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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1890-12-04 · N° 49. (4.12.1890) · p. Seite 190

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
19 (1890)
Issue
N° 49. (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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begreifen. Men begreift aber einen Philosophen, in• dem man nicht bloss die Bedeutung einseiner Ge• danken und den Zusammenhang des Gänsen an er• kennen trachtet, sondern die feste Fügung des Systems in seine Theile aaflöat, die Quellen nach weist, denen es entsprangen ist, and damit erst des Neuen, Originellen sioh bewasst wird, das mit dem Alten eu eigenartiger Bildnng sioh versohmolaen hat. Joel hat mit grosser Gelehrsamkeit and bewunderuswerthem Seharfsinn eine dieser Quellen des spinozistisohen Systems aufgedeckt. Er hat gezeigt, dass Spinoza sich nicht bloss abwehrend gegen d e jüdischen Eregeten, Theologen und Philosophen des Mittelaltera ▼erhalten hat, dass ein Theil seiner Gedanken im Kopfe der missachteten, ▼ielgeschmähten, von Spinoza selbst übel behandelten Babbiner entstanden ist. Joel hat in Spinoza nicht bloss den ״verflossenen“ Heiligen verehrt; er hat auch auf Schwächen hingewiesen, die ihm nioht ganz fehlen, auf Widersprüche and lrrthümer, auf Missverständnisse, Missdeutungin and andere Menschlichkeiten, die nioht der klare Geist und das reine Gemüth des Philosophen, sondern das vom Gefühl unverschuldeter Kränkung und Aufaindang verletzte Herz des Menschen Spinoza er- •engt hat. Der langen Reihe streng gelehrten Arbeiten über Philosophie früherer Zeit schliessen sich zwei Vorträge über Moses Mendelssohn an, in denen die Ver- ־ dienste des seltenen Mannes am die deutsche Jadenheit, die deutsche Sprache uad die Philosophie in feiner Weise and warm empfundenen Worten dargelegt werden.*; Ein Mann wie Joel, der aaf der ▼ollen Höhe unsrer Zeitbildung stand, konnte sich der Tnatsache nioht ▼erschliessen, dass die Theologen and Philosopben, deren Gedankengebäude er von Grand aas durchforscht and geschildert hatte, nur für die Geschichte menschlichen Denkens von Wichtigkeit sind; dass ihre Systeme bedeutsame Glieder in der Eat- Wickelung der Philosophie bezeichnen, für unser eigenes Denken aber nioht mehr massgebend sein dürfen. So ist Joel’s eigene Philosophie nioht an den Vertretern der jüdisch-mittelalterlichen Scholastik, sondern an grossen deutschen Denkern der neuen Zeit herangereift. Joel hat kein eigenes System der Philosophie geschaffen; er' wollte kein origineller Philosoph sein. Einen Nichtphilosophen, aber Philosophenjänger nennt en sioh selbst einmal. Und wie Viele giebt es anoh heutzutage, die sioh originelle Philosophen nennen dürften, nachdem Platon und Aristoteles, Spinoza a. Leibniz, Kant u. Sohleiermacher, Herbart u. Lötze za ans gesprochen haben? Aber ▼erlangen wird man von den Denkenden uDter den Gebildeten unserer Zeit, dass sie es nioht vom Zufall abhängig machen, ob sie diesen oder jenen Philosophen eich sam Führer nehmen. Es braucht kaum gesagt za werden, dass Joel selbstständig gedacht and sorgsam geprüft hat, ehe er einem bestimmten Systeme •ich anschloss. Kant and Sohleiermacher sind, wie er selbst erklärt, die Männer gewesen, die seine Philosophie am entschiedensten bestimmt haben. Und wer könnte sich besserer Führer rühmen? ln zwei Schriften**) hat Joel seine letzten Gedanken über Religion and Philosophie and ihre Be- Ziehungen an einander aasgesprochen. Er rechtfertigt *) Gedächtnisrede aaf Moses Mendelssohn. Aus dem Jahre 1866 in Beitr. Bd. II, 8. 4i t. — Belig. Vortrag <bei der Feier des lOOj&hr. Todestages Moses Mendetssohas. Brest. W86. **) Ueber das Vonutaeil, dass die wahre Philosophie vorenasstiniigilija sei Frankels Monat—ehr. 18S0. 