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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1890-10-08 · N° 41. (8.10.1890) · p. Seite 158

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
19 (1890)
Issue
N° 41. (8.10.1890)
Date
1890-10-08
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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Graf־ Strafford and Ersbisohof Laad, ihren presbyterianisoben Gegnern erliegen, in Frankreich, wo Bioheliea die Macht der Hugenotten brioht. Heine dieser aeitgeechichtliohen Entwickelungen ist an eioh für die Erkenntniss der Ursachen des Aoosta’schen Glaubensstreites von grosser Wichtigkeit. Aber sie dienen alle daaa, den Geist an verstehen, der die Zeitgenossen des Mannes erfüllte. Aoosta kämpft gegen geistige Unterjochung. Aach seine christlichen Schicksalsgefährten haben sioh gegen Knechtung des Geistes, Unterdrückung der menschlichen Freiheit, Entwürdigung des Individuums, *erhoben. Auch darin gleicht Acosta denselben, dass er mit ihnen die Schwächen der menschlichen Natur theüt. Darum j ist er zugleich der Vertreter einer unbestimmbar ] grossen, gleichdenkenden- Gesellschaftsklasse, und j swar derjenigen, die gegen die herrschende soziale ן Schicht Opposition macht. Was Aoosta ausspricht, : ist die Ueberzeugung Vieler, was er leidet, der Spiegel j dessen, was Viele in geringerem Masse, unter ge• - ringerem Aufsehen erdulden. Schwankend zwischen Liebe und Bass, bleibt er machtlos und verlassen. Es ist im Kampf der Leidenschaft gegen die Besopnenheit, des natürlichen Menschen gegen die auf der Knlturentwickelung ruhenden Anschauungen einer ' in sich geschlossenen Welt. Aber vergebens späht | das Auge des in die Vergangenheit zurückblickenden 1 Menschen der Gegenwart nach einem lichten Punkte ' in diesem elementaren Kampf Die Leidenschaft ver- ׳' zehrt sich, wie in dem heidnischen Alterthnme, selbst,! und Acosta, der der Macht der Verhältnisse zu erliegen scheint, geht weit mehr durch das Ungestüm seiner eigenen Natur, durch einen mit der!Selbst- Vernichtung endenden Seelenkampf unter. Zwei Religionen, ausgehend von verschiedenen Grundlagen, hinstrebend zu verschiedenen Endzielen fanden Raum in der Seele eines Mannes, der vor 250 Jahren sein Leben durch Selbstmord beschloss. Er vermochte nicht zweien. Herren zu dienen, aber auch nicht beiden oder einem von beiden den Dienst zu kündigen. So war er jeder der ihn beherrschenden Geistesmächte nur halb ergeben, gelangte nicht dazu, etwas Ganzes, Abgeschlossenes, Spezifisches aus sich zu machen. Die leidenschaftliche Natur Acosta’s konnte allerdings , nur etwas Halbes sein. Denn mitten in einen unglücklichen Zwiespalt hineingestellt, entbehrte er der grossen Kraft, sich für Eines zu entscheiden, oder der noch grösseren, zwei Welten in dem Mikrokosmus der individuellen Natur mit der dazu erforderlichen aufopfernden Liebe bergend zu umschliessen. Zugleich Gnade für den sündigen, in der Sünde geborenen, Recht für den fehlenden, Sündenfreien Menschen zu erwarten, ist der menschlichen Natur schwer zuzumuthen. Wie sollte dieses ein Acosta vermögen? Bedenkt man andererseits, dass der Zwiespalt, welcher zwischen Christenthum und Judenthum entstanden, weniger ein gewollter, als ein gewordener ist, so kann es nicht Wunder nehmen, dass durch einen Willensakt, durch sittliches Wirken, die durch einen elementaren Akt, eine instinktive Macht hervorgerufene Trennung beider Religionen beseitigt wird. Selbst einem Aoosta, der mit dem Christenthum weniger als mit dem Judenthum zerfiel, stellten sich beide als Gleichartiges dar. Er greift beide gleichzeitig an, dem Christentham bestreitet er die Ewigkeit der Strafen, dem Judenthum den göttlichen Ursprung der Gesetzgebung. Ja er greift die evangelische Lehre auf Grund der mosaischen, dieee wiederum zugleich mit jener auf Grund