Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 14. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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55 Das ״Fest der Posaunen“ hat nach ihm einen doppelten Sinn: Eine dem Volke Israel eigene Erinnerung, <}ie zugleich der Gesamtmenschheit angehört. Die Posaune mahnt an die Offenbarung des Sinai, am ,jenes wunderbar® und vielwirkende Ereignis“, die größte Wohltat, die dem Menschengescblechte zu Teil geworden, denn Allen sollten die Gotteswerte zu Teil werden. Gei dem lauten Posaunenton mußten auch die Völker ״bis zu den Enden des Weltalls"!‘ sich nach dem Sinai wenden, fragend, welche große Tatsache diesem gewaltigen Schalle entspreche? ״So ist dies allen Menschen ein Gemeinsames.“ Diese Erinnerung hat ihren Widerschein auf die Mussafstücke des Festgebetes geworfen,. die schon Akiba, selbst Elieser und Josua kannten, die also den Tempelgottesdienst begleiteten. Da offenbart sich Gott am Sinai, und die gewaltige Sehofarstimmo laßt die! Welt, alle Völker erbeben, da Gott sich seinem Volke offenbart. Nicht umsonst haben bei diesem Stücke die Vorbeter ihre ganze Kraft entfaltet, wie auch beim Alenugebete, in welchem der Stolz auf den Gottesglauben sieh ausspricht mit d®r Hoffnung auf das einstige menschheilliche Gottesreich. In einer augenscheinlich zweiten Rede erklärt Philo, weshalb gerade eine Kriegsposaune das Hauptzeichen des Festes ausmacht, zum Aufbruche mahnend und zum Kampfe ermutigend. Er scheint in oiner verloren gegangenen Stelle die Greuel der Erdenkämpfe dargestellt zu haben; er zeigt, wie verderblich es ist, wenn Erde, Wasser und Sonn״ einander bekämpfen, wie da zur Unzeit Hitze, Regen und Kälte Alles vernichtet, und er läßt seine Zuhörer den Scbluß ziehen auf die innere Zerrissenheit, wenn die Kräfte des Manschen miteinander hadern. Hier ruft die Posaune zum gottgebotenen Kampfe auf. Es sollen keine menschlichen Fähigkeiten, Ent- Schlüsse und Taten vernichtet werden durch den inneren Unfrieden, wie die Ernte durch den Kampf der Weltkräfte. Daher führe der Mensch den Kampf gegen sich selbst, und indem das Gute siegt, wird der innere Igfieden heu-gestellt. Zu solchem Kampf ruft dio Posaune auf. Wer erkennt hier nicht die vielen Beziehungen zum jüdischen Schrifttum? Stark ist. wer sich selbst bezwingt, sagt die Stoa und Ben Soma. Beide Triebe müssen dem Menschen dienen, sagt Akiba. Das geteilte Herz werde eines, sagt unser Gebet (ויחד לבדנו)■ Daß aber Pnilo seine Lehren als Predigt vorgetragen, erkennt jeder aufmerksame Leser und bestätigt Freudenthal (Jahresbericht jiid. Theol. Sem. 1869, die dem Jos. Fiav. beigelegte Schrift etc. S. 7.) (Fortsetzung folgt.) Litteraturbericlit. Recensionen. Kirchenvater 111141 Rabbi. Hieronymus’Kommentar zu den zwöif kleinen Propheten. Kritisch beleuchtet ven I)r. Moritz Rahmer, Rabbiner in Magdeburg. Heft 1: Hosea, Joel, Anios. Heft 2: Obadja, Jona, Micha. Mit Unterstützung der Zunzstiftung. Berlin, Poppelauer, 1902. VI. 174 S. Die midrnschische Schriftdeutung hat auf das Werden des Christentums und besonders auf seine Bibelauffassung einen weit größeren Einfluß gelsabt, als man gemeinhin annimmt. Männer wie Origenes und Hieronymus mit ihren wichtigen Arbeiten für die Erkenntnis des biblischen Wortsinnes, für die Feststellung der Lesarten und endlich für die;Erfassung des Ganzen wären ohne Beihilfe jüdischer Kenner nicht möglich gewesen. Das hat man längst gewußt; hat es ■doch besonders Hieronymus an zahlreichen Stellen seiner Bibelerklärung ausgesprochen. — Aber über das Maß dessen, was Hieronymus seinen jüdischen Lehrern zu danken hat, war man und ist man wohl noch jetzt im Unklaren. Den Anteil des Judentums daran zu überschätzen, dazu ist man kaum geneigt; wohl aber zum Gegenteil. Da ist eine Arbeit, wie die vorliegende, um so dankenswerter, •als sie uns die Möglichkeit bietet, statt allgemeiner Auseinandersetzungen vielmehr Einzelheiten in reicher Fülle selbst zu beurteilen. . Schon im Jahre 1861 hat Dr. Rahmer die ״Quaestiones in Genesin“ behandelt, zugleich in einer Einleitung das Verhältnis