Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 31. (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
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0 120 — gegeuaoldeudert: s— wenn Sie aioht an Christas glauben, sind Si« elender, als ich aasspreohen kann — Sie leugnen, dass Christas dee lebendigen Gottes Sohn, das Wort der ewigen Weisheit das Vaters, sich im Fleische geoflbnbart and für das Menschengeschlecht gelitten habe and gekreasigt worden sei“.*) Was hätten diese Worte für eine Bedeutung, wenn Spinoza getauft wäre? Oder sollte er sich vielleicht, wie Heine, heimlich, versteckt, für sich allein das Qeheimniss bewahrend, haben taufen lassen? öffentlich ist niahts davon bekannt'geworden. Von Heine konnte man das allerdings erwarten, aber kann ein Spinoza seine '.Religion wechseln wie man ein .Kleid wechselt? Maas er sum Christentham über- )gegangen sein, weil er einige Grundsätze desselben ׳nach seiner eigenen Auffassung für richtig fand? Nein, das Christenthum, von dem er spricht, ist überhaupt ein ganz anderes, und nicht das allgemein verbreitete, nicht das, welches wir kennen. Das Granddogma der christlichen Beligion ist bekanntlich die Menschwerdung Gottes, and daran glaubte er in erster Beihe nicht. Er glaubte nicht an den ־Gott, den sich die Menschen in ihrem Ebenbilde geschaffen ׳, ebensowenig glaubte er an einen Sohn Gottes im gewöhnlichen Sinne, denn er meint: ,dass es zur Seligkeit nicht durchaus nothwendig sei, Christum nach dem Fleische za kennen, aber von jenem ewigen Sohne, *d. h. von der ewigen Weisheit Gottes, die sieh in allen Dingen, and besonders im menschlichen Geiste — vor allem am meisten in Jesus Christus — geoffenbart hat, muss eine ganz andere Ansicht ,gelten“.**)' Ebenso wenig glaubt er an eine körperliche Auferstehang Christi von den Todten, die er für allegorisch hält; hingegen nimmt er seine Leiden, seinen Tod und Begräbniss wörtlich, wie es auch ohristliohe Forscher nach ihm gethan haben, die aber als Abtrännige, und nicht mehr als Christen betrachtet wurden. Wunderglaube und Unwissenheit waren ihm eins, desshalb konnte er auch an die Wunder der heiligen Jungfrau nicht glauben,***) und alle diese Dinge schienen ihm so widersinnig, als wenn ihm Jemand sagte: der Kreis habe die Natur des Quadrats angenommen.-}־) 80 schrieb er seinem langjährigen Freunde Oldenbarg, welcher in einem erst jüngst aafgefandeoen und veröffentlichten Briefe von ihm noch einmal auf die Einwürfe Spinoza’8 zurüokkonnnt, indem er am Schlüsse desselben rekapitulirend sagt: ״— die Auferstehung Christi sei ebenfalls wörtlich zu nehmen; gilt sie nur allegorisch, so ist das ganze TCvangelium eine Lüge. Wer diese in Allegorien verwandelt, macht sioh ein Geschäft daraus, alle historische Wahrheit , za zerpflücken. * ff) Wenn sein bester Freund in dieser Beziehung in eine Ueinungsdifierenz mit ihm geräth, so dass der Ton der Freundschaft in seinen letzen Briefen auffallend erkaltet, dann ist wohl nicht viel von seinem Christentham zu halten, welches durch seine Grundsätze nioht weniger untergraben wird wie das Jadenthum; dass er Christus für einen aassergewöhnliohen Menschen hält, würde keinem Christen genügen. Es bliebe uns nur noch zu erwähnen, wie er über die Formen denkt, durch welche die Religionen im Allgemeinen zusammengehalten ״werden, und daroh welche sie sioh äusserlich unterscheiden. *) Brief 7*. •*) Brief No. 81. ***) Brief 60. f) Brief No. 