Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 21 (1892)
- Issue
- N° 43. (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- Seite 169 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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109 — Ein Privilegium odiosum. Von G. Wolfe Unsere heutigen Antisemiten unterscheiden •ich wesentlich von den ehemaligen Judenfeinden. Sie lassen sioh blos von ihrer blinden Leidenschaft leiten, ohne auch nur zu erwägen, ob das, w as sie wünschen und wollen, auoh nur in ihrem Sinne sum Heile führe. Ihr um und auf ist der Satz: ,Juden ’raus*. Wie es um die Christen stünde, wenn die Juden, sei es aus eigenem Antriebe sei es gezwungen auswandem würden oder müssten; darum kümmern sie sioh nioht; und dooh könnten sie sioh Belehrung aus der Gesohichte holen. So glaubten die Christen in Wien als sie in den seohziger Jahren des XVII. Jahrhunderts dazu drängten, die Juden aus Wien!!u vertreiben, es würde dann, wenn die Stadt judenreiu ist, das goldene Zeitalter kommen; doch siehe da, die Leute verarmten und waren nioht im Stande ihre ן Steuern zu bezahlen. In solcher Weise kan es, dass 1674, vier Jahre nach der Vertreibung w ieder Juden in Wien verkehrten. In P rag wurden die Juden 1748 vertrieben. Die Kaiserin sah sich jedooh genöthigt, dieselben wieder aufzunehmen, da alle Welt!darüber klagte, dass seit dem. Abzüge der Juden die materiehen Verhältnisse sich verschlimmerten. Wir;denken es würde heute nioht anders komm »n, wenn man etwa die Juden aus Wien vertriebe. Ganze Stadtviertel würden verödet sein, der Werth der Häuser möchte sinken, Handel und Verkehr stocken u. s. w. Doch um alles das kümmern sich die Antisemiten nicht, ja es wäre ihnen gleichgültig, wenn die Stadt in Flammen aufgiDge, .wenn sie nur ihren Kohl dabei aufwärmen könnten. In früheren Zeiten waren die Dinge anders. Da waren die Juden die Hühner, welche golc eneEier legten, und es gab ein Privilegium, durch welches dem Landesfürsten gestattet wurde, Juden halten *u dürfen. Die Herzoge von Oesterreich erhielten ein derartiges Privilegium von Friedrich 1, Barbarossa, welches von den nachfolgenden Kaisern den genannten Herzogen aufs neue bestätigt wurde. Die Herzoge von Oesterreich habe n dieses Privilegium wohl zu würdigen gewusst und sie duldeten nioht, dass dasselbe verletzt werde Ah Beweis dessen führen wir folgendes Mandat Kaiser Ferdinands III., Wien 6. November 1637 an, das wie lolgt lautet: ״Ferdinand der dritte von Gottes gnaden erwölter Römischer Kaiser zu!lungern v. Böhai nb etc. König, Erzherzog zu Oesterreioh etc. Wolgeborner lieber getreuer, Wir werden glaubwürdig berichtet, wie dass sich aut deinen Guetern, Stetteldorf, Ring'erspurg, Schnieda v. Weidenfeldt, Juden mit stätter Wohnung, samt Weib, Kindt und Gesindt befinden. Sodann aber Niema idt, alss vnss allein, in diesem vnseren Erzherzogthun 1b Oesterreioh Juden zu haben und zu toleriren gebü tt. Demnach befehlen wir Dir, hiermit genädigst vnct wollen dass Du vnns, alsbalden nach empfahung bei Andtworthern dass vnserr Nieder Österreich Rugierang Umapaneru Hannsseu Schön zum fahl du aber abwesend wärest, inner der näohsten vierzehn U gen, hetrnaoh zu handten Jeztbesagter vunserer N. Oost. Regierung sohriftliohen beriohtest, quo jure aut Privilegio oder Conoessione aut soloh deinen Gaetter ב sie Juden eingelassen und du