Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 21 (1892)
- Issue
- N° 24. (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 95 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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•werden hie und da geblaget, sind hin tn 1d her in Landen zerstreuet, haben kein gewissen Crt, da sie gewiss könnten bleiben, sitzen glei'hsam wie auf einer Schuckel*J, müssen immer besorgen, man treibe sie aus. haben ■weder Land roch Leute, kein Regiment nirgend; .... Den Judei wird nicht gestattet, dass sie Handwerk treiben odt r andere Arbeit thun, noch Vuthe halten; sondern wuch’.rn nur, nähren sich mit Fferdetäuscherei und Kleider Gremflerei, und 1werden von ihren Herren und Ober ketten unter denen sie sitzen und wohnen, weidlich gezauset und heran ft“ Es muss ein grosser Zorn Gottes sein, dass die \ Juden also hin und wieder in Landen ,erstreuet ziehen, und von einem Ort zum andern getrieben, gescheucht und gejagt werden, haben kein gewissen bleibenden Ort, fuhren ein arm Leben . . (Erl. Ausg. Bd. 62.) loh will diese Zeit nooh näher da roh einige ganz kurze dürre Daten charakterisieren: 1380 Ermordung der Pariser Jaden. 1391 Grost-o Judenverfolgung in Spanien. 1395 Vertreibung der Jaden aas Frankreich. 1412 Gross״ Judenverfolgung in Spanien. 1421 Verfolgung der Jaden in Ö sterreich 1424 Vertreibung der Juden aus Z ürioh and Frei• barg, 1426 aas Köln, 1432 aas äacisen, 1435 aas Speyer, 1438 aus Mainz, 1439 aas Augsburg, 1450 aus Bayern. 1454 Verfolgung der Juden ii Deutschland, Mähren and Polen vCapistrano). 1458Vertreibung der Juden aas Erfurt, 1470 aus dem Erzbistum Mainz. 1472 MarannenVerfolgung in Spanien. 1475 Vertreibung der Jaden aas Bamberg. 1480 ausGlogau. 1489 aas Würzburg. 1490 aas Genf. 1492 Spanien, Sioilieu und Mecklenburg. l‘:93 aus Magdebarg. 1496 aus Steyermark, Kärnthlan and Krain. 1497 aus Portugal. 1498 aus der Prc venoe, Navarra und Nürnberg. 1499 aas Ulm. 1510 werden in Berlin auf dem neaen Markte die Jaden öffentlich verbrannt ans dem einzigen Grunde, weil sie Jaden waren. Zahlen beweisen, aaoh Jahreszahlen vermögen das! Es würde aber zu weit führen, wolltet wir auoh nur in gedrängtester Kürze die Vertreibuigen aufsählen, wie sie bis znro Jahre 1744 in West und Mitteleuropa statt ha bon und als blatrother Faden die Geschichte des jüdisohen Volkes durchziehen. Was von den Jaden dem Tode entging, wurde in dieser Zeit naoh Osteuropa hineingedrängt, am am Ende des 19. Jahrhunderts wieder mit Gewalt hin« usgedrängt au werden. So ist das jüdische Volk ein ewiger, roheloser Wanderer geworden und ist ver luoht 80 lange ee za bleiben, bis es ihm gelingt aus sioh selbst heraus von neuem Beine Freiheit sioh za erringen. Die Völker, die die Jaden vertreiben, ei ad siob ihres Kampfes und Kampfzieles sehr wohl haben dieses Bewusstsein vielfaoh in lagen krystallisiren lassen. Das deutsche Volk hat seinen ewigen Juden. Das russische Volk dagegen weiss za erzählen, wie ein Biese Namens Jüdoirin, der symbolisob das Jadenvolk darstellt, in das russische Land eingefallen sei, tun es sioh anzueignen. Da hat sich ihm der Nationalheld des rassisch an Volkes Iliä Müramets entgegengestellt und ihn ersshlagen. Diese Sage wird erzählt in den halb rythmisirenden Er- Zählungen, die unter dem Namen jGeeohehnisee* (Bailiny**) bekannt sind.