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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1892-06-10 · N° 24. (10.6.1892) · p. Seite 94

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
21 (1892)
Issue
N° 24. (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
Seite 94 (sequence 3)
Language
German
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erhielt ne — wsnnglsioh ioh gebeten bette, eie im Pell der Nichtenfnabme den Weg aller schlechten Verse wendem sa leesen — mit n*anstehenden liebenswürdigen Begleitworten von der eigenen. Bend des {gefeierten Dichters zurück: ״Verehrte* Herr! Ich hätte gern einige vbn Ihren Gedichten *aigenommen, wenn des bei;dem von der Bedection so beschränkten Raum nicht unmöglich gewesen und sohioke Ihnen deshalb Ihre Oediohte snrdok, de sie mir su gut scheinen, am das äohioksal der Tausende theilen sn sollen, die in den Papierkorb wandern. Verehrung ■(voll Wiesbaden, 7. Marz 1879. Fr. v. Bodenstedt.“ Ich habe die Ablehnung meiner ״ Diohtangen * daroh den gottbegnadeten Sänger längst verschmerzt, aber am den Preis der obigen Zeilen Bodenstedts thut es mir noch heute •nicht leid, jene Verse verbrochen zn haben. Oer ewige Jude. Eine littermrische Skizze von Heinrich •Loewe. EL Die Sagen des Volkes haben in ihrem Ursprünge gewöhnlion einen viel tieferen Sinn, als man nach dem ersten blossen Anhören derselben vermathen dürfte. Jedoch muss man za diesem Behcfe erst auf die Entstehung der Sage zurückgehen and darf vor Allem nicht die lokale oder zeitliche Färbung für das Wesen, nicht die Schale für den Kern ansehen. Man muss die einer einzelnen Persönlichkeit anhaftenden Merkmale nnd Eigenschaften aaf eine Allgemeinheit übertragen, gan.״: gleich, welcher Art diese Allgemeinheit ist, mag sie nan ein Volk, eine Gottheit, eia grosses historisches Ereigniss oder gar eine Idee sein. Aach dem Ewigen Jaden einen angemessenen Ursprang za geben, einen Stamm baam ihm nachzaweisen, dessen er sich nicht sonderlich za schämen brauche, 8011 nnnmehr unsere Aufgabe sein. Wir wollen ans nicht verhehlen, wie schwierig eine solche Aufgabe ist, zumal da die wenigen bisher bekannten Quellen noch -keineswegs gesichtet sind and gewiss noch manche angegrabene Schätse ihrer Förderung an das Tageslicht harren. Jedoch 8011 es ans nicht verdriessen, mit den geringen ans za Gebote stehenden Mitteln nnd ansem schwachen Kräften nach Möglichkeit an die Lösung dieser Aufgabe heranzatreten. Wie weit es ans gelungen ist, ihr gerecht za werden, bleibt dem milden Urtheile unserer Leser Vorbehalten, Der ewige Jade, 80 sagt die christliche Theologie, ist ein Sinnbild des jüdischen Volkes, das seinen Freand and Erlöser von sich gestoesen and in den Tod getrieben bat, das seitdem ruhelos wandern muss, Und nach einem Dogma der römisch-katholischen Kirche nicht eher wieder Bähe finden kann, als bis Christas selbst zur ׳Areoxccddaraaij tuevnsv wieder aaf Erden erscheinen wird. Und diese Erklärung der Sage hat viel für sinh, Seit der Kreuzigung Christi oder vielmehr seit dem kaum 40 Jahre später erfolgten Untergange de• jüdischen Staates sehen wir die jüdische Nation ohne einen staatlichen Anhalt aaf der ganzen Welt zentreat in einem Zustande, den wir ein ״politiaohes Zigeunerleben * wohl nennen dürften. Der jüdische Stamm versuchte zwar seinen Staat wieder aafzariohten; aber an der unendlichen Maohtfülle dea römischen Beichskoloeses zerschmettern and zersohellen wie ein Nzohen am Felsen, wie Glas auf Stein die gewaltigen