Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 21 (1892)
- Issue
- N° 13. (25.3.1892)
- Date
- 1892-03-25
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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der« gegenüber, als es vor 200, Als es nooh vor 100 Jahren der Fall gewesen, and wir moderne Rabbiner haben heate für diesen Spinoza nioht etwa blos deshalb keine Baanstrahlen mehr, weil wir den Bann als eine der Denkand Gewissensfreiheit hohnsprechende Kirchenstrafe auf ewig verbannt haben, sondern weil ans ganz, ganz andere Waffen za Gebote stehen, diesen Spinoza za bekämpfen, Waffen, die wir ans znm Theil aus seiner eigenen Esse geholt, aaf seinem Ambos mit seinem Hammer gesohmiedet haben. Und gerade weil die zwei Jahrhunderte nioht sparlos an uns vorfibergegangen sind, legen wir an die Zeit, in welcher Spinoza gelebt, nicht den heate unter ans herrschenden, sondern den Geist des 17. Jahrhunderts als Maassstab an. Gewiss, wir beklagen es aaf 8 tiefste, dass das Rabbinat in Amsterdam über B. Spinoza den grossen Bann verhängt hat, aber wir stehen auch nioht einen Augenblick an, es r&okhältlosaaszaspreohen, dass diese Maassregel eine anerlässlioh nothwendige, dass sie iür die Jaden Hollands eine unabweisbare Pflicht der Selbsterhaltnng gewesen. Es giebt eben i Dinge, die man einerseits tief beklage ם , andererseits j jedoch als tiefbegrändst bezeichnen muss, and za diesen Dingen gehört aach die unter den üblichen Formalitäten in Soene gesetzte Aassohliessang Sp.’s aas der jüd. Gemeinschaft. Die Gemeinde in Amsterdam, welche aasschliesslieh aas Marrannen entstanden war sie konnte and darfte es nicht rahig mitansehen, dass ein kaam flügge gewordener Jüngling, trotz seiner unbestrittenen hohen Begabung, das Jadentham, um dessentwillen Taasende and Taasende der spanischen and portugiesischen Inquisition Trotz geboten and Hohn gesprochen, iür eine historische Lüge erkläre. Man hat es für nöthig gehalten, das strenge Verfahren gegen Spinoza za eutschuldigen mit dem Hinweis aaf die gerade damals eingeleitete Unterhandlung behufs Einwanderung der Jaden ins Inselreich, ja man hat ee mit Nachdruck hervorgehoben, dass Spinoza absichtlich gerade während der Anwesenheit Manasse ben Israels in London mit dem Bann belegt wurde, damit dem etwaigen Einwarf Englands, die Jaden hätten Sectirer in ihrer Mitte, die Spitze abgebrochen werde. Aber das sind blosse Vermuthungen and obendrein sehr weit hergeholte. Wahrlich die Amsterdamer Gemeinde hatte im Hinblick aaf die vielen Marrannen, Jie noch immer im Zazag begriffen waren and unter denen nicht Wenige gleich Uriei da Costa das Jadenthata nach ihrer Weise sieh znrechtlegen wollten, allen Gründ fest aufzatreten am in ihrer Mitte keinen, den Bestand des verhältnissmässig noch sehr jangen Gemeinwesens gefährdenden Geist der Verneinung aafkommen za lassen. Im Jadentham war der Bann za allen Zeiten weniger ein Act des Fanatismus and der Intoleranz, sondern vielmehr eine auf die Erhahnng der Einheit abzielende MaasregeL Am allerwenigsten darf man die Rabbiner, welche Spinoza mit schwerem Herzen in den Bann gethan, des Fanatismus bezichtigen. Die jange Amsterdamer Gemeinde stand in Allem and ganz besonders mit ihrer 7klaazigaa Sohuie zaf der Höhe der dzmzügen Zeit. Wir kennen ganz genaa den Lehrplan dieser Schale and müssen sie eine Master-Anstalt nennen, in welcher die Schüler in systematischer Weise im Hebräischen unterrichtet and daroh Spraohkande, Rhetorik and neuhe brauche Poesie vor Einseitigkeit geschützt wurden. Düse Schale besuchte zaoh der am 24. November 1682 in Amsterdam geborene Beroch Spinoza. Dass er ein äasserst geweckter Knabe gewesen, der schon in seinem 10. Jahre nioht mit Worten sich ködern liest, beweist eine Anekdote, welche einer seiner vielen Biographen, Boalainvilliers, erzählt. SeinVater sohiokte ihn einst za einer alten Frau mit dem Auftrag, eine Samme Geldes von ihr za holen. Als der kleine Baraoh ins Zimmer trat, verrichtete die Fraa ihre Andacht, and naohdem eie dieselbe beendet hatte, zahlte eie ihm die Samme mit folgenden Worten: ,Hier ist das Geld, welobee ioh Deinem Vater schuldig bin, mögest Da eines Tages ein ebenso rechtlieber Mann werden, wie er; er hat sich niemala von der Thora Mose’s entfernt, and der Himmel wird Dich segnen, jemehr Du ihm nachahmst.