* ') Schaukel. **) Bitte Art von rassischem Volksepos. bewusst, und Das j&disoheVolk selbst kennt auoh einen ewigen Juden, der ihm seine ewigen Wanderungen and zagleich den wilden Drang naoh Widerherstellung seiner alten Herrlichkeit darstellt; es ist der Elijäbn häneäbt, weloher aaoh als der Vorläufer des Messias angesehen wird. — (Fortsetzung folgt.) Nochmalige Beleuchtung der Talmudstelle Kethzhoth 102b uad Tesephta das. e. XI. Was bisher in diesem geschätzten Blatte über diese Stelle geschrieben wurde, verleiht ihr noch keine volle Klarheit. Man versteht nooh immer nioht, wozu die Zeitangabe דוב oder מרב הפסח überhaupt erwähnt wird, und nooh weniger die Form ה00ח mit dem Artikel. Be8umiren wir kurz den sachlichen Inhalt der vielgequälten Stelle. Eia vom Vater verwaistes aumündiges Kind 8011 der Mutter, nioht den väterlichen Verwandten zur Erziehung übergeben werden. Das leitende Motiv hierfür ist ein zweifaches.!Die Matter wacht erstens mit mütterlioher Liebe und Zärtlichkeit über das Wohl des Kindes, dass ihm kein Unfall zastosse; ihr waohsames Mutterauge begleitet es als treuer Schutzengel überall hin, um;eie ihm drohende Gefahr von ihm abzuwenden. Zweitens erwächst der Mutter, als nioht erbberechtigt, gar kein materieller Vortheil aas dem etwaigen Tode des Kindes. Bei den väterlichen Verwandten hingegen fehlt das treue Matterherz, am mit solcher Sorgfalt das Kind vor , Unfällen zu hüten; überdies erwäohst für sie, als die präsumtiven Erben, ein materieller Vortheil aas einem etwaigen Tode des Kindes. Zwei Gründe spreohen also für die Mutter und gegen die väterlichen Verwandten bezüglich der An Vertranung des Kindes; die Mutter empfindet unvergleichliche Liebe zum Kinde und hat auoh gar kein Interesse an seinem Tode, die väterliche •1 Verwandten haben, umgekehrt, nioht diese Liebe zam Bände, hingegen aber ein Interesse an seinem Tode. Zur weiteren Unterstützung dieses Motivs wird erzählt: Es kam einmal vor, dass man ein solches ihrer (der Verwandten) Obhut anvertrautes Kind abgesohlaohtet hat am דוב הפסח. Wer die Mörder waren ist durohaas nioht angegeben. Es steht nioht ושחטוהו יורשי האב oder היורשין, sondern nur ושחטוהו ohne Beifügung eines dabjeots. Das Verbum ia der 3. Person plarahs wird im Talmud impersonell gebraucht. Vergleiche Gittin, Babli Jer. הרכר יצא ספי ר* א ונחנוהו לנניבא בקולר ferner Beraohoth, Babli 61 b אסרו לא חיו ימים מועטים עד שתפשו את רבי עקיבא וחבשוהו כבית הסוהר- Man hat also einmal ein solches Kind abgesohlaohtet am ערב הפסח. weil es die Väterliehen Verwandten, denen es anvertrant war, nioht sorgfältig genug gehütet hatten. Die Mörder sind nicht genannt, aber mit der Zeitangabe מרב הפסח ist angedeatet, ia welchen Kreisen man die Mörder vermathet hat. Die Formel מרב הפסח kommt vor Synhedrin, Babli 43a: מרב הפסה תראוהו לי׳שו und daselbst in den unoensiartan Ausgaben: ותלאוהו מרב הפסה■ Beidemale zielt-das vorgesetzte demonstrative ה auf jenen verhängnisevollen Erew Pessaoh hin, der daroh die Juetifioetion Jesu seither zum Gharfreitag, zum Leidenstage Israels, durch Jahrtausende geworden ist. So oft dieser verhängnissvolle Tag wiederkehrt, herrschte and herrscht heute nooh ia fanatischen ohristliohen Kirchen ־eins gereizte, von Raohgier erfüllte Stimmung gegen die Juden. So sohreibt mein vor zwei Jahren verstor-. bener Onkel, Dr. Moritz Eisler, in seinem za New