Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 21 (1892)
- Issue
- N° 14. (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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piipiPpjippp^ppH^iM1 *1.1 וויו י 54 - dieses Juden thum in seiner weltgesahiohtliohen Er• seheinnng am klarsten sich abspiegelt; denn wie wir als Qeeammtheit seit Jahrtausenden ob unserer reliflösen Weltansohanung die ganse Welt gegen uns eben, so hat Spinoza mit seiner su der herrschenden im schroffsten Gegensatz stehenden Weltansohanung die ganse Welt gegen sich herausgefordert. Wie klein, wie swerghaft erscheint der grosse Cartesius neben diesem gebannten Öpinoza! Cartesius, der ehemalige Jesuiten-Zögling, er gelobt für das Gelingen seines die Welt umgeetalteuden Systems eine Wallfahrt sur Madonna von Loretto, und Spinoza, der ehemalige Talmadjänger, er bringt seinem System das schwerste Opfer, dessen ein jädisches Hers fähig ist, er erträgt dje gewaltsame Trennung von Eltern und Geschwistern; er sieht in die Einsamkeit, damit er, bereits von einem unheilbaren Longenleiden befallen, in seiner Seelenruhe von Niemandem gestört werde, damit er einen Gedankenbaa vollende, wie ihn kühner und genialer vielleicht kein Zweiter mehr ersonnen. Und hier in der Einsamkeit, in dem Land hause auf der Strasse nach Ouverkerke in fihynsburg, in Voorburg and im Haag hat er das höchste Gut, nach welohem er gestrebt, die Buhe des Gemüths erlangt und sich bewahrt. Die zweite and kleinere Hälra seines Lebens, sie ist eine wunderbar stille; ja wir glaaben ein grosses Wunder vor uns za haben; denn wenn wir die ani seine Entfernung ans Amsterdam folgenden Jahre des Näheren betrachten, 80 beaüakt es ans als ständen wir am Meeresstrande, als; sohaaton wir in die Tiefe der darchsiohtig klaren See hinab, deren Oberfläche trotz des auf dem Festlands tosenden Orkann in ihrer Spiegelglätte ruhig verharrt. Spinoza stand wie im Denken 80 auch im Leben auf eigeneh Füssen; er hatte nooh ih Amsterdam das Schleifen optischer Gläser erlernt aind verstand sich darauf so meisterhaft, dass er wohl von seiner Hände Arbeit leben konnte. Geld, Ehre, Sinnengenass, sie hatten für ihn nicht nur keinen Werth, sie galten ihm, dem mathematischen Philosophen nicht blos als keine positive, sondern als negative Grössen. Er hat seine Selbstständigkeit und seine Unabhängigkeit sich bewahrt and auch seine Bedärfhisslosigkeit von Nieman dem sich verkleinern lassen. Man hat berechnet, dass Spinoza mit 20 Pfg. den Tag aasgekommen*); diese Anspruchslosigkeit, welche die Bedürfnisse des Lebens anf ihre Minimalgrenze zurfickführte, wär der grosse Reichtham des kränkelnden Philosophen, and es hat für ans nichts Ue be machendes, dass er Geldsummen, die ihm seine Fremde zarVerfÜgung gestellt, zarüokgewiesen, dass er die ernste Absioht seines ehemaligen Schülers, des reichen kinderlosen Simon de Vries, ihn zum Universalerben seines grossen Vermögens zu machen, vereitelt and das ihm festgesetzte Jahresgehalt nur theilweise angenommen hat. Er wollte eben im wahrsten Sinne des Worte■ unabhängig sein, darum lehnte er auch die ihm im Februar 1673 von dem hochgebildeten Eni forsten Karl Ludwig äugetragene Professur in Heidelberg mit höflichem Danke _ ab.**) Leutselig im Verkehr mit seinen schlichten Hatuleuten, ebte er auch im Haag zarüokgeaogen vom Getriebe] der Welt; er unterhielt wohl einen Brief- Wechsel mit verschiedenen hochgestellten Personen, empfing auch von Zeit aa Zeit den Besuch seiner tfnaqae; aber am wohlsten und behagliohsten fühlte Cf sich in der Einsamkeit, wenn man bei einem Manne der mit seinem Denken stets in den höchsten Be- *) Nach Kaao Fiseber B. Spinoza?» Leben u. a. w., p. 42. ׳ *»; Epi*M.