Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 35. (28.8.1890)
- Date
- 1890-08-28
- Page
- Seite 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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13« als Gewinn ansetzen and mnssten diese Sätze eidlioh als richtig nachweisen Hexerei nnd Zauberei war ein in unserer Gegend in damaliger Zeit ein allgemein verbreiteter Glaube, der auch heute noch hier gerade anzutreffen ist. In Zempelburg, Hammerstein, Dt.• Krone, Sohneidemühl, Könitz u. 8. w. wurden mehr• faoh solche angebliche Hexeu und Zauberer mann• liehen als such weiblioben Geschlechts öffentlich verbrannt. Sehr streng wurde auch der Pferdediebstahl bestraft, härter als Mord und Todschlag. Während in Zempelburg noch 1767 auf öffentlichem Marktplatze ein Jude, namens Jaoob Hirsch, wegen Pferdediebstahls hingerichtet wurde, wurde ein Katholik, der seinen Bruder ermordet hatte, nur aus Z. und Umgegend wegen dieser Fievelthat verbannt. Als Friedrich der Grosse in den Besitz des Netze-Disirikts, zu dem auch der Kreis Flatow gehörte, gelangte, liess er 4000 Jaden aus diesem Distrikte ergreifen und ohne weiteres nach Polen spediren; wie er überhaupt nur solchen Juden, die ein bestimmtes Vermögen aufweisen konnten, den Aufenthalt gestattete. Im Jahre 1780 beschwerte sich das Bäckergewerk in Flatow über die vielen Juden, die ihnen in’s Handwerk pfuschten. Es wurde darauf bestimmt, dass nur zwei Juden, und diese auch nur für Juden, backen durften. Häuser, in denen Christen wohnten, durften die Juden nicht kanten und noch im Jahre 1805 wurde einem Juden in Zempelburg die Conzession zum Ankauf eines Hauses verweigert, weil die dortigen Juden schon 47 Häuser besässen d. h. mehr, als nach dem General-Juden-Beglement die Judenschaft Berlins besitzen dürfe. Auch heirathen durften die Judeu nicht ohne Erlaubniss der Behörden und mussten ein gewisses Vermögen nachweisen, wenn diese Lizenz ertheilt werden sollte. Zu diesem Zweckn mussten die bei den Jaden üblichen ״HeirathsVerträge* in Uebersetzung ans dem Hebräischen eingereicht werden. Waren in einer Stadt viel Jeden, 80 wurde einfach dekretirt, diejenigen, die sich nicht genügend über ihre Subsistenz answeisen könnten, zu vertreiben. Aus Zempelburg, welohes von jeher eine grosse jüdisehe Gemeinde hatte, sollten einst 19 snloher Familien vertrieben werden und nar durch die Fürsprache des menschenfreundlichen Grafen Potnlicki, wurden die Unglücklichen vor diesem Schicksal bewahrt. Der Graf verbürgte sich dafür, dass sie den übrigen Bewohnern nicht zur Last fallen würden. Die Be- Schränkungen, welche die Jaden im Kreise Flatow abhielten, sich in den Genass der Vorzüge za setzen, welche ihren christlichen Mitbürgern gewährt waren, wurden 1812 zam Theil aufgehoben and wenigstens auf communalem Gebiete hatten sie nun mit letzteren gleiche Rechte. Der am 1. Mai 1808 in Kraft getretene Code Napoleon stellte sie auch auf juridischem Gebiete den Christen gleich. Als am 9. November 1816 die Bestimmungen des Code Napoleon anfgehoben wurden and das ״ Allgemeine Landrecht“ an seine Stelle trat, warde die so spärlich errungene Gleichstellung der Jaden mit den anderen Bewohnern aufrecht erhalten. 1847 erhielten die Jaden Corporationsrechte. Gegen das Ende des Jahres 1864 wurden im Kreise Flatow unter 60677 Einwohnern 2916 Juden gesählt d. L 4,7•/, der Bevölkerung. 12 Jahre vorher wohnten 3107 Juden im Kreise, so dass sie 8ioh in dieser Zeit am 6,14'/, vermindert hätten. Dieser Bückgang erklärt sich daraus, dass die Jaden dieses Kreises, welche grösstentheils vom *Handel lebten, nach grösseren Städten oder in benachbarte Kreise übersiedelten, oder sich jenseits des Meeres eine neue Heimath gründeten. Auf dem Lande wohnten 1861 etwa 400 Jaden, während 60 Jahre früher da• aelbet nur 20 Jaden zu finden waren. Dieee starke l Auswanderung von den Städten naoh den Dörfern I hatte in den zurückgegangenen Erwerbsverhältniisea 1 ihren Grund. Im Jahre 1S61 waren im Kreise an• sässig 823 Judeu, 80 dass die Städte am diese Zeit eine "nur geringe jüdisohe Bevölkerung aufzuweisen hatten.