Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 14. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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. \ ־*־י‘ -.*'•«י V״ — 56 — es uns geradezu vorgetragen wird, durch die Macht der Tat- Sachen wirkend. Dabei werden bestehende Anschauungen berichtigt (Vir verweisen auf das Schlußwort über die Lehrer dee Hieronymus) und auch hier begnügt sich der Verfasser nicht mit Vermutungen, sondern rückt mit schwerwiegenden Beweisen heran. So haben wir hier ein Werk vor uns, das der Wahrheit dient, und dabei ohne Voreingenommenheit die Schätzung des alten Gottes- und Lehrhauses fördert. Es ist erfreulich, daß die Arbeit jedem Parteigetriebe fernsteht und darum auf die — Teilnahme auch derjenigen rechnen kann, die nicht zu den - Gesinnungsgenossen des Verfassers gehören. (Was darin von persönlichen Verhältnissen vorkommt, geht die Wissenschaft selbst Nichts an und ist vom Verfasser als hors d'oeuvre gedacht.) Es ist dem Werke aus verschiedensten Gründen eine weite Verbreitung zu wünschen. Außer dem Lichte, das über das Verhältnis der Kirchenväter zu den Rabbinen dadurch verbreitet wird, werden wir dazu angeregt, die alten Bibelüber- Setzungen wieder zur Hand zu nehmen, ja, die Propheten selbst treten uns wieder nahe- Möge Verfasser bald die Fortsetzung dee Dodekapropheton uns bieten! 01• Sprüche Jesus, des Sohnes Sirach. Der jüngst gefundene hebräische Text mit Anmerkungen und Wörterbuch, herausgegeben von Professor D. Dr. Hermann L. Strack. Leipzig. I A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung Nachf., 1903, VI., 74 S. 1,50 Mk., eleg. geb. 1,85 Mk. Eine Geniea, der Sehernothkasten der Synagoge von Alt- Kairo, hält seit dem Jahre 1896 die Orientalisten der Welt in Atem. Und das Bedeutsamste, was daraus zu Tage gefördert ist, sind die vier Handschriften (A—D), in deren Inhalt Schechtcr, Taylor, Cowley und Neubauer den alten Ursirach in hebräischer Sprache gefunden haben wollten. Ein hochbedeutsames, wissenschaftliches Ereignis, durch welches der Bibelwissenschaft ganz neue Bahnen gewiesen werden konnten. Der erste Eindruck, den die veröffentlichten Stücke machten brachte die wissenschaftliche Welt — in unserer zweifelnden Zeit doppelt merkwürdig — zu dem Zugeständnis, daß hier wirklich das Werk des alten Sirach, wie es vor der griechischen Uebersetzang vorhanden gewesen, vor uns läge. E« lag ganz in der Notwendigkeit, daß der Gegensatz sich regen mußte. D. S. Margoiiouth mischte den Wermutstropfen in den Wein der allgemeinen Begeisterung, indem er, seiner früheren Ansicht entgegen, in den aufgefundenen Blättern nur eme Rückübersetzung aus dem Persischen und Syrischen sah. Aus dem Gewoge von Aeußerungen, die sich nun im Meinungskämpfe erhoben, ragt die Schrift König’s ״die Originalität des neulich entdeckten hebräischen Sirachtextes“ (Mohr, Freiburg) hervor, in welcher Margoiiouth zurückgewiesen und die Wahrscheinlichkeit der Echtheit vorsichtig aus der Schreibweise (מלא oder חסר), ond aus sprachlichen, wie sonstigen inneren Gründen nachgewiesen wird. 1 Tatsache ist, daß die Sprache dieser hebräischen Sirachstücke durchaus den Eindruck des nicht Gemachten hervorbringt. Man braucht nur Bensew dazuzunehmen, um den weiten Unterschied zwischen dem Uebersetzer und dem l'rbilde zu erkennen. Der Ursirach hält sich von jeder Einseitigkeit fern. Er schwebt nicht immer in dichterischer Höhe, scheut sich nicht vor späthebräischen Wendungen (״40 אח ושותף וספק צל־כינו במדבר ארבעי' ש:' »39 וכל צורך בעתו יספיק), da er sich dessen gar noch nicht bewußt ist, daß es sich um einen Wettlaaf mit der Bibel handelt. Aber im Ganzen redet er eine Sprache and bietet er uns Rhythmen, die echtbiblisch klingen und nur dadurch sich ermöglichen, daß Geist und Sprache der Bibel nicht als etwas Erloschenes betrachtet