Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 45. (5.11.1890)
- Date
- 1890-11-05
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
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— 175 Wm ihn aber ans besonders theaer maoht, das ist die Reinheit nnd der Adel seines Charakters; er, der so Vieles versteht, ▼ersteht es absolut gar nioht, gewisse snr Zeit nnbeqnexne Meinungen sn ▼ersteoken, nnd seine Natur ist so kerngesund, :dass er selbst gegen ein Kontagium aus seiner näohsten Umgebung völlig geechatst ist. Steintbal hat *nioht nur eine Ethik geschrieben, sondern er lebt auch eine Ethik. Es ist für die Werthung Steinthals gleichgültig, ob er deutsohfreisinnig oder kartellistisoh denkt und stimmt; aber gar nioht gleichgültig ist es, dass er nioht den Mantel naoh dem Winde dreht, dass er nicht so klag und bedächtig sein will, nm für äugenbliokliohe Vortheile, für Gunst und Gnade der M&ohtigen Uebersecgangen binsuopfern. Es ist selbstverständlich, dass Steinthal für seine Person solche Geschäfte ablehnt, aber auoh für die Glaubensgemeinschaft, der er angehört und die auf ihn hört, hält er ein derartiges Paktieren, bei dem man, mit dem Talmud su reden ,das ewige Leben liegen lässt and aioh dem Leben der Stunde hingiebt,* für anangemessen. Auoh auf religiösem Gebiete ist Steinthal durchaus unabhängig; als Forscher und religiöser Denker ist er fast radikal. Aber sein Radikalismus ist nioht aggressiv; er hat Fühlang.mit dem Gaten and Wahren in allen Parteien. Nie hat er seine Feder entweiht mit dem wohlfeilen Spott über das; was Andern heilig ist; wie kühn er auoh jede Schranke niederstürmt, die die religiöse Tradition der freien Forschung gesetst hat, so ist er dennoch den Märtyrern hersensverwandt, die ihr Leben geopfert haben um des von der Maoht der Juden unsere Glaubensgenossen, vielleicht im Stande sind, Glaubens willen. Man sprioht zuweilen in der Gegenwart, weil wenn sie sich anstrengen, , für ein paar'Tage den Kurs dar rassischen Banknoten •um ein paar Prooent za drücken. Jedermann jedooh, der aufmerksam hinsohaut, überzeugt sioh von unserer traurigen Ohnmaoht, wie wir alle Tage eine Beate werden läppischer Lügen; sioherlioh stünde es besser :mit uns, wenn unsere Talente auoh Charaktere wären, wenn in den Kreisen, welohen Steinthal duroh seinen Beruf und duroh seine Abstammung angehört, wenn unter den jüdischen Professoren and Gelehrten Männer wie Sleinthai häufig wären, während in Wirklichkeit so viele duroh das oandinisohe Joch gehen und für ־Titel und Mittel sioh verkaufen. Wie mächtig könnten wir sein, WBnn die hervorragenden Israeliten in allen Berafssweigan mit dem Mannesmath, mit der .Ueberzeoguhgstreue eines Stein thal gsgürtet wären, aber wir haben gerade in dieser höhern Sohioht der Bevölkerung, besonders sobald die Stellung zur Religion in Betracht kommt, -eine solche Fülle von Diplomaten, dass wir damit den ganzen Erdtheil versorgen könnten. Steinthal hat der grossen Sohsar {seiner Verehrer -eine Freude bereitet, aase er seine auf die Religion bezüglichen zerstreuten Auf »ätze zu einem Buohe -gesammelt hat. Der Stranss ist schöner als dis einzelnen Blumen, die Sohönheit dar einen Blum# wird duroh dis der andern gehoben. Hier haben wir den ganzen M»»״ mit seinen grossen{ Vorzügen und ▼einen kleinen Fehlern. 