naturwissenschaftlicher Erkenntniss an, eine Inkonsequenz, die mehr auf mangelnde logische Schulung, als aut einen Widerspruch in der Seele des unglücklichen j Mannes zuräokzaführen ist. Bemerkenswerth j dürfte in dieser Beziehung ein Vergleich der oben angeführten Stelle über die Zeitlionkeit der alttestameatliohen Belohnungen und Strafen mit der folgenden sein: ״Was immer gut ist in dem Gesetz Moses und in irgend einem anderen, das enthält das Gesetz der Natur in vollem Masse in sioh. Wenn von dieser natürlichen Riohtsohnur nur ein wenig abgewiohen wird, so entsteht unter den Mensohen ein Streit, seelischer Streit und Ruhelosigkeit. Naturgemäss lieben wir die Kinder wie diese die Eltern. Naturgemäss wollen wir, dass alles was unser ist, erhalten bleibe, und hassen die, die unseren Frieden störe n und uns das Unsrige mit Gewalt oder Trug nehme n wollen. Aus diesem unserem natürlichen Willen folgt das offene Urtheil, dass wir nämlich nie das begehen dürfen, was wir an Anderen verurtheilen. Hinsiohtlioh der Speisen wird das Urtheil am besten den Aerzten überlassen, die angemessen darlegen, welche Speise heilsam ist und welche schadet. Was die anderen Ceremonieen, Ritualien und Bestimmungen betrifft, so sind wir damit in beklagenswerthe Labyrinthe gerathen. Daher sind die Christen grossen Lobes würdig, da sie alles jenes abthaten und nur das behielten, was auf ein gutes Leben Bezug hat. Aber weder das mosaische noch das evangelische Gesetz enthalten etwas Höheres und Vollkommeneres, als das Naturgesetz. Wenn es nicht unmöglich ist, den Feinden natürlich wohlzuthun, was auch ohne Liebe geschehen kann, so dürfen wir schon nioht behaupten, dass eine solche Vollkommenheit im Gesetze der Natur nicht einbegriffen sei.“ Dass die Liebe etwas Naturgemässes ist, bedurfte keiner Begründung. Aber dass die Kainsnatur, das radikale Böse, ebenso naturgemäss im Menschen waltet, ist aus dem einseitigen :Standpunkte Acostas nicht ersichtlich. Gerade hierin aber liegt das Wesen der Religion, dass der Mensoh das Böse in sich überwindet, den Widerstreit de» sittlichen und sinnlichen Daseins aussöhnt, die Materie der Form, den subjektiven Willen den Ideen unterwirft. Ob und in wie weit Acosta mit seinen Behanptungen im Recht sein mochte, hat seinem Gegner Daniel Levi de Barrios zu bestreiten nicht beifällen wollen. Dieser Zeitgenosse und Gegner desselben bescheidet sich damit, Acosta’s Thun und Lassen im Lichte des rechtgläubigen Jadenthums darzastellen und seine Lebensschicksale als nothwendige Folge seiner Denkweise und Handlungsart zu erklären. In der That bedurfte •Acosta’s Auflassung keiner Wider- 1 legung im theologischen Sinne. Da er seine Ueberzeugang als das Ergebniss seines Nachdenkens hin- ( stellte, musste es vergebliche Arbeit sein, ihn zur | jüdischen Anschauung zu bekehren. Nur eine Beweisf'ührung hätte dem Zweifler genug gethan, und . eben diese ist es, die von der Religion nicht herbei- 1 gebracht werden konnte. Sie verlangt nur Glauben und gläubigen Gehorsam und verschmäht es, dasjenige, was sie auf ethischem Wege nicht bewirkt, auf dialektischem Umwege zu erreichen. Es konnte dem Gläubigen nur übrig bleiben, sich gegen den Angriff auf seine Religion in sein Gewissen zurüokzuziehen, die abweichende Meinung als Ungehorsam zu charakterisieren and mit den Worten Josua’s vor sich selbst und vor der Welt zu rechtfertigen: ״Gefällt es euch aber nicht, dass ihr dem Herrn dienet, so erwählet euch heute, welchem ihr dienen wollet; dem Gott, dem eure Väter gedienet haben jenseit des Wassers, oder den Göttern der Amoriter, in welcher Lande ihr wohnet. loh aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ Jede Argumentation andererseits musste nothwendig auf dasjenige hinauslaufen, was. Acosta mehr aphoristisch and nn-

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