Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 18. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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72 gelten kann, hängt ganz von der unbedingten Annähme der Verbalinspiration ab. Giebt es übrigens eine Behörde, die eines Tages die Verbalinspiration beseitigt? Ist das nicht Sache jedes Einzelnen? Wichtig ist es dagegen, sich darüber klar zu werden, ob das geschehen ist oder nicht. Eine Uroffenbarung ist aber von der Verbalinspiration nicht weit entfernt. Kann Gott sich überhaupt offenbaren, dann kann Gott auch seine Worte diktieren. Nimmt man das Eine für unangemessen an, so ist der Hauptgrund der, daß man sich die welttragende Gottheit nicht so ins einzelne eingehend denken kann« daß sie einem Menschen ihre Worte in die Feder diktieren wird; sie wird ihm lieber die Abfassung und Aufzeichnung, selbst auf die Gefahr des Irrtums, der Zusätze und Weglassungen überlassen, wahrscheinlich, damit auch die Menschenmacht dabei beteiligt sei; ist es denn nicht auch folgerichtig, anzunehmen, daß Gott in den Menschen und in die Dinge die Kraft und den Trieb hineingelegt sich selbst zu entwickeln, und daß demnach die höchsten Ergebnisse des Menschenwirkens eine Offenbarung sind? (Schluß folgt,) Litteraturbericht. Recen8ionen. Spinoza in Deutschland. Gekrönte Preisschrift vor Dr. Max Grunwald. Berlin, Calvary und Co. . 380 S. 7,20 Mk. Eine Preisaufgabe war’s, welche vorliegendes Buch hervorgerufen hat, und selten ist ein Preis mehr verdient gewesen, wie der dem Verfasser zu Teil gewordene. ״Spinoza in Deutschland‘‘ ist wohl dasselbe,' wie die Philosophie und ihre Schicksale in Deutschland zu beschreiben. Seit dem Auftauchen seiner Lehre gehörte Spinoza za den gefürchteten, verketzerten, angebeteten und höchstverehrten Denkern. Die Dinge, welche den Inhalt seiner Lehre bilden, greifen 80 tief in das Wesen der Religion, des Staatelebens, der Lebensauffassung und der Weltbetrachtung ein and hängen so innig mit der Grundlage seines Baues zusammen, daß sich kaum ein geistig Strebender der Beschäftigung mit ihm entziehen kann. Vor unseren staunenden Blicken spielt sich in Grunwalds Arbeit ein merkwürdiger Vorgang ab: Wir hören die Stimmen deijenigen, die iin siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert Spinoza als Verworfenen und als Toren zagleich verschrieen; wir merken, wie nach und nach man ihn in seinem eigenen Sinne zu lesen und zu schätzen beginnt, wie das Verständnis Ar ihn wächst, sich zur Verehrung steigert, wie auf ihn sich große Denkergebäude gründen, wie er die Alleinherrschaft der Kjilosophie in Deutschland überdauert und seine Wichtig• keit und Bedeutung selbst für die Richtungen der Jetztzeit mit ihrer Beobachtung der Wirklichkeit bewahrt hat. Erwarte man bei Grunwald keine allgemeinen Auseinander- Setzungen — es ist eine Fülle von Gestalten, die er uns mit Spinoza beschäftigt zeigt, daß sie uns im ersten Augenblicke Ärmlich übermannt. Unbekannte Kamen treten uns näher, und ihre Träger beleben sich vor uhaem Augen in ihren Be- Ziehungen zu Spinoza; andererseits zeigen ans die größten Geister Deutschlands dadurch neue Seiten ihres Wesens. Und wie hat Verfasser mit allen mitempfanden und sie alle ver- -standen, sodaß dies sein Aufgehen in seine Aufgabe ihn gar nicht dazu kommen ließ, uns durch bloße Gelehrtennamen mit öden Bemerkungen za langweilen. Die Fülle des hier verarbeiteten Stoffes, der noch dazu nicht gewaltsam herbeigezogen, sondern mit dem Gegenstände in enge Verknüpfung gebracht worden ist, macht vorliegendes Buch zu einer kulturgeschichtlichen Leistung ersten Ranges. Besonders fesselnd sind die Abschnitte, die sich mit Lessing, Jakobi, Mendelssohn, Herder, Goethe, Schüler beschäftigen, wie uns andererseits die Beziehungen eines Scheüing, Hegel, Darwin, Hinkel als etwas höchst Wissenwertes