*; Von diesen trieben 15 Landwirtschaft. Tagelöhner im eigentlichen Sinne des Wortes fanden sich unter den Juden im Kreise nioht; nicht etwa weil der Jude ״wie viele Christeu fälschlich annehmeu, zu träge ist (Trägheit liegt nicht im jüdisohea Characteri: sondern er ist zu stolz dazu.“ — Was■ nun die Verhältnisse der Juden bezüglich ihres religiösen Lebens aubetrifft, so hat die Stadt Camin eine Synagoge, welche 1 S0‘> erbau׳, wurde uud bei dem 1822 in dieser Stadt sta'.tgehabteu gros-en Brande unversehrt geblieben ist. Die Ju lengemeiuds Flatow’s be• sitzt ein Privilegium aus dem Jahre 1730, welches der Starost von Nakel, Augustin Dzialyuski, und dessen Bruder ausgestellt haben. Auch hatten sie eine besondere Conzession vom Erzbischof zu Gnesen, die aus dem Jahre 1090 stammt. K ich dem vorher genannten Privileg hatteu die Jaden in Fiatow das Beeilt, zu brauen, zu breuuen, Brot zu backen uni mit allen Waaren zu haudelu, ״die auf der Welt zu I finden sind.“ Hierliir hatten sie an den Grundherrn! jährlich 8.0 Tyrnfe t'17=90 Pf.) zu zahlen. Ausserdem hatte jeder Hausbesitzer 8, jeder Einwohner; 4 Tyrnfe zu zahlen. Zu ilartiui mussten sie 15 Steni; Talgund 10Maass Schaffüsse abliefern. '״Der Rab binar! war steuerfrei.“ Die Stadt hatte eine Synagoge, aut! welcher! 177 D verschiedene Kirchen uud Kapellen Geld im Betrage von 20 040 Floren eingetragen hatten. In! der Nachbarstadt Krojauke haben schon 1783 etwa 200 Juden gewohnt, im Jahre 1851 wohnten daselbst 648 Juden, heute etwas mehr als die Hälfte der letzt- : genannten Zahl. Im Jahre lt<06 erhielt der Jude i Salomon Jtzig die Conzession eine Brauerei zu erbauen. 1 Die jetzt dort vorhandene Synagoge ist 1842 gebaut i worden. Die Stadt Vandsburg, welche heute 100 jüj dische Seelen in ihren Mauern beherbergt, zählte 1864 I noch 312 jüd. Bewohner. Eine Synagoge besitzt die | Judenschalt dieser Stadt erst seit 1810. Die grösste I Gemeinde im Kreise besitzt die Stadt Zempelburg. 1804 zählte Z. 1058 Judeu, 1804 nur noch 988 und heute nur etwas über 800 Seelen. Aber schon im I Jahre 1783 wohnten in Z. 581 Juden. Die grösste : Zahl jüdischer Bewohner war dort 1853, nämlich I 1218 Seelen. Im Jahre 1781 entstand in einem Jaden-; hanse aus Unvorsichtige^ ein Feuer, dass 52 von i Jaden bewohnte Häuser in Asche legte. Am 8. Mai : 1806 enstand abermals ein Feuer, wobei beide ״Judenschulen“, von denen die. grössere 1734 erbaut worden, ein Raub der Flammen wurden. In Zempelburg haben : sich 1644 die ersten Juden angesiedelt, die anfangs; von den Grnndherren sehr begünstigt wurden. Es; geschah dies weniger aus Menschenliebe, als aus Eigennutz, denn die Stadt blühte durch den von den jüd. Bewohnern betriebenen Handel bald empor. Die jetzt dort befindliche Synagoge ist 1808 erbaut und haben viele nnd gelehrte Rabbiner in ihr gewirkt. Augenblioklich ist Z. die einzige jüdische Gemeinde im Kreise, die einen Rabbiner besitzt. Zum Schluss sei *) Nach der letzten Volkszählung wohnen im Kreise Flatow 2500 Juden. Hiervon haben in den 5 Städten des Kreises ca 2000 ihren Wohnsitz während der Best sich aut die eiazelnen Dörfer des platten Landes vertheilt und sind in fasst allen Dörfern einzelne oder auch mehrere jüdische Familien za finden. In den einzelnen Städten vertheilsn sich die jüdischen Bewohner iolgendermassen: Die Kreisstadt Flatow, eine der ältesten nnd früher gröeten jüdischen Gemeinden, in der bedeutende Talmndisten gelebt nnd gewirkt haben, zählt jetzt 440 jüdische Seelen. Die Stadt Zempelburg zählt 894, Krojanke 484, Vandsburg 100 und Kamin 70 Seelen.