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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1892-04-08 · N° 15-16. (8.4.1892) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
21 (1892)
Issue
N° 15-16. (8.4.1892)
Date
1892-04-08
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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Volkes gesprochen wird, kein Auge gehabt. Und dooh ist es leider so. Er weiss blos davon, dass Gott dem Abraham Schatz and grosse Belohnung verheissen, worauf dieser auf das Bedeutungslose dieserVerheissang für seine Person, da er ja alt sei, hingewiesen*), aber dass Gott dem Patriarchen viel früher, u. z. gleich bei dessen Berufung die Zusage gemacht, alle Ge• schlechter der Erde werden sich mit ihm segnen, dass diese Zusage im 1. B. M. dreimal, dass die als Endziel hingestellte Behauptung, die Völker werden erksnnen, dass Adonai der Ewige ist, an vielen, vielen Stellen der Bibel sich findet, dass die Propheten Israel das Licht derWelt nennen, dass einst die wahre und klare Gotteserhenntniss die ganze Erde erfüllen müsse, davon verräth der bi bei kundige Spinoza auoh nioht ein Sterbenswörtohen. Freilich das Vorhandensein dieser Juden nach so vielen Jahrhunderten ansäglieber Leiden scheint doch darauf hinzuweisen, dass sie nooh eine Mission haben, aberfür Spinoza ist dies durchaus kein Wunder, denn es ist blos auf ihre Abgeschlossenheit, auf den Uass der Völker und ganz besonders auf das Abrahamisohe Bundeszeichen zurüokzufuhren**) Als Beleg dafür, dass der Völkerhass die Juden erhalten, führt er die Thatsache an, dass die spanischen Marrannen, weil sie die Privilegien der eingeborenen Spanier erhielten, mit diesen derart sich vermischten, dass kurze Zeit darauf kein Ueberrest und kein Andenken von ihnen mehr vorhanden war, während die portugiesischen Marrannen, weil sie vom Könige zu keinerlei Ehren zugelassen wurden, von Allen abgeschlossen lebten. Das Apodictische dieser Beweisführung hat geradezu etwas Verblüffendes, denn nicht nur, dass die spanischen Marrannen gerade durch ihre Treue gegen den Glauben der Väter die Einführung der Inquisition nöthig erscheinen Hessen, nicht nur dass die spanischen Marrannen am Anfang des 16. Jahrhundert vor dieser Inquisition iD hellen Haufen nach Portugal flüchteten, sondern dass selbst nach den Niederlanden noch Marrannen aus Spanien kamen, ist über allen Zweifel erhaben. Wollte ich nun all die Irrthümer beleuchten, in welchen der grosse Philosoph in Bezug auf das Volk, dem er seiner Geburt nach angeLört, Zeitlebens befangen blieb, ich müsste Stunden lang sprechen; ich will darum mich blos darauf beschränken, Ihnen zu zeigen, dass Spinoza wenigstens an verschiedenen Stellen seines theol. polit. Tractates nicht auf der Höhe steht, die er, der grosse Denker, einnehmen müsste. Und da will ich zuerst auf den mehr als zweifelhaften Math hin weisen, mit welchem Spinoza auf Grand seiner bibelkritischen Untersuchungen Esra als den Bedactor, um nicht za sagen als den Verfasser, der mosaischen Bücher hinstellt. Die Zahl Derer, welche heute noch in diesem Irrthum befangen sind, ist allerdings eine verschwindend kleine, ich muss aber zu meiner Schande eingestehen, dass ich selbst für j die schwierigste Stelle in der Ethi k des Spinoza noch eherVerständniss erlangen konnte, als für diese seine exegetisch-kritische Behauptung! im theol. pol. Traktat. Bekanntlich haben die Samaritaner mit wenigen Abj weichangen denselben Text def fünf Bücher Mose’s wie Juden und Christen, und {es ist mir wenigstens * unerfindlich wie die Samaritaner, welche seit der | Büokkehr der Juden aus Babylon in einem feindlichen ן Verhaltniss zu ihnen standen, und die durch Esra’s 1 Auftreten ganz vom Jadenthum