werden; der Dichter hat nicht nötig, sie zu erzwingen, sich zu ihnen emporzuschrauben, da sie das ihm angeborene Gewand seines Denkens nnd Empfindens zu sein nicht aufgehört haben. Trotzdem kann sich der Urtext nicht überall unversehrt erhalten haben. Oft richtet er sich wirklich nach der syrischen Uebersetzung, wobei diese freilich auch im Gegensätze zum Griechischen sich nach dem Hebräischen gerichtet haben kann. Man sehe 441, 49», um das zu begreifen. Aber wenn sich selbst eine ganze Anzahl von Stellen finden sollte, die uns das Hebräische abhängig vom Syrer zeigen; wenn wir für diese auch eine Anähnlichung an Uebersetzungen zugeben müssen, welche den Lesern geläufiger und sinnreicher schienen, als das Hebräische selbst, so löscht das den Eindruck des Ganzen nicht aus, das mit vernehmlicher Stimme spricht: Ich bin der Ursirach. Soll aber dies Buch an sich selbst schon in alten Zeiten nicht bei den so häufigen gottesdienstlichen Vorlesungen (s. 24 das Lob der Weisheit) schon Zusätze erhalten haben? So hat das Gebet 86 nur dann einen Sinn, wenn wir es in die Makkabäerzeit verlegen; der schwere Kampf gegen eine heidnische Uebermacht läßt Wünsche begreiflich erscheinen, die in Friedenszeiten keinen Sinn haben würden. Ist denn jenes dem Ps. 136 so ähnlich gebaute Lied nicht ein sehr alter Zusatz zu 51, so alt, daß darin ein Dank für die Erwählung der Söhne Zadoks zu Priestern ausgesprochen worden ist? Geben wir das Alter dieses Zusatzes zu, so haben wir den besten Beweis für das Alter des Achtzehnergebetes, also für die Ueberlieferung, welche dieses den Männern der großen Ver- Sammlung zuweist. Aber wir müssen uns dem vorliegenden Buche zuwenden. Es erscheint gerade zur rechten Zeit. Smend (Das hebräische Fragment etc. Berlin, 97) hatte weitere Veröffentlichungen über den Gegenstand, selbst eine Konkordanz angekündigt, aber mit der Ausführung seines Versprechens gezögert. Inzwischen hat der Babel-Bibelstreit die Augen nach einer ganz anderen Seite gelenkt, und davor mußten alle anderen Fragen merkwürdiger Weise in den Hintergrund treten. Zur rechten Zeit ist nun Strack mit seiner Ausgabe des hebräischen Sirach hervorgetreten, die ganz geeignet ist, weitere Kennerkreise in die Frage hineinzuziehen. Mit unnötigem Beiwerk wird man bei Strack bekanntlich nicht behelligt: in seinen Arbeiten herrscht die Zweckmäßigkeit. Und so sind hier in Anmerkungen nicht nur alle vorhandenen Sirachstücke der verschiedenen Handschriften verarbeitet, sondern auch die Lesarten und Auffassungen der verschiedenen Forscherangedeutet, die alten Bibelübersetzungen werden auf Schritt und Tritt herangezogen, und das Wörterbuch am Schlüsse zeigt uns die Abweichungen Sirachs vom biblischen Sprachgebrauche; auch finden sich darin seltene biblische Ausdrücke berücksichtigt. So ist hier das in vielen Arbeiten Zerstreute in einem Brennpunkte vereinigt; dem Leser wird durch das eine Werk der Einblick in viele andere erspart, ja, er hat den Vorteil, die Ergebnisse weitschichtiger wissenschaftlicher Erörterungen in kurzen Anmerkungen vereint zu sehen und hat damit alles Brauchbare und Unentbehrliche zur Stelle. Eine Empfehlung dieses Buches erübrigt sich demnach von selbst, wenn wir nicht zum Schlüsse noch auf den billigen Preis hinweisen wollen, der zum hohen Werte der Arbeit in gar keinem Verhältnisse steht und Jedem die Anschaffung ermöglicht. Inhalt der Numm» r 14. Wissenschaftliche Aufsätze: Kleidung 1:u biblischen und talmudischen Schrifttum. Von Di. .adolf Rosenzweig, Berlin. — Roschhaschanapredigten Philo’s. — Lltteraturbericht. Recensionen: Kirchenvater und Rabbfc^ Von Moritz Rahmer. — Die Sprüche Jesus, des Sohnes Sirach. Von Professor D. Dr. Hermann L. Strack Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Kosenthal in Preussisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.