben. Die Erregung in allen Lagern bewies, daß man in dem strengen Offenbarungsgedanken keine Stütze sah; aber auch der Freisinn fürchtete den von Delitzsch ausgesprochenen Gedanken, daß man in Bezug auf Gottesdienst und Schule Ernst machen müsse mit dem wissenschaftlichen Ergebnis. Die Notwendigkeit des Lebens ist also stärker, als der rein wissenschaftliche Gedanke; dieser kann wohl den Lehrsaal beherrschen, nicht aber das Leben. So lange in einem Gotteshaus noch ein herkömmliches Fest gefeiert wird, herrscht darin nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube an die Macht des Ueberlieferten. Es ist Schwäche, diese Tatsache sich selbst zu verschweigen. Um auf obige Schrift zurückzukommen,*) finden wir in ihrem wirrscheinenden Inhalt eine Bestätigung dieser von uns beim Beginn des Babel-Bibeli-Kampfes ausgesprochenen Voraussetzungen. Dr. Müller ist bereit, die assyriologisohen Folgerungen gelten zu lassen. Was ist die Folge? Bibel und Religion abwerfen? Keineswegs! Ueber den von der Kirche aufgegebenen Satan siegen, indem man erst recht zum Glauben zurückkehrt! ' Wir wollen mit dem Verfasser über seinen Satan und seine sonstigen Schwärmereien nicht rechten — uns genügt die Tatsache, daß bei ihm Wissen und Glauben zwei ganz getrennte Gebiete sind. Er wäre imstande, satanisch - assyriologisch zu forschen und offenbarungsgläubig fromm zu beten, jeden Buchstaben der Schrift auf seinen etwaigen babylonischen Ursprung zu prüfen und in jedem den Federzug einer .materialisierten Gotteshand“ zu sehen. Unsere Mystiker sehen also klarer, als unsere Forscher und Denker, weil jene ihrem Gefühl folgen. Was uns in diesen Fragen fehlt, das ißt die Gewohnheit, philosophisch zu denken. Trotz unserer vielgerühmten Rückkehr zu Kant, sind wir gerade diesem Denker ferner als je. Sonst würden wir daran gewöhnt sein, entgegengesetzte Auffassungen bis zu ihren fernsten Folgerungen und Folgen zu prüfen und zu erkennen, ob sie einander berühren oder nicht, ob sie also einander fördern odor hemmen können (Erkenntnis der vollkommenen Antinomieen). Es sind bekanntlich nicht alle frei etc. Aber das ist sicher, daß sofort nach Erscheinen des ersten Vortrags ich ihn nach diesen zwei Gesichtspunkten hin beurteilt und gefunden habe, daß der Ottenbarungs- und Ueberlieferungsgläubige im Judentum darin eine Bestätigung seiner Auffassung findet, der Freisinnige dagegen daraus erkennt, welche hohe Stufe Israel selbständig den Babyloniern gegenüber erstiegen hat. Und das Alles unter der Voraussetzung, daß Delitzsch Recht habe; einer Voraus- *) Müller, Der Babelismus, der Kaiser und die orthodoxe Theologie. Berlin, Stuhr, 86 S., 1 Mk. Setzung, die ich selbst nicht teilte, da auch ich zu den Widerlegenden gehörte. Die Rechtgläubigkeit, die Formen der Religion konnten dabei garnicht gefährdet werden, und es war von Delitzsch ein Mangel an Folgerichtigkeit, wenn er diese Fragen überhaupt hineinbrachte. Daß man diese Seite des Babelbibelvergleichs nicht sofort abwies, daß man nicht sofort Alles aufbot, um die Aufregung weitester Kreise zu hemmen — das erst gab der Sache die Ausdehnung, die sie nie hätte gewinnen dürfen. Aber die Kämpfer waren selbst in der Erregung drin, und es wurde der Angelegenheit dadurch eine hohe Wichtigkeit erst gegeben. Hätte Delitzsch wirklich Neues geboten und dies Neue bewiesen, so durfte ihm von Seiten der Gläubigen auch kein Vorwurf daraus erwachsen. Verbergen, was man erkannt hat, ist ebenso Verderblieh, wie verurteilen, was man als Wahrheit fürchtet. Damit in Zukunft ähnliche Angriffe nicht gleicher Erregung begegnen, die Religion nicht weiche and die Wissenschaft auch nicht erstarre, müssen die Ergehnisse der Forschung heraustreten auB der Enge der Lehrsäle, es muß die Möglichkeit, Forschung und Gläubigkeit zu vereinen, durch rechte Betrachtung der Denkgesetze und durch deren strenge Einhaltung verkündet werden, dann wird die Bibel nicht zurücktreten, sie wird vielmehr eine Quelle dauernder Anregungen sein und bleiben, und der Forscher, der voraussetzungslos und ohne den Anspruch auftritt, das Heilige zu erschüttern oder zu stützen, wird seines Dankes in allen Kreisen gewiß sein. 4 Litteraturbericht. Recensionen. Theologischer Jahresbericht, 22. Band, 2. Abt. Das alte Testament bearbeitet von Bruno Baentsch, Berlin 1903, Schwetschke & Sohn. 174 Seiten, 7 Mark. Wie kann man, fern von Universitätsstädten und Bihliotheken, heutzutage den Strom eines Wissensgebietes überblicken, zumal der Bibelwissenschaft? Einleitungen veralten schon in kurzer Zeit, neue Wahrnehmungen verdrängen die alten, und leicht kann man an eine Arbeit gehen, die schon von anderer Seite gemacht ist, oder wiahtige Punkte übersehen, die bereits als bewiesen gelten. Da tritt zum zweiundzwanzigsten Male wieder der ״theologische Jahresbericht* als Hilfsmittel ein, von Krüger & Köhler herausgegeben. Er zerfällt in sieben Abteilungen: 1. vorderasiatische und außerbiblische Religionsgeschichte; 2. altes Testament; 8. neues Testament; 4. Kirchengeschichte: 5. systematische Theologie; 6. praktische Theologie; 7. Register. Die Teile sind einzeln käuflich. Wir haben es hier mit der zweiten Abteilung, ״das alte Testament“, bearbeitet von Baentsch, zu tun. Die drei ersten Teile betreffen den Text, die Sprache und die Einleitungswissenschaft. Die Geschichte des Textes bietet uns einen Ueberblick über massoretische Arbeiten und Handschriftenkunde, darunter Perles ״Zur Geschichte der Abbreviaturen“ (a. d. Archiv für Stenographie). Die Textkritik wird in allen Einzelheiten genau und kurz behandelt, soweit Neues in Lesarten und deren Aufhellung vorhanden ist. Hierunter begegnet uns Halövy (Revue Sämitique X) mit Textesänderungen. Die griechischen, lateinischen und orientalischen Uebersetzungen folgen; u. A, Bacher zu Saadjas Pentateuchübersetzung (Monatsschrift 1901)