dieselben halten thist. Hiervon erstattest du also vnsern genädigsten auoh entliohen gefälligen Willen und Meinung. —Geben ii. unsern Statt Wien den seohsten Monats tag Novemtris in Sechzehenhundert Siben vnd dreyssigen, Vnserer Reiche, des Römischen im Ersten, des Hungarischen im zweifiten vnd des Böhaiisohen im zehnden Jahr. S. Brenner Commissio Do minj Eleotj. Stat aal: In peratoria in oonsilo L. S. Schäffler, M. Hasner. Kanzler. . W. PinelL Aufschrift: Dem Wolgeboren vnsern liben getreuen Graffen za Hardegg, Glatz vnd in Machhandt Obristen Erbsohenken in Oestreioh vnd Obristen Trnohsftssen׳ in Steyer unserem Obristen eto. Vermerk: psent den 14. Dber. 1637 in StetldorfE“ Der Anfang des Midrasch rabba zur Genesis. Herr Rabbiner Dr. Goldfahn ist ein scharfsinniger origineller Forscher. Allein gerade deswegen bin ioh _ etwas misstrauisch gegen seine litterarisohe, scharfsinnige Originalität, eingedenk des t&lmndisohen Spruches: Je grösser der Soharfsiun, desto leichter das Irren. So hat derselbe in den Nummern 38—40 des ״Litteraturblattes“ den Anfang des Midrasoh Rabba zur Genesis in einer originellen Weise oommentirt, die ich aber nioht für zutreffend halte. Diese Stelle ist nämlich ein klassischer Bsleg für den Einfluss, wölohen die Ideen Philo’s auf Palästina aasgeübt haben. Die Logoslehre desselben ist auch nach Palästina gedrungen, wofür die fragliche Stelle Zsagniss ablegt. Der Superintendent Dr. Grossmann in Leipzig, weloher viele Jahre aafdas Stadium Philo’s verwendet und die Absicht hatte, dieWerke desselben zu ediren, hat eine besondere Abhandlung über die Epitheta veröffentlicht, welohe von Philo dem Logos beigelegt werden. Derselbe heisst: Anfang, Pädagog, Werkmeister oder Architekt, Weisheit, Arohityp, verböigen u. 8. w. In Palästina wurde der Logos ,חכפה ראשית,אומן ,תורה, genannt. Nun wurde sohon in alter Zeit das Wort בראשית mit בחובסתא übersetzt; daher hat man Gap. VHI. der Sprüche, wo die Weisheit oder oder Philonisohe Logos geschildert wird, herangezogea, um den Anfang der Thora zn erklären. Die הבמה ist also ein ״Pädagog", ״verdeckt“ and ״verborgen“. Besonders prägnant ist die mit דבר אחר folgende Erläuterung, dass Gott, wie der Aröhltekt (א1כן) die Baupläne, die Thora autgesohlagen vor sioh hatte, um ihre Ideen im Kosmos za verwirklichen. Die Thora ist demnach eine pl&tonisohe Idee oder der Phiionische Logos, das Arohityp, wie auch der Logos genannt wird, für die siohtbare Welt. Im Midrasoh Könen wird die Tora spraohlioh mit Theoria identifioirt; sie ist der Spiegel, in welohem die Urideen der Welt gesohant werden. Die Behauptung des Harra Dr. Goldfahn, dass der Midrasoh die Synagogen- Ordnung bezüglich der Thora kräftigen oder unterstützen wollte, dürfte nicht zulässig sein, da es sioh von selbst versteht, dass die Thora aaf dem rechten and nioht aaf dem linken Arm getragen, geschmückt oder von einem sohönen Stoff umhüllt und in der Bandes lade aufbewahrt werde. Es hätte dooh wahrhaftig gar nioht anders sein können. Herr Dr. Goldfahn hat eineu neuen Beweis »eines Scharfsinns und seiner Originalität geliefert, aber käam die Exegese de« Midrasoh bereichert.- Man muss bei der Lektüre des Midrasoh sioh immer sagen, dass wir bloss kurze Einleitungsworte besitzen, welche vom vortragend.30 Hagadisten mäudlioh erläutert werden. Baden b. Wien, 3. Ootober 1892. Dr. Ad. Jellinek.‘־