Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 43. (22.10.1890)
- Date
- 1890-10-22
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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*Gebiete der Verbreitung der Civilisatiön, der Künste und Wissenschaften, des Handels und! der Industrie in ihrem Urtbeil zu demselben Resultate gelangen. ״Die Universitäten verjuden duroh die grosse Anzahl jüdischer Lehrer in allen Wissensfachern,“ schreien die Judenfeinde in Orsterreici und Italien. ״Diahohem Schulen sind von jüdischen Schülern •überfüllt,“ jammert Herr Stöcker in : Berlin. ״Die Juden bekleiden die höchsten Posten im Civil- und Militärdienst,“ wehklagen, in Frankteich Ehren-. Drumout und seine Getreuen. Ebenso ist es im Finanzwesen, in der Industrie, dem. Handel, den Künsten, ja in allen Zweigen, welohe die Civilisation!ordern und emporheben; die Judenfeinde dieser Länder schreien alle dieselbe Melodie: ״Wir können mit den Juden nicht concurriren; die Juden sind uns in Allem überlegen“ ü. s. w., und das ist eben der Hauptgrund zu den rasenden Ausbrüchen des Antisemitismus. Dies ist aber noch nicht Alles was unser liebenswürdiger Anwalt Emil Corra durchschaut hat. Die Hebräer waren vom 10. Jahrhundert an die einzigen freien und unabhängigen Ausleger der heiligen Schrift. Durch ihre ausgebreitete Kenntniss in den semitischen Sprachen, ihren Veirkehr mit den römischen und deutschen Nationen und ihre Vertraut heit mit den Wissenschaften und der Philosophie waren sie die erfolgreichsten Kritiker Und Theologen, und daher auch die geschicktesten Exegeten. Alles dieses war der Fall, als im ganzen Christenthum keine neuen Ideen und keine neue Methode der Forschung ohne Sanotion des Papstes und der Concilien sich ans Licht des Tages wagen durfte. Ohne die litterarische Thätigbeit der Juden zwischen dem X. und XVI. Jahrhundert war keine Reformation im Christenthume möglich Alle Uebersetser der heiligen Schritt seit Martin Luther mit Einschluss dieses Reformators richteten sioh naoh den jüdischen Auslegern, als Rasohi, Rasohbam, Rambam, Abr. Ibn Esra, Levi b. Gersohom, Isaao Abrabanel und deren Supercpmmentatoren. Alle christlichen Theologen, sogar Albertus Magnus und Thomas von Aquino, benutzten ^18 Führer die Schriften des Saadjah, Avicebron (Ibn; Gebirol), Ibn Baohia, Jehudah Halevi, Abr. Ibn. Davjd, Joseph Ibn Zadik, Mose ben Maimon, Levi b. Gersohom, Chasdai Kreskas, Joseph Albo, Isaao Abrabanel und später auoh die Schriften der Kabbalisten. Die Sterne am Horizont der Exegese und philosophisch-theologischem Litteratur unter den Jaden waren fast! eben so zahlreich wie die Aerzte, Mathematiker und Astronomen. Ihre Ideen, Grundsätze nnd Lehren!wurden durch jüdische Lehrer des Hebräischen in das Christenthum hiueingesohmnggelt, so z. B. durch Eiiah Aschkenasi (Levita), auch durch lateinische Uebersetzer wie Anatoli und viele Andere. Dijese arbeiteten indirect der Rvolution in Theologie und Philosophie vor, welche einerseits die Reformation Und anderseits die Schriften Birach Spinoza’s vorbereiteten. Eine Geschichte der Civilisation und besonders eine Religionsgeschicht* ohne Beitrag jüdischer Arbeit wird stets ein Bruchstück bleiben. Wer auoh nur irgendwie mit diesen LitteratnrzweigeU bekannt ist, wird, wenn er einen Blick in die Bibelübersetzung Martin Luthers oder iu die vom König Jacob veranlassle Uebersetzung wirft, sioh sogleich davon überzeugen, •dass alle Uebersetzer zu den Füssen jüdisoher Gelehrten sassen, wie dieses bei Paulus, Hieronymus