Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 44. (29.10.1890)
- Date
- 1890-10-29
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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׳ 4■*> 170 Thomas v. Aquino, die Anschauung sar Geltung, dass Christo« und die Heiligen durch die von ihnen dar• gebrachten Opfer einen ״Schatz oder Ueberschasa guter Werke* aufgespeiohert hüten, welchen die Kirche zu verwalten nabe nnd woraus sie Gnaden• gaben in der Form der Nachsicht zeitlicher and selbst ewiger Sändenatrafen gegen eine gewisse Ent- Schädigung spenden könne. Dieses ist die scholastische, theoretische Begründung des Ablasses. Giebt es nun im Judenthum etwas dem Aehn- Jiahes? Ein jeder Jade, der ungelehrte nicht minder, als der gelehrte, würde die Hände über dem Kopfe aasammenschlagen vor Verwunderung über solche Behauptung. Seine Verwunderung würde aber sofort einem Lächeln Platzmaohen, das etwaausdrüokte: ״ Aha“, hier ist eine Begriffsverwirrung, welche die Coufusion verschuldet, man verwechselt thesaurus meritorum mit ITDX זכות, dem ״Verdienst der Väter“, ein Ausdruck, den man ja allenialjs mit ״thesaurus meritorum“ übersetzen kann, der aber sachlich 80 wenig darauf passt wie die Faust aufs Auge. was ist Seohut Abot, oder, wie es die deutschen Juden aussprechen, Sechas Owaus? Die ganze Bibel, daa ganze rabbinische Schriftthum, das ganze jüdisohe Leben ist ' voll davon. *Wenn Gott (UL B. hl. 26,42) sagt: ״loh werde meines Bundes mit Jacob u. 8. w. gedenken,“ 80 bezieht er sich auf Sechus Owaus. Wenn Moees (1L B. Al. 32,13) zu Gott betet: ״Gedenke Abrahams u. 8. w.“ so erinnert er ihn an äeohus Owaus. Wenn im Aohtzehngebete Gott angesprochen wird als derjenige, der ״gedenket der Frömmigkeit der Väter“, so soll damit die Gewissheit ansgedrüokt sein, dass Seohas: Owaus bei Gott hohen An werth findet. Nehmen wir einen Juden, den Sohn braver Eltern, der aus Armuth zu Reichthum und Ehren emporgestiegen ist. Wenn man sein Glück als sein Verdienst bezeichnet, 80 wird er es besoheiden ablehnen nnd sagen: ״Sechas Owaus steht mir bei.“ Und wenn dieser selbe Jade einen Christen oder Mohamed&ner, oder Heiden in gleicher Lage sieht, bo wird er von ihm sagen: ״Der hat Sechus Owans“. An Sechas Owaus denkt der Arme in seiner Bedrängnis«, der Kranke in seinem Siechthum, die Waise in Ihrer Verlassenheit, der Glückliche in seinem Ueberfiass, der Sünder bei seiner Einkehr. Sechus Owaus ist eine Quelle des Mathes für den Verzagten^ der Bescheidenheit and der Alässigang für den Glücklichen. Ist Sechus Owaus ein Dogma im _ Judenthum? Die deutschen Jaden habendem Spruchwort: ״Seohas Owaus ist kein Ketowaus“, d. h. ״das Verdienst der Väter ist kein Kinderspiel.“ Spricht man so von einem Dogma?־ Aber es ist mehr als ein Dogma, als ein formulirter Glaubensatz, es ist der rein mensohliohe Gedanke, dass die frommen Eltern, dass die Edeln aller Zeiten nicht» umsonst gelebt haben, sondern dass die Heilswirkung ihrer Frömmigkeit in dem Leben and den Schicksalen der fernsten Geschlechter sich fortsetzt. Das ist der Sinn und die Bedeutung von Sechus Owaus. Wer, der seiner todten Eltern in Verehrung gedenkt, and an Unsterblichkeit, an eine göttliche Waltang glaubt, er mag welchem Volke und Glauben immer angehören, wäre von dieeem Gedanken nicht durchdrungen! Ihm kann der Ausdruck fremd und unbekannt sein, aber die Vorstellung ist mit seinem religiösen Empfinden 80 gewiss aufs Innigste verwachsen, so gewiss alle Religion saniahst Pietät ist. Dass im Jadenthum diese Vorstellung sich früher gleichsam kriatallisirt