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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1892-03-04 · N° 10. (4.3.1892) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
21 (1892)
Issue
N° 10. (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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די/ 38 — Stein thsl hat demnach mit Unrecht Maimonides xum Antor des Wortes Kawwono gemacht Aber zach die Definitionen •der Andaoht, die St. von Maimonides citirtK gehören nicht diesem an, sondern sind nnr eine wörtliche Anführung oderUmsohreibang der besöglichen Stellen in Misohna nnd Gemara. (S. Jad ■ Bachasxkz (Hilch. Tefillah IV, 15—18), welche Stelle Steinthal sicherlich im Aage hat and die Qaellenangäbe im Kessel Mischne). Also nicht nnr mit Maimonides, sondern schon mit den in der Misohna erwohnten חס״הים הייאשורם stimmt die von St. citirte Definition Kant’s überein: ,Andacht ist die Stirnmnng des Gemüths znr Empfänglichkeit Gott ergebener Gesinnang.* Indess entschädigt Steinthal für diesen Irrthnm reichlich durch seine Vertiefung in das Wesen der Andacht. Nach ihm lassen sich drei Stadien der Andacht unterscheiden: ,vor dem Gebet, während desselben' und nach Vollendung desselben.*) Letzteres ist die Erbauung, die man als Erfolg d-8 Gebetes davon trägt, sie erst ist die volle dauernde Andacht, welche durch ihre Fülle und Dauer ihre Wahrheit und Echtheit bekundet.* Erbauung ist nach St. der Entschluss ,wir wollen*, den wir in der Andacht gewonnen haben, ,die Gewissheit, dass wir den Weg kennen, der za Gott iübrt, mit dem Vorsatz, denselben za gehen, ohne davon abzaweichen.* Kant definirt die Änducht folgendermassen: ,Wenn man eine diesem Ausdrucke angemessene Bedeutung sucht, so ist sie wohl nicht anders anzugeben, als dass darunter die moralische Folge aus der Andacht auf das Subject verstanden werde. Diese besteht nun nicht in der Rührung (als welche schon im Begriffe der Andacht liegt) obzwar die meisten vermeintlich Andächtigen (die darum־״ anch Andächtler heissen) sie gänzlich darin. setzen; mithin muss das Wort Erbauung dieFolge aus der Andacht auf die wirkliche Besserung des Menschen bedeuten. Diese aber gelingt nicht anders, als dass man systematisch zu Werke geht, feste Grundsätze nach wohlverstandenen Begriffen tief ins Hers legt, darauf Gesinnungen, der sie angehenden Pflioht en angemessen, errichtet, sie gegen Anfechtung der Neigungen.verwahrt und sichert, und 80 gleichsam einen neuen Menschen, als einen Tempel Gottes erbaut.**) t Diese Definition Kant’s lässt sich mit der Steinthal’s wohl vereinigen, nur dass nach St. die Erbauung in der Andacht inbegriffen ist und mit derselben zusammen flies st. Aber nach Beiden ist die Erbauung eine nothwendige Folge der Andacht, welche eine *Uge mein menschliche Stimmung ist ,zur Empfangliehkeit Gott ergebener Gesinnungen.* Jeder Mensch, der ־in wahrhaft andächtiger Stimmung sich befindet und in derselben gottgefällige Gesinnungen auf sich ein wirken lässt, muss nothwendiger Weise zur Erbauung d. h. zur Stärkung und Befestigung in diesen Ge8innnangen gelangen. Eine Andacht, die diesen Erfolg nicht aufzaweisen hat, ist eben keine. Von diesem Kant’schen Gesichtspunkte aus gesehen, der wohl der einzig mögliche ist, muss es sonderbar anmuthen, wenn christliche Theologen und Homiletiker den Begriff ,Erbauung* ausschliesslich ffir das Ohristentham in Anspruch nehmen. So sagt Alexander Schweizer:***) ,Erbauung ist *) Vgl. die Boraita Bersch 32 b. **} Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Yernun fr, ed. Kirchmann S. 323 Anm. •***) Homiletik der evangelis'h-protestantischen Kirche. (Leipzig IMS) S. ICO—61, . : ־ י' t ' ein durchaus dem Christenthum ungehöriger B)griff.. . Erbauung giebt es nur vom Ohristentham aas. Sia ist aber aaoh nur für schon Cnristea Gewordene vorhanden.