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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 17. (1903) · p. Seite 67

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 17. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 67 (sequence 4)
Language
German
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67 Die Bibelkritik auf der Umkebr. D. S. A. Fries in Stockholm. Die Gesetaesschrift des Königs Josia. Leipzig, Deichert Nachfolger, 1903. 78 Seiten. 1,80 Mark. (Fortsetzung und Schluß.) Um nun dem Josia das Deuteronomium ganz abzusprechen, nimmt Fries nicht an, daß man damals den Tempel in Jerusalem zum alleinigen Mittelpunkt des Opferdienstes hätte machen wollen; auch das Deut, zeigt ihm keine Spuren davon. Er sieht das Aufhängen des Hingerichteten, die Verbrennung der götzendienerischen Stadt, das Herabstürzen der Eglaarufa, die doch außerhalb des Tempels vor sich gehen, als Opfer an; nun, selbst im Leviticus findet sich der Asaselbock, der in die Wüste gesandt wird; geht darum diB Sühnehandlung nicht im Heiligtum vor sich? Das Streben, eine Anschauung geradlinig durchzuführen, sie gegen alle Einwendungen zu verteidigen, führt zu solchen Annahmen, an die man sich festklammert und die das Gesunde einer Auffassung selbst gefährden. Wir nehmen vom Verfasser die Ansicht gern an, daß Josia’s Maßregeln durchaus nicht dem Deut, näherstehen, als dem Bundesbuche und dem sog. P., daß die Gesamtsatzungen des fünften Buches nur wenig haben, was an die Josiazeit erinnern könnte und daß dies Wenige sich auch in den anderen Teilen findet. Aber Eines muß hervorgeboben werden: Das Deuteronom. betont die Ausschließlichkeit des Hauptheiligtums und beläßt dem Hause wohl die Pflicht des Schlachtens, aber dies steht nicht mit dem Tempelopfer auf einer Linie. Ob der Ausdruck טבח .זבח oder שחט lautet — das ist gleich. Beim Pesachopfer z. B. heißt es Exod. 12b ושחטו אותו בל קהל עדת ישר' בין הערבים, und gerade die sog. P.-Quelle müßte genau die Ausdrücke unterscheiden. (S. das ganze 3. B. M.) Die vorliegende Schrift zeichnet sich durch Klarheit in der Anordnung des Stofles aus, führt den Leser genau in die wissenschaftlichen Voraus- Setzungen dieser wichtigen Fragen ein und verarbeitet in engem Raume viel biblischen Stoff. Man lernt auch die einschlägigen Werke kennen, die der Verfasser klar überschaut. Daß man nicht Alles darin anerkennen wird, hat er vorausgesehen. Wenn de Wette nicht mehr Stand hält — welche darauf sich gründende Auffassung kann wohl auf dauernden Bestand rechnen? Hat de Wette’s Annahme die Forscher 97 Jahre lang angeregt und ist ein neuer Antrieb nötig, so hat sie das Ihrige geleistet und kann abtreten. ״Mit jeder neuen Zeitbewegung treten neue lebensvolle Seiten an ihr (der Bibel) hervor, .... erscheinen die großen Massen der Tat- Sachen anders beleuchtet, und sie gewinnen neuen Reiz.1) Darin liegt die Ewigkeit der Offenbarung. ״Ein Geschlecht (von Forschern) kommt, ein anderes geht, der Boden (des Geisteskampfes) selbst besteht ewig.“ Litteraturber cht. Recensionen.j Mead, Fragmente eines verschollelnen Glaubens, in’s Deutsche übersetzt von A. vt n Ulrich. Berlin, Schwetschke & Sohn. 1902. XXVII, 511 Seiten. 