hat, prägnant« hervorgetreten und mehr in suoenm et eangninam seiner Bekenner ein gedrungen ist, als anderwärts, erklärt sich laicht. Der genealogische Zusammenhang ]' mit ihren Stammvätern Abraham, Isaak und Jaoob wurde von den Jaden mit grösster Zähigkeit und Wärme festgehalten, schwebte ihnen lebendiger vor und ist aaoh unter einem ganz andern Gesichtspunkt zu betraohten,-ül8 die entsprechende Beziehung bei anderen Völkern. Damit in Verbindung steht der bei den Jaden stark ausgebildete Familiensinn. Beides erklärt die Prägnanz, die Vertiefung und Verbreitung der Vor- Stellung von Seohas Owaus hinlänglich. Nun aber sage Einer, was diese Vorstellung mit dem thesaurus meritorum zu thun hat! Welche Instanz im Judenthum sollte denn diesen thesaurus des Sechas Owaus verwalten und daraus ״Ent- Schädigungen für die Sünden Änderet“‘ entnehmen und — vielleicht gar gegen eine Ablasstaxe — vergeben? Es ist dies etwas für die jüdische Vorstellung ganz Ungeheuerliches, die krasseste Profanation eines gemüthvollen Gedankens nnd bei der Organisation des Judentbams ja ganz unausführbar. Den thesaurus des Sechus Owaus verwaltet Gott allein, oder vielmehr, Sechus Owaus ist gar kein aufgespeioherter Schatz oder Ueberschass wie der thesaurus meritorum, sondern eine fromme, rein mensohliohe, nur, wie gesagt, prägnanter im religiösen Empfinden der Jaden hervortretende Vorstellung von• der Heilswirkung, welche zunächst für den Einzelnen das fromme Leben der eigenen Eltern, dann für die Gesammtheit das Verdienst der gemeinsamen Stammväter besitzt. Von eranischer Einwirkung auf das Judenthum, die ja sonst besteht, kann also hier gar keine Rede sein, und ebenso muss dasselbe das Verdienst einer Einwirkung auf die Scholastik, die anderweitig ebenfalls zuzagebea ist, im Paukte des thesaurus meritorum ablehnen. Am wenigsten darf man Maimonides mit die3er Sache in Zusammenhang bringen. Er sagt klar und deutlich (Moreh III, 43): ״Das ist aaoh ein Fandamentalgedanke der Thora, dass alles Gate, was Gott uns erwiesen hat und nooh erweisen wird, auf dem Verdienste (Seohas) unserer Väter Abraham, Isaak und Jaoob beruht, weil ״sie bewahrt habea den Weg des Ewigen, zu üben Tagend und Recht“ (L B. M. 13, 19) — gewiss eine schöne, pietätvolle, zur Bescheidenheit mahnende Erinnerung, die mit der Lehre vom thesaurus meritorum und vom Ablass nichts gemein hat. Was hat nun aber Weber aus dieser einfachen Vorstellung von Seohas Owaus gemacht? Um es mit einem Worte za sagen: er hat, gewiss bona fide, in diesen Begrifi christliche, j a soholastisohe Vorstellungen hineingetragen, er hat aus gelegentlichen uud harmlosen Privatmeinangen der Darschanim eine Art Dogmatik des Seohas Owaus sich zarecht gerückt, wie er denn auf dieselbe Weise in seinem Bache überhaupt eia ״System der Theologie“ zu Stande gebracht hat Zum Beweise für das Gesagte ist die blosse Uebersohrift hinreichend, die er dem betreffenden Kapitel giebt: ״Die stellvertretende Gerechtigkeit der Väter“. Das ist ohristlich gedaoht, aber nicht jüdisoh. Weise das Judenthum etwas von Stellvertretung? Und Sechus Owaus sollte stellvertretend sein, oder, wie Weber sagt, ״die eigene' Gerechtigkeit naoh Möglichkeit daroh׳ fremde ergänzen?“ Es ist schade, dass Weber nicht eiae förmliohe Skai» dieser Ergänzung — nach Art der ,Ablasstaxen —1 angeben kann, 80 dass man wüsste, w a 8 e t wa da s Seohas des eigenen Vaters bei versnobter Ergänzung der eigenen Gerechtigkeit werth ist, and ob nioht zur vollständigen Ausgleichung etwa das Seohas der Matter als Zugabe aaraafzagebon sei Nahe genug