8. 1?5 i — I BeKgiös-philosophische Zeitfrmgan. Breslau. 1876. hier, waram er von den Epigonen zu dem alten, nie Überwundenen Meister, von den Atheisten and Materialisten zn dem grössten Theologen nnseres Jahrhunderts sioh wende, waram er zugleich Philosoph und Theologe sein, zugleich einen Anhänger der Bibel und Immanuel Kants sich neunen dürfe. Den vermeintlichen Ueberwindern Kants, den Atheisten and Materialisten, den Naturalisten und Pessimisten ruft er zu: Ihr müht Euoh vergebens, den eisernen Ring zu durchbrechen, den Kauts weise Besonnenheit menschlichem Fürwitz gezogen hat. Ihr Kraftgenies bleibt alle in der Sabjectivität stecken, macht Er- | scheiaangen zu Din gen an sioh und Gedankengebilde ' zu Wirklichkeiten. Kaut aber hat festgestellt, dass ] alle Beweise für das Dasein Gottes zusammenbrechen j können, ohne dass der Glaube an ihn erschüttert wird. Denn fester als alle Rschenexempel steht der aus der sittliohen Anlage des Mansohen, aus seinem Fühlen und Wollen hervorgeheude Glaube an aia über aller Endlichkeit stehendes, unendliches, göttliches 1 Wesen. Der Mensch ist von Natur gläubig und wird j erst durch Kunst ungläubig. Aber Kant bedarf der Ergänzung. Er hat, wie in vielen Einzelheiten der theoretischen and praktischen Pnilosophie, so auch in der Bestimmung des Begriffs geirrt, der uns als einer der wichtigsten erscheint, des Begriffs der Religion. Für Kant war Religion ein Anhängsel der Moral, ,der Inbegriff i unsrer Pflichten als göttlicher Gebote“. Aus solcher Anschauung aber ist das, was der Religion ihr eigenartiges Gepräge und ihre höchste Wirkung verleiht, nicht zu begreifen. Erst Schleiermacher hat uns ihr wahres Wesen kennen gelehrt. Religion, 80 erklärt er, ist za Wissenschaft und Kunst das nothwendige Dritte, ist das unmittelbare Bewusstsein der Einheit von Vernunft und Natur, des allgemeinen Seins alles Endlichen im Unendlichen und durc h das Unendliohe. Dieser Auflassung schliesst Joel sich an. Dooh folgt er den Gedanken Sohleiermaohern nioht anbedingt uad nicht allerwegen. Er fällt von ihm ab gerade da, wo es sich um den höchsten Begriff, um dea der Gottheit, handelt. Schleiermaoher steht dem Pantheismus Spiaoza’s um eia Bedeutendes näher, als Joel. Schleiermacher nimmt mit Spinoza an, dass Gott in das Gebiet der Gegensätze and der Endlichkeit herabgezogea werde, wenn wir ihn als peraönliohes, denkendes uad wollendes Wesen fassen. Joel hält au dem Begriff des seiner selbst and der endlichen Wesenheiten bewassten, persönlichen Gottes fest; für ihn ist der Begriff der Vorsehung nioht in ' unbestimmte Abstraotion aafzalösen. Ihm ist der Gott, den die Bibel lehrt, nioht der philosophische, aber es ist der weltgescshiohtliohe Keim za einem wahrhaft philosophischen Gottesbegriff (Zsittr. S. 83). So begründet Joel die wahrhafte Gläubigkeit seines Herzens. Die Gläubigkeit, die er besass, nioht aber die Reohtgläabigkeit, die er von sioh wies. ״Das Wesen aller Reohtgläabigkeit besteht, wie es in seinen Zeitfragen (S. 7) heisst, darin, dass eie einen Zeitpunkt in der Weltgeschichte willkürlich fixirt ... In der Stande aber, wo die Orthodoxie erwacht, ist die religiöse Schöpferkraft erloschen. Das religiöse Leben erstarrt in Paragraphen, das Unforma Urbare wird Formel. An Stelle der Gläubigkeit tritt die Reohtgläabigkeit.“ Joel fürchtet sich nioht vor der Mythentheorie in ihrer Anwendung auf die Bibel. Es ist geneigt, die Wunderzählangen von Elias ahd Elisa als ״Reflex des Eindrucks dieser Männer aaf das Volksgemüth* anzusehea und glaubtnicht, dass die ״Religion gesohädigt werde, wenn di» fortschreitende Wissenschaft die, strenge Naturgesetzliohkeit bis an dis fernsten Enden des Weltalls nach•»:

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