“ Mit diesen Worten wollte sie das von ihr abgezählte Geld dem Knaben mit aller Gewalt in die Tasche steoken, er aber wehrte sich mit Macht dagegen, zählte vielmehr das Geld nach, and siehe dz, e8 fehlten zwei Dacaten, welche die redselige bigotte Fraa in eine geheime Schublade batte verschwinden lassen. Hier haben wir also den bereits Alles mathematisch abzählenden und abwägenden Spinoza, welcher schon als lOjähriger Jange einer alten Fraa sein ״quod erat demonstrandum“ zagenden. Er war kein Wanderkind, aber gerade deshalb ein an am so schöneren Hoffnungen berechtigender Knabe, und es darf ans keineswegs überraschen, dass er ein Ideblingsjünger des berühmten R. Saal Morteiro geworden. Dass er ausserhalb der Talmadsohnle zuerst, wie Collenu berichtet, bei einem Deutschen und dann bei dem Arzte vzn den Ende Latein gelernt, hatte für Niemanden etwas Auffälliges. Im Gegenthei), es war selbstverständlich, dass Jeder der auf gründliche Bildung Ansprach machen wollte, die Kenntnise oder doch das Verständniss der lateinischen Spraohe sioh aneignen musste. Wissen wir doch von einem Mitsohüler Spinoza’«, der in allen Stücken dessen Gegenfüssler war, von Mose Zacut, der einen ganz vorzflglieben Misohna-Commentar geschrieben, dass anoh er im Knabenalter schon Latein gelernt. Freilioh 8011 dieser Mann, der später ein fanatieirender Anhänger des Psendo-Messias Sabbathai Zebi’s geworden, 40Tage gefastet haben, am die heidnische Spraohe der Römer, welche für die Versenkung in die Geheimnisse der Ksbbalah ein nnüberwindliohesHinderniss bilde, wieder gans za vergessen; aber gerade dieser Umstand ist ein Beweis dafür, dass man damals in der jüdischen Gemeinde za Amsterdam privatim mehr Latein gelernt hat, als heutzutage in öffentlichen Lehranstalten;, denn unter uns, die wir Jahre lang auf dem humanistischen Gymnasium gewesen, dürfte gar Mancher ohne ein 40tägigee Fasten sein Latein vergessen haben. Es ist demnach ein gewaltiger Irrtham za meinen, die!!ehrer Spinosa’s hätten an seinem Studium der olassisehen Sprachen irgendwie Anstoss genommen. Nooh weit irriger ist die Annahme ein Liebesverhältnis* mit der einzigen Toohter vzn denEnde’s, die er allen Ernstes za heirathen gedachte, habe ihn dem Jadentham entfremdet. Dieses Lübesverhlltniss, welches wir aas dem bekannten Roman B. Auerbaoh's kennen, ist eine romantische Erfind ang nioht des Dichters, sondern der Biographen Spinosa’s.*) Wir kennen die *) Collerus, dem ״m am meisten treuen kann,, sagt von dieser Tochter van den Ende’*: ״Comme Spinoza avoit oooaaon da la voir et de lai parier trts aonvent, il an de ▼int ,amoareax; et il a aonvent avoaö qu'il avoit en deseetn de l'fepoaser .... On peat consnlter sar ce cujet le Dicäonnaire de Mr. Bayle Tome 8 Edit 8 k l’artiele de Spinosa ä la page 1770; aaasi bien qae le Traitä da Doctear Knrtbolt de tribas impoetoribas Eiit. 8 Cans la Prätaee.“ Aber von einem liebet vsrnkltnis» ist dort nicht■ sa finden. Alle• waa Bayle über diese Sache sagt, besteht in Folgendem: ״Notas qaa Mr. Kortholt dans la prttace de la 8 Edit da traitd de Mr. son pire de tribas impoetoribas dit qa’ane filia siwnirnn le Latin k Spinosa et qa’elle ae maria «!im avae Mr. Ketckering qai ätait son disciple an m8me tempa qae Spinosa.