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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 18. (1903) · p. Seite 71

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 18. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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71 ein ebenso großes Recht haben, wie die Kenner und Eingeweihten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige allgemeine Bemerkungen über wichtige Punkte machen, die in der Hitze des Kampfes um Babel und Bibel übersehen worden sind, soweit ich das einschlägige Schrifttum überblicke. Es wurden vielfach zwei Fragen mit einander vermischt, die unbedingt getrennt hätten zur Sprache kommen müssen: Hat Delitzsch wissenschaftlich Recht'? das ist die eine. Welche Wirkungen können seine Aufstellungen auf die Zukunft der Bibel haben? das ist die andere. Hat Delitzsch wissenschaftlich Recht, d. h. lassen sich die angegebenen biblischen Kerngedanken in Babel früher ausfindig machen, so hat er als Mann der Wissenschaft das auszusprechen und zu beweisen. Bekanntlich kann davon, ob er Recht hat, gar nicht die Rede sein, sondern nur davon, ob Robertson Smith, ob Zimmern, ob Winkler und Andere Recht haben; einen Beweis hat Delitzsch weder im ersten noch im zweiten Vortrag versucht. Also mußte die Frage lauten: Hat die Assyriologie Recht? In diesem Sinn sind die Entgegnungen auch vielfach ausgefallen. Man trat tatsächlich mit ernstestem besten Willen im Namen der Wissenschaft auf, aber die teilweise oder vollkommene Widerlegung hing merkwürdiger Weise mit der strengeren oder freieren Richtung zusammen, die der betreffende Forscher in seiner Glaubensgemeinschaft einnahm. War das nicht von vornherein eine Verquickung zwischen Glaubenskampf und Wissenschaft? Was die zweite Frage anbelangt: Wie können solche Wahrnehmungen auf die weitere Gestaltung der Glaubensformen wirken? so ist vielfach mit bitteren Gefühlen geurteilt und gekämpft worden; so trat der Vorwurf des Umsturzes und der Gottlosigkeit dem Mann entgegen, der in einer nicht religiösen Zwecken geweihten Gesellschaft als Berichterstatter auftrat. Gottlos ist also, wer einen biblischen Gedankenkreis von auswärts, aus Babylon, Egypten, Arabien oder sonstwo herleitet; also wer die Bibel nicht aus Israel hervorgehen läßt. Das kann doch nur auf der Grundlage des Offenbarungsglaubens geschehen. Was heißt aber Offenbarungsglauben? Es muß dafür doch eine ebenso allgemein festzusetzende Begriffsbestimmung geben, wie für das, was Wissenschaft ist. Wissenschaft ist aber alles Forschen, das ohne Rücksicht auf Ueberlieferungen mit bloßem Streben nach dem so zu erlangenden Ergebnis vor sich geht. Die Ueberlieferung kann da wohl Hilfsmittel sein, so lange sie sich benutzen läJit, aber niemals Zweck. Der Offenbarungsglaube geht davon aus, daß Gott in einer unbegreiflichen Weise die Glaubensquellen den Menschen als unbedingte Wahrheit übergeben hat und daß ein Forschen darin niemals den Umfang des Vorhandenen vermindern darf. Hier können wiederum die wissenschaftlichen Mittel als Hilfsmittel benutzt werden, aber nie und nimmer dürfen sie innenliegender Zweck sein; sie werden es auch nicht sein. Da haben wir das einzige allgemeingiltige Erkennungszeichen, das wir dem Offenbarungsgläubigen, nicht etwa dem Mann der Wissenschaft entgegenhalten. Wollen wir diesem aber einen Vorwurf machen, so hüten wir uns, daß er uns nicht den gleichen zurückgebe. Nur diesen strengen Standpunkt und keinen anderen konnte Delitzsch im Auge haben, als er in seinem zweiten Vortrag gegen scheinbar unrichtige Bibelfragen auftrat. Wer glaubt heute noch an Jonas’ Walfisch und an Bileams Eselin? tönte es ihm aus frommen Kreisen entgegen. Diese Fragen hatte Delitzsch erwartet und gewünscht, um seinen Gegnern antworten zu können: Wenn dem so ist, dann seid ihr ja nicht besser als ich! Ob ihr den Jona, das Hohelied, ob ihr den. Hiob, oder ob ihr den Pentateuch leugnet — nehmt ihr die Verbalinspiration an, so sind dies alles göttliche Offenbarungen und jedes geleugnete Wort an ihnen ist imstande, den ganzen Bau des Glaubens abzutragen. Leugnet ihr die Verbalinspiration und nehmt nur eine Uroffenbarung an, die von Menschen aufgeschrieben wird, so ist das Mittel gegeben, die ganze Bibel als Menschenwerk hinzustellen. Die Verbalinspiration, das wollte Delitzsch als Tatsache laut und öffentlich verkünden, ist aufgegeben, und damit ist der Deutung oder freiesten Forschung Tür und Tor geöflnet. Von der Ur- Offenbarung bis zur Leugnung jeder Offenbarung ist nur ein Schritt. Könnte man Gedanken hemmen, so wäre alles gut. Da aber der Gedanke des Einen im Innern des Anderen die weitesten Folgerungen hervorruft, 80 bedeutet das Aufgeben der Verbalinspiration dasselbe, wie der Bibel das Wesen der Heiligkeit und allgemeinen Verbindlichkeit zu rauben. Ist es heute noch nicht der Fall, so kommt es morgen. Das habe ich schon im vorigen Jahr erkannt und ausgesprochen (in meiner jetzt in 2. Auflage bei Poppelauer erschienenen Schrift ״Babel und Bibel oder Babel gegen Bibel?“) und damit gezeigt, daß weder Freisinn, noch Rechtgläubigkeit von Delitzsch etwas zu befürchten, ihm etwas vorzuwerfen hätten. Der Freisinn nicht, denn der hat in Wellhausen mehr getan, als Delitzsch; der Rechtgläubige nicht, denn Delitzsch’s Aufstellungen bestätigen seine Ansichten. Es muß mir lieb sein, in diesem Jahre diese Gedanken von Delitzsch selbst ausgesprochen zu sehen. Nur wer sich um Jona und das Hohelied kränkt, wer also Schriftüberlieferung dauernd annimmt, darf sich über Delitzsch kränken; wer das nicht tut, der ist nicht weit von ihm entfernt. Die Frage ist also, soweit sie die Religion berührt, keine wissenschaftliche, soweit sie die Wissenschaft berührt, keine religiöse. Ob Delitzsch mit Gottesnamen und Gotteseinheitj der Babylonier Recht hat, das ist eine rein wissenschaftliche Frage; ob er der Religion schaden kann, Sache der Pastoralklugheit; ob er als Sünder und Leugner

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