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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1892-04-22 · N° 17. (22.4.1892) · p. Seite 64

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
21 (1892)
Issue
N° 17. (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
Seite 64 (sequence 2)
Language
German
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schwiegen hätten and doch reden mussten Die Gründe •einer frühem Abneigung gegen die Praxis legte er in jener Rede freimüthig dar: ״Angeborene Schüchternheit öffentlich zu reden, die ich nur langsam überwand — das Her* *klopfen hat ja zum Glück nur Gott gehört und nicht meine Zuhörer — dazu die Furcht, in einer Zeit der religiösen Gährung nicht das Oel, die Salbung zu besitzen, um die Wogen zu glätten, nicht die Doppelfähigkeit zu haben, zugleich auszureissen und zu pflanzen, wie iD des Nehemias Zeit die Baukelle und das Kampfesschwert zu handhaben, Hessen mich vor dem prakt ischen Amte zurückschrecken.“ ״ Man sieht, wie wenig Joel in seiner Bescheidenheit die in ihm ruhende Begabung kannte, wie er dem grade auszuweiohen suchte, wozu die natürliche Anläge ihn, wie selten Jemand, pridestinirte. Bei dieser Betrachtung des Lebensganges Joels wird man lebnaft an Goethe’s Wort erinnert: ״Der Mensch mag sich wenden, wohin er will, er niag unternehmen, was es auch sei, stets wird er aut jenen Weg zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet “') Und so hat denn das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau, in welchem Joöl dem gefürchteten Predigerberufe entronnen zu sein glaubte, ihn auf dem kürzesten Wege zu demselben geführt und tüchtig gemacht. __ Dem verewigten Direotor Zacharias Frankel gebührt das Verdienst, Joöls Begabung für die Kanzel gerettet zu haben. Wie er ihn zur litterarischeu Thätigkeit gespornt1),' so hat er ihn auch znm Predigen — genöthigt. Frankel, dessen Lebensgang die entgegengesetzte Richtung wie die Joels genommen, der aus einem praktischen Theologen ein rein theoretischer geworden, hat das Predigen stets als eine unwillkommene Unterbrechung seiner Forschungen angesehen. Anfangs musste er selbst am Seminar, besonders an Feiertagen, das Amt des Predigers übernehmen, aber es bedurfte für ihn nur eines äusseren Anlasses, um auch diesen letzten Rest theologischer Praxis auf andere Schultern zu legen. Es war einst während Frankels Predigt, da erhob sich ein gewaltiges Unwetter, Donnergetöse übertönte seine Stimme, so dass er unverrichteter Sache die Kanzel verlassen musste. Unmuthig hierüber ersuchte er Joel, ihn bei der nächsten Predigt zu vertreten, und wer jemals im Banne der schier fascinirenden Persönlichkeit Frankels gestanden, weiss es, wie schwer, fast unmöglich es war, sich seiner Zumuthang zu entziehen. So musste denn Joel nolens volens predigen. Der Erfolg war, dass ihm Frankel nicht nur das Predigeramt in der Seminar-Synagoge, sondern auch die Vorlesungen über Homiletik und die Leitung der homiletischen Uebungen übertrug. Die Predigten, die Joel am Seminar gehalten, sind klassische Muster jüdischer Kanzelbered tsamkeit geworden, an denen, wie an seinen späteren Predigten der grössere Theil der gegenwärtigen jüdischen Prediger in Deutschland sich herangebildet hat.1) Wenn wir aber nach einem homiletischen Lehrer uns umsehen; der auf Joel selbst eingewirkt, so wird Michael Sachs zu nennen sein, dessen Predigten er während seiner Studienzeit in Berlin nie versäumte und denen er stets mit wahrer Begeisterung gelauscht hat. Es ist wohl unzweifelhaft, dass Joöl von Saohs auch auf homiletischem Gebiete manche fruchtbare ׳, Aas meinem Leben, erste• Bach. *) Bedenkblätter S. 65, *) Dieeer Thateache