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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1892-12-02 · N° 49. (2.12.1892) · p. Seite 192

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
21 (1892)
Issue
N° 49. (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
Seite 192 (sequence 3)
Language
German
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der 8ioh sehr geru General nennen lies?, schwankte; darüber, ob mau den Freitag feiern, d. h. den Marsoh : unterbrechen sollte; mir lag jedoch daran, so rasch , wie möglieh fertig zn werden: allein vergebens liess ich ihm durch den Dolmetscher verdeutlichen, dass! dann drei Tage in der Woche versäumt werden würden, weil' ich, obschon einziger Christ in der ganzen Gesellschart, ־doch wohl aach das Recht habe, meinen Sonntag zu heiligen, und weil dann die Israeliten ebenfalls ihre Sabbathrnhe beanspruchen würden. Oberst Francis meinte, die Schwierigkeiten unter den ihm tags zuvor und am Morgen unserer Ausreise zugewiesenen Manuschäften würden zu gross sein und daher Unzufriedenheit u. 8. w. herbeiführen Ich liess mich deshalb mit dem intelligentesten der jüdischen Beiter, Jakob, in ein Gespräch ein — er verstand etwas Französisch und Italienisch -, setzte ihm die drei Tage Arbeitsverlust auseinander und schlug vor, keinen einzigeu Feiertag zu halten, dagegen die Bezahlung sachgemäss für jeden Tag iu Anspruch zu nehmen. Ich bemerkte ihm dabei, dass der Minister des Innern seiner Hoheit, des Bei’s, wohl so wenig von unserem in Aussicht stehenden Faulenzen erbaut sein würde, dass es na!h der Rückkehr schwerlieh ohne einige Bastocaden in Tunis abgehen könnte, jind ersuchte ihn daher, die Trappe za veranla-sen, auf den Vorschlag des Ignorirens aller Feiertage einzngehen^ Fr begeh! te die Erlaubniss, die Sache gleich einem jungen Bittmeister, einem feinen Mauren, vortragen za dürfen, und brachte sie anscheinend so ehrerbietig und überzeugend vor, dass derselbe zwar sehr wenig antwortete, aber mich salutirte und von 1 da an mit seiner besonderen Zuueigung bedachte.1} Schon am selben Abend bei den;Wachtfeuern verhandelte mau die Angelegenheit, tmd Jakob gab mir alsbald zn verstehen, dass sie in meinem Sinne entschieden sei. Doch nicht allem in Nordafrika, sondern auch in : Südamerika and noch bezeichnender in Nordamerika ׳ habe ioh eine günstige Meinung von den Israeliten : erhalten und ich entsinne mich nur sehr weniger Ge- 1 legenheiten, bei denen unangenehme Eigenschaften von ihnen za Tage traten, dagegen sehr, sehr vieler, bei denen ihre Vorzüge, z. B. Mildthätigkeit, in hervor-! ragendem Maasse sich geltend gemacht haben, und 1 kann deshalb dem absprechenden Urtheil des B. Fitzuer in einigen Sätzen seines ansserdem sehr interessanten , Aufsatzes im ,Globus* ausspricht, nicht beipflichten. : Er sei bst widerlegt sich ja aucn wenigstens zorn grossen I Theile in dem, was er unmittelbar darauf erzählt. ׳ *) Derselbe bat nachher za verschiedenen Malen, einen 1 Schimmel, den mir der damals bei meinem Vetter, Konsul W. 1 W. Schmidt in Tonis, wohnende Ur. Nachtigal als Reserve- : pferd mitgegeben batte, .weil er ihm za lebhatt war, besteigen j za dürten Dies gesbah jedoch weniger aas Vorlieoe für das : ■war prächtige, aber doch nicht alle Pferde unserer Tn ppe überragende Thier, als vielmehr aas dem Diange, den Sitz aat meinen von den üblichen maurischen Sätteln sehr verschiedenen schönen angarishea Bock kennen za lernen. _ Nachdem ich den jungen, stattlichen Offizier von dem ן Wesen des SatteIzeagee nur zweimal unterrichtet, versäumte er , keine Gelegenheit, dasselbe, solange ich seiner nicht b'׳ dürfte, I an gebrauchen, und ee war mir sear interessant, za beobachten,; wie die anfänglich nach dor.iger Bei 1erge wohn neit von ihm ganz kur■ geecnnallten Bügel schon am dritten Tave durch ian; selbst die