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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1892-06-30 · N° 27. (30.6.1892) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
21 (1892)
Issue
N° 27. (30.6.1892)
Date
1892-06-30
Page
Seite 106 (sequence 3)
Language
German
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— 106 ihn Macht and Privilegien erweitert hat, alles das spiegelt sich im Kleinen bei der Frankfurter Jaden• gemeinde wieder. Sie siedelten siohSaohsenhaasen gegenüber in dem am mittleren Flnssafer gelegenen Stadtteile an, es war damals das schönste and gesündeste Qaartier, aber schwerlich aas freier Wahl. Wohl mochte die B&okeiebt auf den Handel and, wie sich später bei ihrem Ab eng ־ heranss teilte, ein religiöses Bedenken, die Notwendigkeit des Qaellbades, die Nähe de# Flusses ihnen wünschenswert erscheinen lassen. Der Hauptgrund war wohl hier, wie überall in den mittelalterliehen Städten, der Sohats der Obrigkeit, den sie unter den Angen des Bates am sichersten and schnellsten tu finden hatten. Denn Bathaus und Pfarrkirehe standen damals auf der Stelle des jetsigen Domes friedlich neben einander. Aber den Frieden fanden sie dort nicht auf die Dauer. Kaum waren sie nach einem halben Jahrhundert su einer kleinen Gemeinde von etwa 40 Familien erwachsen, als im Jahre 1241 die Wat des , Pöbels der Niederlassung ein Ende bereitete. Fast 30 Jahre blieb die Stelle des Mordens gemieden. Die ,kaiserlose, die schreckliche Zeit“ bot keinen Bückhalt an Privilegien and Kaiser. Als aber mit Badolf von Habsbarg Bähe und Sicherheit ins Beioh zurüokkehrten, wurde die alte Stätte am Main wiederum aufgesucht, eine neue Niederlassung aufgerichtet. Ihr | war eine etwas längere Lebensdauer beschieden. Etwa; 70 Jahre waren seit ihrer Neubegründung vergangen, als sie 1349 der Mordwat der Deutschland verheereni den Oeiselerachaaren erlag. ,Die erste and die zweite . grosse Judenschlacht * nennt man dieee beiden groseeu 1 Vernichtungen der jüdischen Colonie am Maine; beide j Male waren sie vom Pöbel aasgegangen, das ■weite Mal sogar von auswärts importiert, beide Male gegen; den Willen des Rates, der im Laufe der Zeiten ein j lebendiges Interesse erlangt hatte, seine Jaden, deren | Steuerkraft ihm durch kaiserliche Briefe verpfändet; war, seine lebendige Einnahmequelle aaoh su erhalten. ן Daher wir diesmal recht früh, schon wenig mehr als! ein Jahraehnt nach dem Morden, nun dritten Male i (1360) and wiederum an derselben Stelle am Maine j eine Ansiedelung erstehen sehen. Hier blieb sie ein volles Jahrhundert in ungestörter Bähe, bis es dem unaufhörlichen Hetzen der Geistlichkeit bei Papst! und Kaiser gelang, den Bat za swingen, die jüdische I Niederlassung vom Dome za bannen. Dort wo seit fast 200 J ähren ihr Friedhof lag, am Südostendo der Stadt, am Wollgzaben, begann ihnen der Bat 1460 ihre Häaser zu bauen; zwei Jahre darauf verlieesen sie unter heftigem Protest ihre alte Wohnstätte und bezogen die neue Jadengasse, deren trämmerhafte Beate ieh noch gesehen habe. Dort sind sie viertehalb Jahrhunderte bis ■tun Anbrach einer neuen Zeit zasam mengeblieben. L Kaum ein Datzend Häaser erhielt die neue Gasse, und auch ein halbes Jahrhundert später war ihre Zahl noch nicht auf das Doppelte gestiegen. Unter denen, welche aas der alten Jadengasse zogen, befand' sich soeh ein Rheinländer, namens Joselin, der von Cöln stammte and daher auch Joselin von Cöln genannt wurde. Schon damals durfte nar derjenige an Agfa ah me denken, der den Nachweis eines bestimmten and ziemlich hohen Vermögens führen konnte. Joselin war ein reicher Mann, der reichste seiner Gemeinde. Er