uud allen alten Versionen] der Fall war. Der Hoohmuth der niohtjüdisohenGelehrten — zum Theil auoh ihre Unkenntniss der Thatsaohen — lässt sie nioht zur Anerkennung dieser Thatsaohe in der Geschiohte der Civilisation kommen. Nir hier und da wirft einmal einer gleioh Derrn Emil Corra- oder Professor Sohleiden ein Wort dazwischen, aber nur, damit es ungehört verhalle in dem Chorus der Selbstvergötterer, welcher Himmel and Erde stürmen will, ohne weder den einen noch die andere za kennen. Litteraturbericht Recensionen, Joah. Trauerspiel von Friedrioh Wilhelm Hilde- | brandt. Magdeburg, 1890. Creutz’sohe Verlagsbuoh- ] handlang. (Fortsetzung.)! Die historische Auffassung reagirt also in vielen 1 Punkten — der Kürze wegen haben wir nur einige namhaft gemacht — sogleioh gegen die im Drama vorgeführten Gestalten in ihrer neuen Eigenart; allein auch bei diesem unmittelbar erkannten Gegensatz können wir uns nioht verhehlen, dass eine Krasse küostlerische Gestaltungskraft, eine seltene Tiere der Empfindung and eine reiche Menschenkenntnis« dem Verfasser des Drama’s innewohhen müsse. Wir können den Werth seiner dichterischen Schöpfung nioht bündiger als mit dem Hin weise auf Aristoteles kennzeichnen, der in seiner Poetik (26, 1461b 26) lehrt: ״Die Tragödie erfüllt ihre Aufgabe auch ohne schauspielerische Aotioo, ebenso wie die epische Diohtang, denn durch das Leeen wird offenbar, von weloljgni• Werth sie sei.* Nicht ein blosser Austausch voit- Meinungen oder leere Abstraktionen beschäftigen in diesem Drama das Gemäth das Lesers, wie dies des Oefteren geschieht, sondern das Stüok ist voll Leben, voll Handlang;* die L&gang des Knotens, die duroh Abjathars Mittheilung an Joab von dem gegen ihn gerichteten geheimen Tödtangabefehi Davids herbeigeführt wird, ist meisterhaft dargestellt, auch das was Aristoteles die ״Peripetie“, (aen Umsohlag der Ereignisse) nennt, ist in der Sohilderang von _ der Wieaererkennungssoene Nadirs (Salomo) und Mirjams (Salamith) von ergreifendster Wirkung Ob die Letsere fireilioh bei der Erkenntnis« von der für sie eigenartigen grässlichen Verkettung des Geschickes daroh Selbstmord' endigen muss, kann bsi. dem Gesiohtspankte, dass das Drama eine moralisobe Sahale des Lebens sein zoll, immerhin sehr zweifelhaft «sin; eine freiwillige Versiohtleistung auf die ihr unter so bewandten Verhältnissen EUgefallene Königsbxoue, das Hin wegeilen aas des Königs Nähe, der ihrem Herzen so nahe steht, mit dem Bemerken, dass sie, das unselige Geschick beklagend, nunmehr einsam trauern wolle in dem doppelten Web, das sie betroffen, würde, unserem Erachten naoh, die Gefühle des Mitleids mit Salamith' menschlicher gestalten, als dies! durch den Anbliok ihres Selbstmordes gesohieht. Hervorheben wollen wir nooh, dass wir 80 manche bemerkenswertbe Sentenz von allgemeinem Werthe in dem Drama verzeichnet finden. Versuchen wir nun die Fabel des Stückes in ihren allgemeinsten Zügen darzastellen. — Der beim Volke wie beim Heer» sich des höchsten Ansehens erfreuende Feldherr Joab, der Sohn der Zeraja, einer Schwester Davids, also Anverwandter des königlichen. Hauses, ist in offenbarem Antagonismus gegen seinen. *) Hierauf batten auch wir den hochw&rdigen Herrn Autor, (Superintendent hier), der. so fjrenndlich war, nna vor der Drucklegung F.iniioht in sein Mannskript nehmen au lesefn,, aufmerksam gemacht, doch war eine AeräUrvag de* Bnhhies*» ifa oben ai gedeuteten Sinne ohne Umänderung der gansea Anlage nichl mehr gut za ermöglichen. (Red) ״y 'V.:v&L»#Vi-JÖ