hat Vogelstein in seiner Rede an dar Bahre de• Verewigten trefflichen Ausdruck verliehen. Gedenk- Matter S ן Einwirkung erfahren, dass .1er besonders in der technisohen Behandlung der Predigt Manches von ihm gelernt hat. Aber die Predigtweise dieser beiden grossen Redner ist grundverschieden. Die äaohs’sohe Beredtsamkeit gleicht einem dahin brausenden Strome, der in’s Weite und Breite sich ergiesst, die Joöl’sobe einem sprudelnden Quell, der aus der Tiefe sich emporringt, Sachs sprach wie ein Diohter und begeisterter Prophet•, Joel wie ein Deuker und wägender Philosoph. Joöl ist als Prediger seine eigenen Wege gegangen, die ihm sein Temperament, seine wunderbare Begabung, seine seltene Geistesbildung angewiesen. Im Besitze einer umfassenden Gelehrsamkeit auf dem Gebiete der Philologie, Theologie und Philosophie, hat jede dieser Disoipliaen ihr Theil zu seiner sohöpferisohen Gestaltangskraft als Prediger beigetragen. Die klassische Philologie verlieh ihm die viel bewunderte Kürze und Knappheit der Form, die Gedrungenheit nnd Kernhaftigkeit der Diotion, die für jeden Begriff den bezeichnenden, vollwichtigen und deckenden Ausdruck findet, die Theologie, deren entlegenste Gebiete er für die Predigt nutzbar zu machen wusste, bot ihm den anerschöpfiiohen Stoff dar und die Philosophie Hess ihn denselben mit verwandten Gedanken durchdringen und vertiefen; vermöge seines lebhaften Temperamentes aher vermochte er das Gegebene mit einer ׳ Lebendigkeit and Frische, mit einer Kraft und Energie zu erfassen und darzustellen, dass selbst das bekannte als etwas Neues und Ursprüngliches erscheint nnd einen eigenen Reiz aut den Hörer wie auf den Leser übt״ Wenn man sonst von Predigten za sagen pflegt, sie dürfen nur gehört, aber nicht gele3en werden, so trifft dies bei Joöls Predigten nicht za. Auch wenn mau sie liest, glaubt man den Redner zu hören, 80 viel Leben und Kraft ist in ihnen. War dooh sein Hauptaugenmerk bei der Predigt darauf gerichtet, nicht durch äussere Mittel vorübergehende Erfolge zu erringen‘), zu entzücken oder Thränen der Rührung za entlocken, sondern: za überzeugen, den Willen zu unterwerfen, auf die EntschHessuag einzuwirkeu, im eigentlichen Sinne des Wortes za er bauen1). Die Erbauung schliesst jedooh die Belehrung keineswegs aus. In der That würde die jüdisohe Predigt ihren Ursprung, ihre ganze Geschichte verleugnen, wollte sie auf die Belehrung verzichten. Nur was nicht religiös ist, 8011 nach Joöl von der, Predigt aasgeschlossen sein. In seinen Vorlesungen über Homiletik, von denen sich in seinem Naohlasse nur etliche fragmentarische Blätter gefunden, sagt er an einer Stelle, die von der Erbauung handelt: *Nun meint man, wenn die Predigt erbauen soll, so darf sie nicht belehren. Aber sie ist kein Unterrioht darum, weil sie an Kopf und Herz sioh wendet, um den Willen zu bestimmen. Tüchtige gesunde Menschen lassen sioh nicht blos durchs Herz bestimmen, ihr Kopf spricht mit. Darum hören Frauen lieber Gefühlspredigten, Männer wollen überzeugt sein.“ Sehr beherzigenswerth für jeden Prediger ist auoh was Joöl in den erwähnten Blättern über die Behändlang des Textes sagt: ״Was die Explioation betrifft, so sagten wir, sie sei mit der Exegese nicht identisoh. ‘) Berthold Auerbach .war ea, der za Joöl nach seiner Rede an der Bahre Meyerbeers äasserte: ״loh fürchtete schon, Sie würden die ganze Bleohmasik der Sprache in Bewegung setzen.“ (Vgl. Vorrede za den Festpredigten von Dr. M. Jod S. XIIL) *) Ueber die Geschichte dieses Wortes and seine Bedeutung für die Predigt s. meinen Artikel «Andacht and Erbauung“ im _Jüd. Litteraturblatt“ Jahrg. 21, N. 10 und 11.

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