Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 14. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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54 bedarf der Bewohner von Wüatengegenden, einer anderen, der in ranhen Gebirgszügen seine Wohnung aufgeschlagen hat; eine andere Hülle braucht der —menschliche Körper in waldreicher Gegend, eine andere an den Gestaden des Meeres. Wie mit Hecht die Behauptung aufgestellt wird: das Klima bildet die Sitten der Völker, ihre Gestalt und Farbe, so darf auch mit Recht gesagt werden: jede Nation trägt die Livree der von ihr bewohnten Gegend. 3. Mit der wachsenden Kultur traten noch andere Anforderungen an die Bekleidung. Der Mensch will sich mit seinem Kleide auch charakterisieren. Alter und Geschlecht, Stimmungen und Strömungen der Seele, Ideen, die den Einzelnen und die Gesamtheit erfüllen, kommen in der Kleidung zum Ausdruck. Dem Kleide wohnt eine symbolische Bedeutung inne. Es ist daher nicht bloß ein Produkt der JKulturentwicklung, sondern auch ein Spiegelbild der Zeitströmung: Die Rokokotracht ist die Darstellung des zierlichen, geschnörkelten Rokokogeistes und die schwerfällige Gewandung des mittelalterlichen Ritters die treffendste Charakteristik des schwerfälligen Geistes, der dem Mittelalter innewohnte. Wie die Hütte des Häuptlings von der des Hörigen sich auch äußerlich unterscheidet, also auch die ,Kleidung: den Häuptling ziert der bunte Federschmuck auf dem Kopfe und der mit Zierat geschmückte Gurt um die Lenden. Auch Priester und Krieger heben sich durch ihre Kleidung von der Menge ab. Die ‘Tätowierung auf dem Leibe des Wilden ist sein Wappen, mit dem er seine Kraft andeutet, wie die Schrammen auf dem Gesichte des Burschenschafters das Kennzeichen seines Mutes sind. Kleider symbolisieren auch völkerbewegende Ideen. Jede Sonderheit sucht sich als solche darzustellen und zu erhalten. Wie in Sprache und Sitten, so stellt sie sich auch in ihrer Nationaltracht dar. Die Volksidee schafft sich gleichsam ihre eigene Hülle. Das Schwinden der Nationaltracht weist daher immer auf den Niedergang der nationalen Idee hin. Mit dem Kleide geht auch ein Teil der ursprüngliehen Volksart. verloren. So wird es begreiflich, daß der verschnürte Rock und das enge Beinkleid der Ungaren den Vertretern des Metternich’schen Systems ebenso verhaßt war, wie die Konfoederatka der Polen den russischen Machthabern, wie das schwarz-rot-göldene Band seine Gegner in der deutschen Kleinstaaterei zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gefunden hat. 4. An die symbolische Bedeutung des Kleides schließt sich das ästhetische Moment: das Kleid 8011 auch dem Schönheitssinne Rechnung tragen und das Auge des Beschauers auf sich lenken; es soll die Formen des Körpers verhüllen und doch auch zugleich andeuten. So hat das erwachte Sittlichkeitsbewußtsein das Kleid geschaffen, die Erfordernisse des Lebens haben es sodann praktisch gestaltet und Kultur und Bildung haben ihm symbolische und ästhetische Bedeutung gegeben. Am nachhaltigsten erweist sich die Einwirkung des ästhetischen Momentes — im Verein mit den praktischen und symbolischen Gesichtspünkten schafft es die ewig wechselnde Mode mit ihren Launen und ihrer Tyrannei. Während bei der Gewandung des Mannes die symbolische Bedeutung vorherrschend ist und die größere Mannigfaltigkeit schafft, ist bei der Kleidung des Weibes zumeist das ästhetische Moment, das die Farbe vorherrschend macht, maßgebend — der Mann will sich charakterisieren, das Weib mit dem stärker entwickelten Schönheitssinn will sich schmücken. 5. Die Kleidung der Menschen schloß sich in wärmeren Erdstrichen an das Feigenblatt, in kälteren an die-Tierhaut, welche den größten Teil des Leibes verhüllt und schützt. Der Tierhaut ähnlich verfertigten schon früh die Egypter Stoffe aus Wolle und Leinen, welche mehr oder weniger fest um den Leib gelegt oder gehängt und mit einem Dorn, später mit einer Spange befestigt wurden. Das griechische Chiton, ursprünglieh ein viereckiges wollenes Stück, das gleich einem Umbängetuche um den Leib gelegt und durch einen Gürtel faltenartig zusammengezogen wurde, stellt das Kleid in seiner ursprünglichen Form dar. Durch klimatische und kulturelle Einflüsse entstand das Ober- und Unterkleid bei dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Das leinene Chiton, das zugeschnitten und genäht wurde, diente später als leichtes, bequemes Hauskleid; für die Strafte wurde die Chlaina umgenommen, neben der auch die Chlamys, ein ovalförmig zugeschnittenes Stück Zeug dem Mantel ähnlich, getragen wurde. Gegen Nässe und Kälte schützte den Griechen das Himation, welches die ganze Gestalt bedeckte. Diesem ähnlich war bei den Römern die Toga, das eigentliche, den freien Mann kennzeichnende Nationalkleid, ursprünglieh enger anliegend, später weitbauschig. Dem ärmellosen oder kurzärmeligen Chiton entsprach die Tunica oder Dalmatica der Römer, welche den Arm bis zum Handgelenk bedeckte. Frauen trugen zumeist eine doppelte Tunica, eine innere ärmellose, die bis an die Knie reichte, und darüber die faltenreiche lange Stola. Dem griechischen Himation entsprach auch die Paenula, ein ärmelloser Mantel mit rundem Halsausschnitt, durch welchen der Kopf gesteckt wurde, sowie die Palla, ein faltenreicher Mantel, defi Frauen beim Ausgehen anlegten. (Fortsetzung folgt) Roschhaschanapredigten Pfiiio’s. Der Roschhaschanu gilt uns als ein der Gesamtmenschheit geweihtes Fest. Das zeigen unsere Festgebete, das die an den Schofar geknüpften Gedanken. Was in der Zeit mensehheitliehen Aufstrebens große Denker und Dichter über Menschen- Verbrüderung gesagt und gesungen, das hat Israel• schon in der Vorzeit als Gesamtheit empfunden, das wurde nicht als ein Ergebnis grübelnder Denker aufgefaßt, sondern im Gotteshause als Schriftdeutung zum Eigentum Aller gemacht. Nicht nur sind das die Worte der vorzeitlichen Propheten, sondern jederzeit war es die Empfindung der Gemeinde. Denke man nicht gering über die hildlische Deutung, welche ein Philo nach dem Vorgänge eines Anstobulus dem Schriftworte verliehen, das hat schon Hosea mit den Erzählungeu über Jacob getan, ein Hesekiel mit den Reinigungssatzungen, wie auch die Thora selbst mit der Milah. In seiner Schrift über das Festjnhr (eigentlich de septennario über die Jahreswoche) bespricht Philo auch das Roschhaschanafest. (ib § 22).