* Mit dem gleichen Reohte könnten die Jadsa sagen, Kawwono ist ein durchaus dem Jadenthana angehöriger Begriff. Die Deutschen hatten die Bezeiohnung ,Andacht“ ia dem religiösen Sinae noch vor einem Jahrhundert nicht, uni den anderen Nationen fehlt er noch heute.*) Also gab es Andacht bis vor einem Jahrhandert nnr vom Jadenthum aas. Sohoa die Thatsaohe, dass die Psalmen, an denen sich Juden wie Christen erbauen,**) lediglich Jaden za Verfassern haben, hätte vor der merkwürdigen Prätensioa, den Begriff Erbauung aussohliessliob dem Caristeathume zuzasohreiben, bewahren sollen, selbst wann dem hebräisohen Sprachschätze die Bezeichnung für diesen Begriff gefehlt hätte. Ist aber letzteres auch thatsäohlioh der Fall? Hören wir zunächst einen anderen christlichen Theologen, Prof. Bassermann, der, von Schweizer angeregt, den B *griff ״Erbauung״ wissenschaftlich, za fixiren sucht.***) Bassermaan citirt folgende Stellen aas dam A. T.: Hiob 22, 23. Ps. 28, 5 Jer. 1, 10. 12, 16. :11, 3. 33, 7. 42, 10. Am. 9, 11, in denen das Wort •1)3 (oizooop&v) im ,allgemein-bildlichen* Sinne gebraucht wird und: aafricüten, in die Höhe bringen, fördern, stärken, wachsen maohen, zu Glück und Wohlstand bringen, bedeutet. Aus dem allgemein - bildlichen Spraohgebraaohe sei nach seiner Vermuthung eine Ueberleitung zum , specifisoh-christlich-bildliohen* Sprachgebraache erfolgt ia der Hauptstelle Eph. ,2, 19—22, wo das Bild von den Bauleuten und dem Ecksteine bekanntlich Ps. 118, 22 entlehnt ist. Der objeotive Gebraaoh des Bildes, das sich auf die ganze Kirche bezieht, wurde daun auf das snbjective Empfinden des Einzelnen übertragen, so dass ,sich erbauen* bedeutet ,das Bewusstsein der christlichen Gemeinschaft iu sioh gestärkt fühlen*, wobei jedoch festzuhalten sei, dass dieser Aasdraok nur gebraucht werden kann, wo uns solches dargeboten wurde, was wir schon besassen, für wahr hielten, als richtig nnd werthvoll empfanden, nicht aber die Mittheilung von Neaem and Fremden. Erstaunlich ist nnr, du» Bassermann, der, wie man sieht, die alttestamentliche Qfielle des Wortes nnd Bildes ,Erbaaang* kennt, gleiohwohl in der Einlei tung za diesem Capitel im Sinne Schweizers den Satz fertig bringt: ,Denn indem bildlichen Sinne, ia welchem hier allein von ihm (dem Begriffs Erbauung) die Rede sein kann, ist er eine Schöpfung des Christenthnms, des christlichen Sprachgeistes, der seinerseits wieder im N. T. wurzelt.“ Selbst wenn in den von B. an8 dem A. T. angezogenen Stellen das Wort כנה nnr — wie er sich aasdrackt — ״allgemein-bildlich* gebraucht wäre, hätte er doch dem hebr. Spraohgeista *) Vgl. Steinthal a a. O. S'. 151—62. **) Was wahre Erbaaang ist, lässt sich am deutlichsten an zahlreichen Psalmen erkennen. Der Psalmist beginnt ott mit einem heissen Gebete um Errettung aas Noth und Drang- 8al. Aber im Laute des Gebetes (Uhit sich der Psalmist 8• gestärkt and gekrättigt im Vertrauen auf die Hille Gottes, dass ihn zuletzt die Gewissheit aberkommt, Gott habe ihn erhört. Der Klageand Bittpsalm klingt dann gewöhnlich in einem Hymnus ans auf die Gnade Gottes oder im Ausdrucke inniger Dankemptindungen gegen Gott. (Vgl. Ps. 3—7, 13, 17, 22 a. a. m.) ***) Handbach der geistlichen Beredsamkeit Von Dr. Heinrieh BassermanD, Prof, der Tbeologie in Heidelberg (Stuttgart 188 ) S. 148 -154 Seine Abhandlung ,,Ueber den Begriff Erbauung“ in derZeitschritt f. prakt. Theologie IV. hat mir nicht Vorgelegen.

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