angemessene Länge erhielten, wie solche bei unserer Reiterei üblich and am praktischsten befun len worden ist. Er schien aalest nicht wenig stolz daraut za sein, sich in einem europäischen Sattel heimisch gemacht za haben. Wenn aach der Knien schloss bei dem jungen Manne noch mehrfach za wünschen übrig liess, nahm er doch eine vortreifliche Haitaug aat dem guten Pferde an. Man sah dann aat den ersten nlick, ן dass ״Rasse* in Ross and Reiter vertreten war. g ' Das letztere hat er selbst gesehen und beobachtet, wogegen er das erstere schwerlich aus Erfahrung, sondern wahrscheinlich nur von solchen haben wird, die sich als von den Juden ,Geschundene“ hinstellen, und das pflegen die am wenigsten Glaubwürdigsten za sein. Zudem widersprechen auoh die doch annähernd analog gewesenen Verhältnisse der anliegenden französischen Provinz Algier, iu der die Juden durchaus nicht rechtlos sind und also viel eher als in Tunis halsabschneiderische Wuchereien treiben könnten, d reu Verhalten in dieser Richtung in Tuuis, wo sie fast nie Gerechtigkeit, fanden uud nicht hlosVerleamdangen, wohl aber noch viel mehr in Form von allerlei Misshandlungen, über sich ergehen lassen mussten.’) Senior Sachs. Am 15. November versohie l in Paris der jüdische Gelehrte Senior Sachs im 77. Lsbeu-jVare, am 18. wurde er unter Betheiliguug seiner zahlreichen gelehrten Freunde zur Erde bestattet. Oberrabbiuer Z&doc Kahn hielt ihm eine seine Verdienste um die jüdische Wissen- Schaft würdigende Grabrede. Senior Sachs war ein eminenter Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Litteratnr, ausgezeichnet duroh Tief.-inn, kritisches Talent, Originalität, gründliche Durchdringung des behandelten litteranscheu Stoffes uud ein Meister des hebräischen Styles. Ein litterarisches Fragment genügte ihm, um daran wichtige Untersuchungen und scharfsinnige Combinationen zu knüpfen. Seine wichtigsten Leistungen betreffen den Denk*r und Dichter Salomo Ihn Gabirol, dessen Philosophie er in ihrem Wesen und ihren Wirkungen aut andere jüdische Denker untersuchte und dessen handschriftliehe Gedichte er zum Theile veröffentlichte und mit einer wahrhaften Virtuosität erläuterte. Senior Sachs war auch eine interessante Personlichkeit, ein Charakter. In Russland geboren, wo er den Grand zu seinem vielumfasseu.len Wissen legte, kam er gegen Ende der vierziger Jahre nach Berlin, wo er schwere Kämpfe zu bestehen hatte und als Charakter sich bewahrte. Anfangs wurde er von Dr. Michael Sachs unterstützt, später aber ziemlich lieblos behandelt, weil man verbreitet hatte, dass er sich manches erlaubt hätte, was die Menschlichkeit entschuldigt, die Orthodoxie aber verpönt. Er war nämlich ein überaus zärtlicher Vater und er hätte, wie man erzählte, wegen eines kranken Kindes den Ofen am S&bbath ge. eizt. Der arme Senior Saohs hatte keinen Dienstboten, der das Zimmer für sein krankes Kind an seiner statt wärmen konnte. Als Dr. Michael Saohs später die Ueberzeagung gewonnen hatte, dass Senior Sachs ein philosophischer Denker, Bibeiforsoher und Kritiker im eminenten Sinne sei, wollte er ihm wieder seine Unterstützung za..enden; Senior Saohs, der blatarm war, wies sie aber zurück. ') Ia Nr. 855 der ״Köln. Ztg“ vom 8. November d. J. wird bei Erwähnung des Todes des französischen General- Residenten Massicanit in Tonis gesagt: ״Von Frankreichs aaswä tigen Besitzungen hat in den lezten Jahren die jüngste, das Schutzgebiet Tonis, der Regierung am wenigsten Sorgen bereitet and am meisten Befriedigung gewährt.“ Das widerlegt vollständig den Fitzaerschen Bericht über die Sauden der dor.igen Jaden, die unter europäischer Herrschaft doch jetzt gewiss mehr Freiheit gemessen als unter der orientalischen; himmelschreienden Wacher duldet die französische Regierung aber weder in Algier noch in Tonis.

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