erscheinen. Verfasser hat sich dabei vom Namen eines Herder so wenig blenden lassen, wie von seiner bestrebenden Auffassung des Spinozismus; er hat im Streite Mendelssohns gegen Jacohi keine krankhafte Vorliebe für den jüdischen Denker gezeigt, Sondern Alles sub specie aeterni dargestellt. An einer Steüe hat Verfasser jedoch eine Beziehung zu Spinoza entdeckt, die mir zweifelhaft scheint: Schopenhauer mag in seiner Zweiteüung ״Welt als Wille und Darstellung“ scheinbar mit extensio und intellectus übereinstimmen: Nur erscheint mir bei ihm, daß er die Leidenschaft, das Gefühl, also das, was selbst im Traume echt ist, dem Ganzen zu Grunde gelegt hat, sodaß der Beweis des Weltdaseins nebensächlich wird und der Cartesianische Satz nun lautet: ״Ich empfinde, also bin ich!“ Diese Grundlage, die aus einer innewohnenden unleugbaren Tatsache besteht und mit der Verstandesfrage ״Wie ist die Welt?“ nichts zu tun hat. Sobald er hierin als Gegensatz zu Spinoza erkannt ist, mag im Einzelnen ein Einlluß von diesem auf ihn ausgegangen sein, wie jeder bedeutende Denker auf seine Nachfolger wirkt. Gemeinsam ist beiden ein rücksichtsloser Tatsachensinn, der sich nicht an Schulregeln kehrt. Darwin kann noch mehr Schüler Schopenhauers und seiner Entwicklungslehre, als Spinoza’s genannt werden. Der Verfasser hat ja auch Darwins Verwandtschaft mit der Weltschmerzlehre nachgewiesen. Entwicklungslehren könnnen ebenso gut auf Hegel zurückgeführt werden. Noirfj hat zu Spinoza’s Denken und Ausdehnung, Leibniz’ Einheiten und Weltbewegungsgesetz, Kant’s Zeit und Raum, Schopenhauers Wiüe und Vorstellung, Geiger’s Bewegung und Empfindung als verwandte Entwickhingen des EinheitBgedankens angesehen. Geiger’s Steüung der Wissenschaft als eines freien Geistesspiels ohne Beziehung auf das Leben ist geradezu das Widerspiel der Spinozaischen Lehre, welche die Ergebnisse des Denkens geradlinig auf das Leben angewandt wissen wollte. In Bezug auf diesen Denk et hätte Verfasser mein ,,Lazarus Geiger, seine Lehre vom Ur- Sprunge der Sprache, Vernunft, sein Leben“ (Stuttgart, Scheible) vergleichen können. Wenn er mein ״die monistische Phüosophie“ mit der gleichnamigen und gleichzeitigen vonReichenau’s vergleicht, so sind das zwei ganz verschiedene Arbeiten: Ich habe nur den Beweis geführt, dass Cartesius, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer, Geiger und Noirö, jeder von seinem Standpunkt betrachtet, unbedingt Recht haben, daß der Unterschied zwischen Spinoza und Leibniz in der Verschiedenheit ihrer Persönlichkeiten und Verhältnisse lag, daß also ihre Lehren früher da waren, als ihre Beweisführungen. Damit wollte ich mich nur des Eindrucks der Philosophie entledigen und der Religion ihr Recht daneben verschaffen. Diesen meinen Gedanken hat Franz Delitzsch, der gleiche Empfindungen hatte, sofort herausgefunden. Noire selbst hat damals Ar die Veröffentlichung meiner Arbeit gesorgt. Wenn also mein bescheidenes Buch auch am wenigsten zu seinem Recht gekommen ist, so muß ich das Werk Grünwald’s doch als eines der bedeutendsten anerkennen, das mir seit Jahren in die Hände gekommen. Die weltumfassende Bedeutung Spinoza’s kommt hier ganz von selbst zu ihrem Rechte, strenge Sachlichkeit leitet den Verfasser, der den Rabbinen hier mit Recht ganz zurücktreten läßt. Und doch merkt man ihm an, daß ihn das Gefühl durchweht: diesen Spinoza hat das Judentum der Welt geschenkt. Preuß. Stargard. Dr. L. A. Rosenthal. Inhalt der Nummer 18. WlssenschaftUcbe Aufsätze: Kleidung im biblischen und talmudischen Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Berlin. (Fortsetzung.) — Babel und Bibel und Verbalinspiration. — Lltteraturberiokt Rezensionen: Spinoza in Deutschland. Von Dr. Max Grunwald. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal, in Preussisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.