sich losgesagt, einen Penlateaoh annehmen konnten, an welchem Esra den *) Adnotat. ad cap._HI, p. 33 p. 224. *•) lbid. cap. m, p."40. { Löwenantheil gehabt. Hätte Spinoza an die Samai ritanisohe Bibel gedaoht, wahrlioh es wäre ihm nioht in den Sinn gekommen, eine Behauptung aufzustellen, die 80 wenig gesohiohtlichen Sinn verräth, ja die gegen geschichtliche Thatsaohen so arg verstösst. Ein Zweites, das ich hervorzaheben für nothwendig erachte, ist die Thatsache, dass Sp. für das Alte und Neue Testament nicht einen und denselben Massstab ■ hat. loh will mich hierbei blos auf Einen Beweis beschränken, dieser kann jedoch für hundert Andere gelten. Um zu zeigen, dass die Punkt&toren nioht immer das Rechte getroffen haben und dass 8ioh im Neuen Testament bessere Lesarten als im Alten finden, führt Spinoza*) eine Stelle aus dem Hebräerbrief an, cap. 11, V. 21, wo das Citat ans dem 47. Cap. im 1. B. M. lautet: und Israel neigte sich gegen die Spitze seines Stockes. Das hebr. Wart, sagt Sp., ist mit dem Neuen Testament ״Matteh“ (Stock! und nicht mit dem Alten Testament ״Mittah“ (Bett) zu lesen, denn, fügt er hinza, in dieser Erzählung wird uns der Patriarch nicht wie in der folgenden, die den Segen der! Enkel zum Inhalte hat, als Kranker im Bett, sondern ' blos als schwacher Greis vorgeführt, der sich eines : Stockes bedient. loh will hier nioht betonen, dass die Lesart des Neuen Testamentes aus der Septuaginta . stammt, auch nicht Spinoza damit widerlegen, dass { die Christen, Katholiken wie Protestanten in ihren ' recipirten Bibelübersetzungen unsere masoretische Lesj art acceptirt haben, sondern blos darin gründlicher : sein, als Spinoza war, dass ich aus ׳lern Hebräerbrief nicht den halben, sondern den ganzenVers mir erlaube zn citiren. Dort heisst es: ״Daroh den Glauben segnete ' der sterbende Jakob die beiden Söhne Joseph’s und ׳ neigte sich gegen die Spitze seines Stockes.“ Der Ver- , fasser des Hebräerbriefes spricht von dem sterbenden Jakob und begeht trotzdem die Inconsequenz aus dem Alten Testament einen Vers zu citiren, der, wie Spinoza sagt, nicht auf den im Bette liegenden, sondern auf den noch einberschreiteudeu Patrtarohen , sich bezieht. Oder sollte der Patriarch nicht im Bette, sondern mit dem Stock in der Hand, stehend gestorben sein? Spinoza hat also, wie Jeder zugeben muss, die erste Hälfte des von ihm aus dem Hebräerbrief citirtenVerses gar nicht gelesen, ja nicht einmal flüchtig sich angesehen, und doch giebt er der neutestapaentliehen Lesart den Vorzug vor der des Alten Testameute8. Als Drittes und Letztes will ich die Willkür hervorheben mit welcher Spinoza dort, wo es ihm passt, den hebr. Text der Bibel übersetzt. Der AusdraokWiilkür ist ein sehr gelinder, wenn man das eine weiss, wie scharf Sp.• gegen die rabb. Deutung sioh ausspricht. Und doch hat er sich, wo es ihm behagte, ganz vorzüglich auf Deutungen im Sinne der Rabbinen verstanden. Der jüdisöhe Staat, er kommt bei Spinoza, wie jeder andere Staat, mittels Verträges za Stande und bei diesen Vertragsunterhandlangen legt Spinoza, den Israeliten folgende Worte in den Mund. ״Alles was Gott reden wird (ohne einen sichtbaren Vermittler) das werden wir thun“**). Im hebr. Text II b. M. 19, 8 steht ein Perfect, und dass man dieses Perfectum nicht in ein Faturam verwandeln kann, ohne derSohrift Zwang anzuthun, kann Jeder aus den vorautgehenden Worten ersehen. Diese Worte J *) lbid. cap. VII, p. 89. **) Quandoquidem Hebraei saam jds in o all am aliam transtolerant, sed omnes aeque nt in Democratia sao jare cesserant anoqae ore damaverant, qaicqaid Deos loqaetar (nnllo •xpreeso mediatore) iademas. Tract theol. pol. cap. XVII p 183.

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