wurde der Besitzer eines eigenen Hannes, dass von dem Schilde an der Thür .,zum Kessel“ hisst. Jahraus jahrein zahlte er von demselben an den Bat der Stadt einen Zins von 76 Golden, dsn höohsten Hauszins, eine ganz exorbitante Steuer. Wenn man bedenkt, dass das damalige Geld den sechsfachen Wert des heutigen hatte, der Goldgolden aber etwa 8 Mark unserer Beiohswährang gleiohkommt, so betrug der Jahreseins etwa 3600 Rmk. heutigen Geldes. Joselin hatte eine zahlreiche Familie, zwei Söhne and vier Töchter hatte ihm seine Gattin geschenkt. Sie vermehrten die Wohlhabenheit und den Einfluss des Hauses. Als die Söhne heranwachsen and za selbständigem Besitz gelangten, braohte es der Vater dahin, dass aaoh sie eigene Häaser erwarben, der ältere, Nathan, den ״sohWarzen Bing*, Simon, der jüngere, den ,roten Löwen*. Seine vier Töchter verheiratete er au reiohe auswärtige Juden, welche dadurch das Wohnreoht in Frankfurt erwarben. Es war dies für beide Teile ein Vorteil; denn auch des Schwiegervaters Einfluss stieg dadaroh innerhalb der Gemeinde. Die Schwiegersöhne kauften sich ebenfalls in der Gasse an und wurden Herren von Häusern. Die älteste Toohter, Belohen, heiratete Abraham von Sohaflhaasen, der die ,Kanne* und späterhin die ,rote Bose* erwarb; Adel, die zweite, bekam einen Wittwer, der bereits in der Gasse angesessen war, sie zog mit ihrem Gatten Simon von Weissenau in den ,Hirsch*; die dritte ward an den Gemeindewirt Salman von Mergentheim verheiratet, der ,im heckehas* wohnte, einem Hause, das sonderbarer Weise der Buhe and dem Lärm diente Denn seit alter Zeit, sohon in den Tagen der frühesten Ansiedelung, war dieses Haus aaoh dem frommen Dienste der Krankenpflege geweiht, daher man dem Hause den Namen des frommen, des heiligen gegeben, hekdesoh (hebr.), ein Name, der durch Verwechslung zum heokhas geworden.*) Noch kurz vor seinem Tode erlebte Joselin der Alte die Freude, aaoh seine jüngste Toohter Beohlin mit Seligmann von Praanbeim za verbinden. Joselin8 Söhne and Schwiegersöhne gehörten za den reiohsten Gliedern der Gemeinde. Simon von Weissenau konnte sich an Vermögen mit seinem Schwiegervater messen; er war 1493 selbständig zam Bau eines Hauses gesohritten. So war die Familie in den Besitz von sieben Häasern gelangt, also des dritten Teils des gesammten Judenqaartier8. Sie war auf den Höhepunkt ihrer Macht gestiegen. Die höobste Ehrenstelle, welohe die Gemeinde vergeben konnte, war das Amt eines ,Baumeistere*, der die Verbindung zwischen ihr and dem Bete, weiterhin mit Kaiser und Beioh aafreoht za erhalten hatte. Bei ihm lag das wichtige, ja einschneidende Geschäft der Einschätzung, er hatte das materielle Wohl des Einzelnen in seiner Gewalt. Drei Gemeindegenossen worden jährlich hierzu berufen, und wir finden, das ans Joeelins Familie zwei in einem Jahre das Amt bekleiden. Aaoh nach aussen konnte die Familie ansehnliche Verbindungen an knüpfen. Als Simon einer Verwandten Hochzeit machte, beeilten sioh nicht wenig Bitter und Grafen, ihm Wildpret zur Tafel za liefern; and noch in späten Tagen erzählte man sioh von dem prächtigen Feste, zu dem zahlreiche Glaubensgenossen aas weiter Ferne in glänzenden Gewändern erschienen, and von dem Tanze, dem Frankfurter Bürger mit ihren Frauen Nachts zusohaaten. (Forts, folgt.) *} Wir geben zam Schloss dieser Arbeit in einem beeonderen Anhang eine Aufstellung der Häuser in der Judengesse ia Jahre 1604, —■״»«״* den Namen ihrer Inhaber; auf eiaem N.iMntefAifhsm werden auch die in der folgenden Erzähl nng eine Bolle spielenden Glieder der Familie Joeelins Uberaiohtlioh anfgeftlhrt.

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