Siege*- nnd Zakunftsträame nnd Pläne eines Barkochb*. Wie ein glathlenohtender Meteor stieg der ״ Sternensohn “ am Himmel empor, alles in lodernde Kampfesglut versetzend, alles mit seinen feurigen Strahlen versengend. Das ganze römisohe Reioh drohte zertrümmert vor ihm in dea Staub zn sinken. Ans eines Hirten niederem Sohne, aas einem kleinen Sternchen war ein riesenhaft dräuender Fels geworden, an dem ttom’8 stolzes Meersohiff za zersohellen drohte. Aber der Meteor versohwand wieder, aach Berkachba ging za Grande. Und * wiederum sehen wir die jüdische Nation gesohäftig thätig, ihr ureigenes Selbst sich von neaem su erkämpfen, ihre Freiheit wiederum za erringen. Zwar ist es kein Barkochba mehr, der als gespenstischer Komet dem römischem Biesen die blutige Zuohtrathe des Krieges wies, aber noch bis in die spätesten Tage Bom’s versacht das wandernde Jaden volk noch immer and immer wieder, sein eigener Messias za sein, sioh selbst za retten. Eis wird sogar erzählt, dass ein Mann in Kreta, — seit: eigentlicher Name ist anbekannt —, der sioh Mose nannte, den überaas zahlreichen Gemeinden in Kreta versprach, er werde sie mitten daroh das Meer nach Jerusalem führen. An einem festgesetzten Tage sammelten sioh viele Taasende von Jaden an der Kretischen Käste. Und als der Pseado- Moses ihnen sagte, sie sollten sioh nur flottweg in die Wogen werfen, da stürzten sie sioh ia die wilde Brandung hinab; 80 sehr glaubten sie jedem, der ihnen nar die Wiederherstellung ihres Staates verhiess. Nur wenige von ihnen worden daroh Schiffer- und Fisoherkähne aas dem gähnenden Welle aschlande errettet. Aber daram hörte der Kampf des Volkes am Zion keineswegs aal Noch der Kaiser Heraklias musste musste mit ansehen, wie sich eine Zeitlang die verbündeten Hebräer and Samaritaner in Palästina unabhängig za erhalten wussten. Aber sehen wir einmal von diesem Titanenkampfe um Jerusalem ab. Das jüdische Volk ist inzwischen zam rahelosen Wanderer geworden. Von den Westgothen and Franken im Abendlande, von den griechischen Kaisern and Patriarchen im Osten verfolgt und getrieben durchwandern sie Europa von Morgen naoh Abend von Abend naoh Morgen, ohne Bähe und Bast. Eine verhältnissmässige Bähe finden sie in Spanien seit dem Einbruch der semitischen Araber and seit der Entthronung der Merowiagerköaige daroh die Kärlinger im fränkischen Beioha Sogar der ewige Jade darf sioh ja alljährlioh einmal aasrahen. Die Bäheseit war nicht von za langer Dauer: Frankreich vertrieb sie, Deutschland verfolgte, Spanien trieb sie aas. Den Höhepunkt erreioht ihr Unglüok mit dem 15. nnd 16. Jahrhundert. Za der Zeit der Beformation ist .das jüdische Volk zam wahren Wandeijaden geworden. Lnther sahildert das Leben der Jaden in seiner Zeit in folgender Weise: ״Juden sind die cdlerelendesten Leute 03>f Erden, ■werden schier an allen Enden vertrieben; und werden doch nicht frömmer, bleiben für Und für, ■wie sie sind; an wenig Orten und Seädten leidet-man sie, sie müssen in einander stecken. Ich wollte ihr fünfzig in diese Stube nehmen, dass sie sich drinnen behütfen. Zu Frankfurt am Main sind ihr sehr viel, haben eine Gassen inne, da stecken alle Häuser voll, müssen gelbe Ringlein an Mänteln und Kleidern vorne tragen, dabei man sie kennet, haben weder Häuser noch * Aecker, die ihr eigen sfnd, allein bewegliche oder fahrende Güter, keiner darf auf Häuser oder Aecker leihen, allein auf Fahrniss.“ — ״Juden sind die ärmsten Leute unter allen Völkern.

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