des Hieronymus zu seinen Lehrern klargelegt. Bedeutende Theologen wurden auf das Werk aufmerksam und spornten den Verfasser zur Fortsetzung an. So mannigfach nun auch die Tätigkeit des Verfassers späterhin geworden ist — seiner Aufgabe ist er doch nicht untreu geworden. Er hat als Herausgeber der ״Isr. Wochen- Schrift“, des ״Litteraturblattes“, des ״Isr. Predigtmagazins“ und so mancher Schulbücher doch Zeit gefunden, dem Stoffe nachzugehen, Einzelnes in Zeitschriften zu veröffentlichen, bis er endlich daran gehen konnte, den hieronymianischen Kommentar zum Dodekapropheton zu beleuchten. Die Wiener Akademie gibt nun wohl seit Jahrzehnten die Werke der Kirchenväter heraus, ist aber noch nicht bei Hieronymus angelangt. Verfasser konnte nur die Ausgabe von Marianus Viktor (1579! benutzen. Für die Vulgata diente ihm die Hevse-Tischendorf sehe Ausgabe. Für die Erforschung der Quellen des Hieronymus, soweit in denselben der Einfluß jüdischer Schriflgelehrsamkeit auf die Kirchenväter zu erkennen ist, war bis zum Erscheinen vorliegenden Buches nur sehr wenig geschehen. Selbst in der Zöckler’schen Lebensbeschreibung des Hieronymus ist hierauf nicht genügend eingegangen worden. Dieetel (״Geschichte des a. T. i. d. christlichen Kirche“ Jena, 1869) beklagt diesen Mangel, dem auch die neueste Auflage der Herzog-Hauck'schen ״Protestantischen Realencyklopädie“ nicht abhilft. Field hat den Hieronymus für seine Origenes’sche Hexapla fleißig und ausgiebig benutzt (Oxford, 18751, dagegen hätte Bacher (״Agada der palästinensischen Amoräer“) mehr dafür tun können. Grützmachers Lebensbeschreibung des Hieronymus (Leipzig, 1901) reicht noch nicht bis zu den Jahren, wo der Kirchenvater seine Erklärertätigkeit aufgenommen. Siegfried und Nowack, die sich auch mit der Auffindung midraschischer Spuren im Ilierouymus beschäffigt haben, berücksichtigen die Arbeiten des Verfassers in zustimmendem Sinne. Diese Beleuchtung der Sachlage zeigt uns, einem wie starken Bedürfnisse das Werk unseres Verfassers entgegenkommt. Und man braucht nur den Anfang zu lesen, um gefesselt zu werden, sodaß Einen das Buch gar nicht mehr fortläßt. Dabei sind alle Mittel verschmäht worden, die sonst eine solche Arbeit fesselnd machen sollen: Wir werden von Satz zu Satz geleitet, soweit sich eine Beziehung zwischen Hieronymus und den Rabbinen findet, die Worte des Kirchenvaters werden zum Teil in der Ursprache angeführt, in vielen Fällen Septuaginta. Peschitto und Targum herangezogen (auf die griechische Uebersetzung weist Hieron. an vielen Stellen selbst berichtigend hin), und, was die Hauptsache ist, die rabbinische, dem Hieronymus verwandte und in vielen Fällen nachweislich, in anderen wahrscheinlich von ihm benutzte Deutung wird ohne viele LTmschweife Satz um Satz daneben gestellt. Es sind das keine gesuchten, bei den Haaren herbeigezogenen Vergleiche — die sind bei dßr Fülle des nachweisliehen Stoffes nicht nötig sie springen vielmehr in’s Auge, sodaß ein Zweifel daran schwer aufkummt. Je leichter sich, diese Nachweise lesen, je weniger schwierig der Weg ist, den der Verfasser uns führt, desto mehr ist die Beherrschung der beiderseitigen Gebiete und der Scharfblick zu bewundern, mit welchem die so schwer zu findenden Dinge so spielend leicht an einander gereiht sind. Da ist Nichts von dem Widerwillen des christlichen Geistes gegen die rabbinische Deutung zu merken, der heute so gern als maßgebend für das Werden des Christentums hingestellt; wird — Hieronymus bestreitet den Rabbinismus selten, und auch dann nicht grundsätzlich: wohl aber läßt er sich in grundlegenden Anschauungen von demselben beeinflussen, und es l^ßt sich nun erst durch die Lebensarbeit des Verfassers (40 Jahre der Forschung!) ermessen, was vom Midrasch aus geistig in die Kirche hinübergeflossen ist. Dort aber hat es belebend und gestaltend gewirkt. So zieht ein Stück Geistesgeschicftte an uns vorüber, ein Kapitel zu der wichtigen Frage der gegenseitigen Beeinflussung von Seiten feindlicher und mit feindlichen Blicken betrachteter Glaubensgenossenschaften rollt sich ajuf, und zwar ohne daß