*UII‘ LIV. gionen weilte and nur im Zusammenhänge mit dem Weltgansen lebte, überhaupt das Wort Einsamkeit nooh gebrauchen darf. Er bat mauohmal Tagelang sein Zimmer nicht verlassen; er konnte die Mensohen missen; er braaohte Niemanden, um ihm sein Leid zu klagen; trotz der vielen Schmerzen, die sein Leiden im Gefolge hatte, kam nie ein Wort des Unmuths über seine Lippen. In Massestunden, und die stellten sich bei ihm erst dann ein, wenn er Tage hindurch ununterbrochen an seinem Gedankenban gearbeitet, in Massestanden pflegte er zu zeiobuea, und dass er zuweilen auoh in heiterer Laune sich befand-, bezeugt die Tbatsaohe, dass er sich selbst als Masaniello portraitirt hat. Dem Tode, vor dem er nie Faroht gehabt, sah er mit einer staanenerregenden Rahe entgegen, und dieser ereilte ihn in Anwesenheit seiues Arztes, Dr. Ludwig Meyer, Sonntag den 23. Febraar 1677. Dieses in den Umrissen gezeiohnete Lebensbild hebt sich von dem Bahnten der Philosophie Spinoza’s in der plastisohstea Weise ab. Die in seinem Haaptwerk, in der Ethik, vorgetragenea Wahrheiten hat Sp. duroh sein Leben in solch’ bewunderungswürdiger Weise verkörpert, dass er jenen wenigen olassisoheu Philosophen des Alterthums ange׳eiht werden muss,׳ welche mit ihren Thaten als Weite sioh bewährt haben. Spinosa hat, wie selten ein Sterblicher, die Herrsohaft über die Leidenschaften sich erworben and bewahrt, aber so 80h wer es uns auch fällt, auf diese Lichtgestalt einen dunklen Schatten fallen zu lassen, sind wir es doch nicht blos ans, sondern vor Allem der Wahrheit sohaldig, dis Tbatsaohe za oonstatiren, dass Spinoza von einem Afieot sich nioht zu befreien vermocht hat: von einem tiefen Groll gegen Jaden und Jadenthum. Diese Thatsache findet in seinem für die Bibelforsohang epoohemaobenden Werke, dem theologisch-politischen Traotat fast auf jeder Seite einen unwiderlegbaren Beweis. Dieses Bach, hat vorgeblich den einen Zweok, za beweisen, dass die Denkfreiheit dem Glaaben keinen Abbraoh thue, in Wirklichkeit jedooh ist dieses Buoh eine Antwort auf den über ihn verhängten Bann, also eine regelreohte Tendenz- und Streitschrift, die in dem Satze gipfelt, dass die Philosophie Wahrheit, der Glaube Hingegen blos Gehorsam gegen Gott bezwecke.*) Ich will diesen Unterschied einen Augenblick gelten lassen, kann aber nioht umhin die Frage zu stellen, ob denn nioht auch der Gehorsam gegen Gott bereite eine Wahrheit voraassetzt, nämlich die, dass es nicht nur einen Gott, sondern blos einen Gott giebt. Oder kann man bei vielen, mit einander im Widerstreite lebenden Göttern von einem Gehorsam des Mensohen gegen sie reden? Dass der Gehorsam gegen Gott eine Fracht ist, welohe an dem Baain der Erkenntniss zur Reife gelangt, eine Fracht der Wahrheit von dem Einem Gott, will sioh Spinoza ebensowenig zum Bewusstsein bringen, wie die offenkundige Thatsaohe, dass die Menschheit diese Wahrheit vou dem Einen Gott dem Jadenihum verdankt, oder mit anderen Worten, dass der Monotheismus nicht allgemein 8 e mi tische!),sondern speciflsch jüdischen Ursprungs ist. Wie ist dieses kleine and winzige Völkchen aa der Lehre von dem einzig-einigen Gott gelangt? Diese Frage, der kein Denker, ja kein Denkender aas dem Wege geben kann and darf) hätte Sp. sich, vorlegea und der Welt beantworten müssen. Ohne Antwort anf diese Frage können wir Niemandem das Bsoht einräumen, an eine Kritik der Bibel aa gehen. (Sohlass f.) *) Piasfatio (editia Qin»berg) p. X and a*p. 14. •:Luiat.;