Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 21 (1892)
- Issue
- N° 17. (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492408-6575068-8757968--2489-4857439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 — Zwar Dicht darum verschieden, das) wir berechtigt sein sollten, nicht textgemäss auszu leeren. Eine Berechtigung fär eine Dentung, von de: ׳ wir wissen, sie liege auch nioht angedeutet im Schri lwort, weiss ioh nicht abzuleiten.“ Nach dieser Regel hat Joel die Auslegung des Schriftwortes gehandt abt. Seine Dentungen des Textes gehen ja häufig üb?r den eintäohen Sinn desselben hinaus, sie sind oft geistreich, über• rascbend, aber sie müssen in dem Sohriftworte angedeutet sein. Ton dem willkürlichen Spiel, das mit dem Schriftworte zuweilen aach in mserer Zeit auf den Kanzeln getrieben wird, bat sohor sein geläuterter Oesohmack ihn fern gehalten. Hätte er aioh einmal zu weit von dem textmässigen Sinne entfernt, dann machte er in der Predigt darauf aufmerksam, was auch bei agadischen Aussprüohen vorkam, die nicht dem eigentlichen Sinne der Schriftstelle entsprechen1). So hat Joöl dieWahrhaftigkeit auf der Kanzel gewahrt. Hingegen machte sich Joel kein Gewissen daraus, thematische Predigten ohne Text zu halten. Der in einer neueren, sonst sehr lehrreichen, Homiletik aufgestellte Grundsatz: keine Predigt ohne Text1), muss dazu führen, wichtige Themata, für die sich kein passender Text findet, entweder unbespioohen zu lassen, oder dieselben gewaltsam in einen Text hin einzupressen. Beides wäre von Debet. Sobald der Redner von dem Thema des Tages (מעניגא דיומא) in ang!messenerWeise spricht, kann ihn sicherlich kein Vorwarf treffen. Zar Auslegung des Gotteswortes ist bei eiu sr thematischen Predigt durch Heranziehung einsohl igiger Schrift!■ stellen gerade so Gelegenheit geboten] wie der Text• predigt, wenngleioh zugestanden werden muss, dass letztere schon aus technischen Gründen vorzuzieheu 1 sei. Die Textpredigt bildet auch bei Joel die Regel, aber man wird von seinen textlosen Predigten nicht sagen können, sie seien für die Kanzel weniger ge• eignet, wie die mit einem Text versehenen’). (Schluss folgt.) Biblische Legenden. IV. Pharaoh’s Traum. Pharaoh träumte einmal, dass ein S< haf ein Lamm geboren hatte und bemerkte zur selbigen Zeit eine Wage, welche zwischen Himmel und f rde hing. Jemand befahl, das Lamm in die eine Wagschale und in die andere alles Gold und Silber Egyptens zu legen; die erstere behielt trotzdem das Uebergewioht. Es wurden nun andere schwere Gegenstände, als Sohwerter, mehr Gold und Silber zu dsn Dingen auf der leiohten Seite gelegt, aber das Lamm behielt das Uebergewioht. Als Pharaoh erwachte liess er seine Wahrsager und Zauberer Zusammenkommen, um von diesen die Deutung des Traumes zu erfahren. Diese gaben nun folgende Deutung: ״Das Mattersohaf be- ‘) So S. 111, löö, 210. *) Maybaum, Jüdische Homiletik 8. 114ft *j Vgl. in diesem Bande Pred. XV, XVI, XXXIV u. A. Unzatreöend erscheint aach die Ausstellung, die Maybauna (a. a. O. 8. 63, Anm. 2) an den JogL’schen Ans >raohen am Vorabend des Neujahrsfestes macht, weil dieselben sich nicht ausschliesslich mit dem Bhokbliok aut das vergingene Jahr beschattigen, sondern auch den Gedanken an das kommendeJahr streifen. Wenn man jene Beden liest (Festp ■edigten. Pred. XI n XIV), wird man finden, dass Joöl nur cL e Gonsequenzen seiner Betrachtung und des ihr zu Grunde l egenden Textes zieht Hatte er nun dem natürlichen Gedankt ngange Binbalt febieten und die sehr passende Anwendung des *gewählten extes auf das neue Jahr unterlassen sollen, weil dieses Thema offlciell erst am folgenden Morgen auf der Tagesordnung steht? Das hiesse denn doch, dem Geiste allzu enge Fesseln anlegen, die am allerwenigsten Joels Geiste zugemutnet *fanden konnten. deutet eine Nation, welche gegenwärtig in Egypten in Sklaverei lebt, und das neugeborne Lamm eiu Kind, welches geboren werden wird, am das Reich Egypten za zerstören and die Völker za erobern; beute Naoht nooh wird es geboren werden.