1 Zn diesen letztem reohnen wir sc ine Versuchs in ■der Bibslezsgess. Wes er uns über Be Klagelieder, über Waiaei», aber Bileam vorträgt, ist meist sshr .geistreich, sehr kühn, sehr int wese« nt. aber wird *ohwerlioh aum BcetandtheU dar bi bebsagrtfoahim Wiassaschaft werden. Wie ganz ändert fühlen wir QU > angeregt, beiehrt, ja begeistert!und erhoben, wenn wir von . .;11 B exegetie ihen Seifenblasen au einem Aufsatz wie^ dem über ,& ythoe and Religi on* gelungen. Hier erhebt si< h Gedanke and Form an klassischer Höhe, man kai in diese Seiten immer wieder leeea nnd wird stets ne 1» Gesichtspunkte gewinnen zum Verständnis« der Beli, [ioa. Wehrhaft vornehm and ein leaehteodas Zeugnis! der Objektivität, der innern geistigen Freiheit, ist es, d iss der Verfasser, der doch eia so guter Jods ist, nirg mdswo in dieser Arbeit sein specieUes religiöse« Bekennt ciss ▼erräth, aber auch nirgeodawo es verleugnet. Tie! sinnig ist in einem andern Aafsata: ״Z u.m Ursprung and Wesen des Monotheismus,* der inn >re Zusammenhang zwischen Monotheismus und höherer Sittlichkeit allerdings mehr angedeutet als erwiwen and der Schluss des Dialogs ״ein ander* mal mehr* ist gleichsam dis Kritik des Autors seihet, die der Leeer nur untersohreiben kann. Seil et über ein. ans Allen, so geläufige« Thema wie - die -Andacht41, weise der gedankenvolle Antor, der sioh keiner Partei gefangen giebt und ▼on dem die Anhäng 1r aller religiösen Richtungen lernen können, Hohes tnd Bedeutsames au lehren. Wi! ׳ können es uns nioht versagen, aas dem Aufsatze, d >r ▼on Anfang bis Ende spannend ist and der keines* ga der bnsta ans dar R am ml nag ist, wenigst(tos ein paai Zeilen aussnsohreihen. ״W< r alle Jahre einmal andächtig sehe will, wird bald merken, dass er auch dlee einmal aiefct andächtig iet, trota dee gntei Willene nicht sein kann Seine Gedanke» wollen ihm niohl in’e Gotteeban» folgen nnd etrntee in der äaseers» ־Welt nml er. Wer also nioht oft betet, wird ee nicht erlernen, hier aber droht eine groeee Geiahr; Alles, was geübt, gewohnt geläufig rird, verliert seinen aatänglifthen Keil, sein lntereeee and wird gedankenlos abgetken. So ergeht ee dem hlnflgen Beten. . , Dagegen bietet aaoh dae Gotteshaus keinee Sehet«. Am wen! gaten ailft Abwebkslnng dar Mittel, neu oompoeixt# 0 «singe. Man übersohätae überhaupt die äetheHeehe Gesnlbmg dee Gotte sdienstee nicht. Ke iet nicht die Schönheit das Gebete, wel he wirkt, sondern deseen Wahrheit und flolilichtbeft. Ke sind die ->■-*—> Accente, welche das Qersüth am tiefsten e greifen nnd am meisten «heben.“ De! Verfasser, der hier geringschätzig ▼on der Schönh«it dee Gebete redet, ־denkt offenbar nür zn äasaern Pomp; gewöhnlich wird ■ich zum Schlichtwi und Wihrea auch das Sohöne gesellen, und ein uaeohönes Gebet wird wohl kaum sohiioht und wahr ■ein. £ ieee ״einfachsten Aooente,“ von denen der Verfasser sprich^ werden aaoh unserem Gefühl Ar Schönh« it entsprächen. Die Schatzrede für dis -Toleranz44 bietet der Intolera ta Waffen genug und erfüllt darum nioht völlig i iren Zweck; wenn wir z. B, ־ wie Steinthal meint, nioht früher .eine politische und soziale.Frage ׳ vor die Laien bringen «ollen, als bi« ״die Männer vom Fauh darüber einstimmig sind,44 so können wir lange w irten. Stein thal denkt offenbaran einen bestimmte!! Fell und an einen beetiinmtea Mang und tadelt d< eeen Thun eis einen ״unverzeihlichen Fehls«44. Aber di! Toleraas kennt überhaupt keine (inverseihliehen F (hier, and die Zeitungen and Volksvenam mlangen lönntau sioh auf unbestimmte Zeit vertagen, wenn ntr diejenigen Fragen dort verhandelt werden sollten, aber die Unanimität der Gelehrten herrseht. Dis Frag > der Toleranz wird a. E. vor Allein duroh die Geeahioite entschieden. Das Stand, das duroh di» Intokrarz ungerichtet worden iet, swingt dazu, dar Tolerant den weitesten Raum za gewähren, weitern ab ihr naoh einer begriffliche■ “ ‘ ־ vieUeiohi «nkäiae. Der Missbrauch der Toi «ras« ist leichter za ertragen, ab die A liiVrii •II 1IUA'?«rt b• tolerana. Gehaltvoll ist die and rrtit^Öas VorUmil*^ giebt, dies er sie ▼er «tWQ 15 Jafawzig/]