21. ff) Kaao Fischer, Gesch. der neuen Philosophie. ||Was die Oeremonien der Christen betrifft, sagt er in seinem Traktat, nämlioh die Taufe, das Abena• mehl, die Feste, die äusserliohen Gebete und ähnliohe Ceremoniea, die dem ganzen Christentham ge• mein sind und immer waren, so sind sie wenn sie jemals von Christus oder den Aposteln eingesetzt worden sind — was mir noch nioht sattsam gewiss ist — am als äasserliohes Zeichen. der allgemeinen Kirche, keineswegs aber als Dinge eingesetzt, die etwas zur Seligkeit beitragen, oder etwas Heiliges in sioh enthalten.“ Naoh diesen Erklärungen dürfte es keinem Mensohen einfallen, Spinoza für einen Christen za halten, und es bedarf wohl keines äassern Zeugnisses mehr, um jedes Gerüoht von seinem Uebertritt für unbegründet zu halten.*) Wem das aber noch nioht genügen sollte, der wird sioh hoffentlich von einem Manne überzeugen lassen, der nur wenige Jahre nach dem Tode unseres Philosophen in demselben Zimmer, in welchem er früher gewohnt hat, seine Biographie verfasst hat, und das war der damalige Prediger an der lutherisohen Kirche im Haag, Johannes Colerus. Er beschäftigte sich fieissig mit seinen Werken, unterhielt sioh oft über ihr mit van der Spijck und seiner Frau, die ebenfalls lutherisoh waren, hielt gewissenhafte Nachfrage bei allen, die ihn persönlich kannten,, and theilt uns über diesen Punkt mit: ״Spinoza hat niemals weder das Christentham angenommen, nooh die heilige Taufe empfangen, und obgleich er seitdem er das Judenthum verlassen, häufige Unterhaltungen mit einigen gelehrten Mennonten, wie mit den aufgeklärtesten Männern anderer christlichen Sekten hatte, hat er sioh nie für irgend eine erklärt, noch zu einer derselben bekannt.“ Er wurde im Allgemeinen für einen Atheisten gehalten, und hätte er mit seinen Ansiohten nur fünfzig Jahre früher in Spanien oder in Italien als Christ gelebt, dann wäre es ihm wahrscheinlich nioht besser ergangen, wie vielen Andern, und ganz besonders wie seinem Vorgänger und GesiuaungsgeuossenGiordauo Bruno, der naoh langen Irrfahrten wegen seiner pantheistisoneu Ideen im Jahre 1600 als überwiesener Ketzer und Gottesleugner in Rom lebendig verbrannt wurde,‘dem aber nunmehr sein unterdessen frei und einsiohtsvoller gewordenes Vaterland in derselben Stadt ein Monument errichtet hat. Wie sich die Zeiten doch ändern! Was in einem Jahrhundert in einem Lande verdammt wird, wird im nächsten, nicht blos in einem andern, sondern in einem und demselben Lande von den Enkelkindern hochgehalten und verherrlicht. Darum sollen die Menschen auch nicht allzusehr auf die Unfehlbarkeit ihrer Meinungen pochen, und wenn einmal jemand von denselben abweicht, nicht gleich mit Verbannung und Verbrennung zur Hand sein. Ist es doch schon schlimm genug, dass viele bedeutende Männer dem traurigen Schicksal anheimfallen, von ihren Zeitgenossen verkannt, als wäre ein Menschenleben zu kurz um von demselben verstanden zu werden, und dass ihnen erst der Tod die Pforten zum Tempel des Ruhmes öffnet. Zu diesen Verkannten gehörte auch Spinoza, und wer weiss, wie es ihm sogar in den freien Niederlande ergangen wäre, wenn er nicht durch sein anspruchsloses Wesen, und durch sein bescheidenes Auftreten nach und nach seine Widersacher entwaffnet, und ihnen daduroh den Glauben beigebracht hätte, dass er gar nicht so gefährlich sei, wie man ihn sich dachte. ' (Schlau folgt.) •) Knno Fischer, Gesch. d. neaen Phüosophie Bd. 1 Th. 2.