10 Mark. Der Gnostizismus brachte die ersten nachchristlichen Jahrhunderte in heftige, zum Teil verwirr 3nde Geistesbewegung, aus welcher sich nach und nach die Fi rmen des bestehenden Christentums entwickelt haben. Von jü! lischer und heidnischer Seite suchte man sich mit der jungen I«hre des Christentums abzufinden, sie ihrer Eigentümlichkeiten zu entkleiden und mit vorhandenen schmärmerischen oder י wissenschaftlichen An- Behauungen zu verquicken. Da die Gnosis an griechische Der kergebilde anknüpfte, gab es für sie vor allem keine Schö 3fung aus dem Nichts sondern einen ewigen Schöpfergeist und einen ewigen Welt Stoff Die alten Rätselfragen nach dem Ursprung des Uebels in der Welt und wie sich dessen Vorhandensein mit dem Gottesgedanken vereint, brachten in der Gnosis eine Trübung des strengen Gottesbegriffs hervor, um dann Entwickelungen aus dem Vorhandenen zu einem besseres Zustande der Zukunft zu ermöglichen. Ehrwürdiges, was bisher als Zweck und Ziel galt, wurde entwertet, und vieles bis! 1er Verachtete und als ungöttlich Angesehene wurde zum Mittel des Endzustandes. Kain wird zum Heiligen nach dem Muster neuzeitlicher ״Rettungen“, und so muß Abel als Freund des Tierischen sich entpuppen. Da alle Dinge zu allen!Beziehungen haben, so löst sich alles in Bildlichkeit auf, es gibt nichts Aehnliches und nichts Unähnliches mehr — d 1s reine Tohuwabohu. Dabei ist alles in Bewegung, wie im 1 raume,*alle Dinge verwandeln sich ineinander, wissenschaftliches Bruchstück, Dichtung, Glaube und Heidentum — Allssist ein willkommenes Mittel, Gebilde herzustellen, die im besten Falle aufs Gemüt wirken, vielfach aber Folgerungs- und E nbildungskraft zugleich verwirren und alle feststehenden Grundsätze in’s Schwanken bringen. Da steht sittlicher Ernst neoen rasendem Vernichtungstriebe gegen alle Lebensmächte. Den strengen Schulge danken gegenüber macht sich ein st! rker Wirklicnkeitstrieb geltend, sodaß der Gedanke der Entwicklung als bestes Ergebnis solcher Bewegungen zu Tage gefördert wird. Dieser gesunde Gedanke führt das schwanke ade Zeitalter wieder zu ruhigen und festen Verhältnissen, nicht ohne daß jene träumenden und dichtenden Denker befruchtende Keime zurückgelassen haben. Das gleiche Bild, das die Gnostike den verschiedensten Uebergangszeiten. Romantik (Brentano), unser eigenes Zeit* lter in dem kulturmüden Nietzsche und in unseren Geistersehl >ra, Sabbatai Zewi mit Luzzatto, Frank — Alles zeigt verwindte Züge. Und die verdammenden Kirchenväter, die dei Romantik feindlichen Klassiker, die Chacham Zewi, Jacob Emden, Elia Wilna versuchen vergebens, zur Nüchternheit zirückzuführen! Als ich von dem Mead’schen Bucae hörte, war ich recht begierig darauf. Ich fand in dem Verfasser einen Verehrer aller Glaubenslehren, d. h. des Belebiinden und Gesunden in ihnen: unvereinbare Gegensätze gibt en für ihn nicht. Er hält unsere Zeit für recht geeignet, die Grosis auf sich einwirken zu lassen, und wer weiß, ob er nich; für viele Kreise Recht hat. Die Philosophie als Weltweisi teit scheint zur Ruhe gegangen, die Religion als Gebäude on Glaubenssätzen hat für Viele ihre Kraft verloren, was ras Aufklärungszeitalter über Menschentum geträumt, wird als veraltet belächelt — haben wir da nicht den rechten Nährboden für eine Gnosis? Ob aber irgend ein Zeitalter etwas Anderes als gerade das Aeußere aus solchen Geheimlehren!.uf sich wird einwirken lassen? Es wird Niemand heutzutage sich dagegen sperren, das Belebende und Kräftigende aus i ■gend einem Gedankengang zum Gemeingut werden zu sehen. (3b der Verfasser sich die Laienwelt, für die seine Dar- Stellung bestimmt ist, nicht zu gelehnt gedacht hat? Wenn er im zweiten Teil die Gnostiker aus der Beurteilung ihrer Feinde darstellen will, so hat er damit alle uns zu Gebote er bieten, zeigt sich in Die Reformation, die ‘) Aus unserem ״Bibel trotz Babel!־ (Leipzig, Kaulfmann).

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