“ ״An weloher Todesart wird es sterben?“ forschte der erschreckte König. ״Im Wasser,“ lautete die Antwort. Die Astrologen sahen eine dunkle Erscheinung aas der Zukunft. Es wnrde ihnen gezeigt, dass Moses sich nioht bei den Haderwassern versündigen werde, während er sein erlöstes Volk daroh die Wüste führte, woraus'sie schlossen, dass er dnroh Wasser sterben würde. Veranla88t durch diese einseitige ihm überlieferte Wahrheit and aat den Rath seiner Weisen, drang Pharaoh in die Familiengeheimnisse, um 80 die neugeborenen Knäbleiu za überwaohen and ertränken za lassen and hierdurch das drohende Verhängniss absawenden. V. Hiram, Ktiig Ton Tyr08. Hiram, der Beherrsoher Phönizieus, strebte Gott n&ohzuahmen, ■indem er 4 hohe Säulen erriohten liess, auf w610hen er 7 Himmel (Gemäoher) bauen liess. Der erste war aas Glas, 500x500 Ellen; an diesem befanden sioh die nachgeahmten Bilder von Sonne Mond and Sternen. Der zweite aas Eisen, 1000x1000 Ellen, war das Behältniss für Edelsteine, welche ein farohtbares, dem Douner ähnliches Geräaoh verarsachten, wenn sie sioh aneinander oder an den sie umgebenden Wänden zerschlagen. Der dritte war aas Blei, 1500x1500 Ellen, der vierte aus Zinn, 2000x2000 Ellen, der fünfte aas Kapfer, 2500x2500 Ellen, der sechste aus Silber, 8000x3000 Ellen. Der siebente, ans Gold, 3500x3500 Ellen, war ▼oller Edeleteine and Perlen and enthielt einen prachtvollen Thron. Ein Wasserkanal trennte diese Räume von einander. Hiram, den Glanz des königlichen Hofes Salomo’s naöhahmend, entfaltete die höobstinögliohe Pracht in seiner Umgebung, ln dem siebenten (3«- maohe stand ein goldenes Bett, dessen Eoken mit Perlen besetzt waren, die ihres Gleiohen in der ganzen Welt nioht hatten und herrliohe, demBlitxe ähnliohe Lichtstrahlen am sioh verbreiteten, welche die ganze Umgebang mit Be Wanderung und Schrecken erfüllten, Der Prophet Ezeohiel erhielt den Befehl,* ▼or Hiram za erscheinen. Da er nioht wusste, wie er die 7 Himmel ersteigen sollte, in welohen der Monaroh seinen Aufenthalt hatte, wurde er an den Looken seines Haupthaares ia dessen Gemach gehoben. Als Hiram den göttlichen Boten erbliokte, überfiel ihn ein Zittern. ״Wer bist da?“ donnerte ihn der Verküadiger der kommenden Ereignisse an. ״Wessen l~ rühmst da dioh? Bist da nioht von einem Weibe geboren?“ ״Das bin ioh,“ entgegnete Hiram; aber iah lebe ewig. Wie Gott über den Wassern thront, so aach ioh; wie Gott Sterne am Himmel hat, so auoh ioh; manohe Herrscher hat schon der Tod weggeraftt, aber ioh lebe nooh; 21 Könige an» dem Hause Israels und Davids, 20 Propheten and 10 Hohepriester haben aohon diese Welt verlassen; aber ioh überlebe sie alle.“ ״Wessen rühmst da dich?“ fragte Ezeohiel nooh einmal. ״Vielieioht, dass du die Zedern za Salomo’s Tempel liefertest? Dies erinnert mich an einen Unterthanen, weloher für seinen Herraoher ein prachtvolles Gewand verfertigte and so oft er das herrliche Konst* werk anstaunte, prahlerisoh aasrief: ״Das ist mein« Arbeit!“ Der König, die Eitelkeit des Dieners bemerkend, zerriss das Gewand in heftigem Zorn. So wird aach dein Loos sein; der Tempel, den da bauen halfst, wird serstört werden, and was wird dum aus deinem Hoohmath werden?“