Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 21 (1892)
- Issue
- N° 15-16. (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— CO Gott a ei bat hatte ihn ernannt. Kann irgend etwas genauer die Stellung beseiohnea, welohe Malkisedek nach der Genesis einnahm? Kr war nioht nar König von Salem, sondern anch ״Priester - des höchsten Gottes.“ Die Briefe des Ebed-Tob Sale m bedeutet and weshalb M< Salem* und nioht ״König von an uns nun, was iek, ״König von reru8alem* genannt .wurde. Er war nicht König der Stadt des Gottes Salem, weil er nicht König in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes war, sondern nur insofern, als er Priester des Friedensgottes war. Er war Friedensfürst, nioht König einer Kanaanitischen Stadt. Welch hohe Bedeutung liegt doch in dem Titel Sar Salem (שלום “nP)r״FriedemrfÜrst!“ Wir wissen ferner aus den Brieten Ebed-Tob’s, dass dieser Titel kein neuer, sondern in den frühesten Zeiten sohon ein in Jerusalem eingebürgerter war; es war ein Titel so alt wie Abraham, welcher diesen veranlasst«, dem Träger desselben wegen der mit ihm verbundenen .)Würde den Zehnten au weihen. Der Priesterkönjg von Jerusalem hatte sich wahrscheinlich dem Egypter ohne Kampf unterworfen, wofür ihm gestattet wurde, in seiner bürgerlichen und I religiösen Machtstellung au verbleiben. Er musste j jedoch einen bestimmten Tribut zur Unterhaltung j einer egyptisohen Garnison in Jerusalem und au den ן Kosten des zeitweiligen Aufenthalts eines oommissa-; rischen Residenten, welcher den egyptisohen König | vertrat, bezahlen. Zwei dieser Commissare sind in! den Briefen Ebed-Tob’s namentlich angeführt. Man kann nioht sagen, dass die Linie der Priester-; könige oder Hohenpriester mit dem wechselnden i Schicksale Jerusalems ausstarb. Aus dem Beriohte I von der Eroberung der Stadt durch David lässt sich j entnehmen, dass, obschon er das jebusitische Fort j auf Zion, später ״Stadt Davids* genannt, einnahm, er doch die Oberetadt selbst nioht in seine Gewalt brachte, und dass der jebusitische Fürst Arawnah daselbst bis zu seinem Tode in Amt und Würde verblieb. Den alten Namen ״Salem* führte die Stadt wemgstenst bis zur Zeit Mose’s, da eine der eroberten bei Bamirs H erwähnten kanaamtisohen Städte Schalem oder Salem hiess. Die historische Kritik ist nach eine junge Wissensohaft und die Angaben, welohe so oft und laut zu ihren Gunsten gemaoht werden, bedürfen vor ihrer Annahme der sorgfältigsten Prüfung. Sie hat sich auf die Denkmäler aus der Vergangenheit berufen, welche sie für immer verloren glaubte und siehe da! diese Denkmäler . sind so zu sagen aus dem Grabe erstanden und haben die Ansprüche der Kritik zurückgewiesen oder doch gemässigt. Die BlutlUge im Talmud! oder die neueste ,antisemitische Fälschung. Am Abend des 16. März wurde in Leipzig als 3eilage zu der ״Neuen deutschen Zeitung* ein Flugilatt verbreitet, welches die schändliche und veraamderisehe Lüge, als erlaube die jüdische Religion tuen Bekennern den Mord von Christen und den lebrauoh ihres Blutes, aus einer Talmudstelle erweien will. Die mügetheilte Stelle (Ketuboth 102b) ist in der Uebereetzung fehlerhalt undjböswillig entstellt wiedergegeben, die vorausgesohiokte Auslegung aber und die aus der Stelle gezogenen Consequenzen, als handle es sich um Schlachten eines Mensohen als Opferlamm, sind wahnwitzige Lügen, durch welohe der Hass gegen die Jaden geweckt werden 8011. Die Stelle lautet wörtlioh übersetzt: ״Wenn einer stirbt') und hinterlässt einen kleinen ״Sohn seiner Mutter und es sagen die Erben des ״Vaters, er soll bei uns aufwachsen, aber die Mutter ״sagt, er soll bei mir aufwaohseo, so soll mau ihn ״bei seiner Mutter lassen und nioht bei einem der ״ihn zu beerben berechtigt ist, denn es ist einmal ״vorgekommen, dass man ihn (,einen solchen) ermor- ״dete am Vorabend des Passah.*)* Die Uebereetzung von נמשה היה mit ״es triff der Fall za*, ״nach analogen Fällen gesohe es*, ist baarer Unsinn, nie und nirgend haben die Worte diesen Sinn. 1161881'םעשה היה stets nur ״ein Geschehnis trat ein, es geschah einmal* und bezeichnet den Beginn einer erzählenden Mittheilang. Das Wort שחט bedeutet von Menschen gebraucht niemals die j üd i8 o hri t ae 11 e Sohächtung, sondern bezeichnet einfach die grausame Tötung, das Hinschlacbten, das Kehlabsohueiden des Menschen; der Gedanke an die rituelle Sohächtung in dem Zusammenhang dieser Stelle ist hirnverbrannter Uasinn und sohändliohe Verleumdung. Die Quelle für diese Talmudstelle findet sich in der Erfurter Handsohrift der Tosephta, im Jahre 1882 unter wärmster Befürwortung von Seiten Professor Paal de Lagarde’s, von Dr. M. Zuokermandel herausgegeben, Seite 373 Zeile 22. Hier steht nooh ausdrüoklioh ״es geschah einmal כאחד einem, dass man ihn am Passahvorabend ermordete*. In der angeführten Talmudstelle ist lediglich von Mord aus Habsucht die Rede. Die in dem Flugblatt oitierten hebräischen Worte zeigen dieselbe fehlerhafte Panktation (z. B. 2 Mal נדל für 3ךל), wie die Gitätionen des berüchtigten Schwindlers Brimann, der unter dem Namen Dr. Justus den Jadenspiegel sohrieb und wie er dem erst- Unterzeichneten persönlich eingestaud, Prof. A. Rohling Beihilfe bei seinen antisemitischen Machwerken leistete. Das grösste Hindernis zu einem friedlichen und gedeihlichen religiösen Gedankenaustausch zwischen Christen und Juden ist die von blindem Rassenhass diktierte Verbreitung solcher lügenhaften Gerächte über die jüdische Religion, wodurch dem Wesen des Christentums Hohn gesprochen wird; denn was ist des Cbristentham anderes als die Botschaft von dem, in welchem sich die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes offenbarte, und welcher Weg, Wahrheit und Leben ist. Am 19. März 1892. Pastor W. Faber, Tschirma b. Greiz. Dr. Johannes Müller, Leipzig, Johannisg. 4. ’) Bichtiger; Wenn Einer (Jemand) gestorben ist. *) Jn älteren Talmundmantaikripten steht nicht: ערב הפסח, was (mit dem Artikel) anhebräisch ist, sondern ‘ער* ה, was entweder ]ערב הדאשן -am Abend des ersten Tages*, oder vielleicht ,״ 5רב ר״דam Vorabend des Neujahrsfestes“ zu lesen ist. - (Red.) (Fortsetzung in der Beilage.) Vecaatwortt.Bedaetear:Dr. Rehmer, Magdeburg. Druck: BendixAHahn(fr. D.L. Wollt) Magdeburg. Verla{: Bob Friese, Leipzig.