Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 19 (1890)
- Issue
- N° 21. (22.5.1890)
- Date
- 1890-05-22
- Page
- Seite 81 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492408-6575064-8757763--1980-4857021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
von Postsendungen warteten, meist aafgefordert, in das Briefträgerzimmer an kommen. Nach and nach gewöhnte man 8ioh an ihre Anwesenheit in diesem Raume und lies sie sogar zum Sortieren der Briete za. Später änderten eich die Anschauungen und Sitten schon so weit, dass man Jsaao Hayam Schuster abwechselnd mit den anderen Briefträgern den Wochendienst anvertraute, d. h. er musste die Briefe bei dem Bureaubeamten abholen and unter die Briefträger vertheilen. Dadurch lernten ihn auch die höheren Beamten kennen nnd seine Brauchbarkeit würdigen. Er hatte nämlich, von grossem Bilduagsdrange getrieben, weit mehr Wissenjsich angeeignet, als seine christlichen Kollegen. Er war im Latein und Französischen, sowie in der Algebra bewandert und war also auch für die Bureauarbeiten eine schatzbare Kraft. Bald wurde auch von Seiten des Fürsten von Thum nnd Taxis seine Gleichstellung mit den Christliehen Kollegen anerkannt. Der Anlass dazu war seltsamer Natnr. Eine in Frankfurt wohnhafte hohe Persönlichkeit erhielt einen Schmäh brief und wandte sich an den Generalpostdireotor, um den Absender zu ermitteln; dieser konnte iedess nichts in der Sache thun, da der Brief nicht eingeschrieben war und es sich nicht einmal feststellen liess, ob ein Briefträger oder eine Privatperson ihn in das Haus gebraoht hatte. Briefstempsl gab es nämlich damals noch nicht, auch tragen die Briefträger in Frankfurt weder Uniform noch Abzeichen, wie es an anderen Orten bereits gebräuchlich war. Jener Vorgang nun gab den Anstoss dazu, dass die Briefträger auch ia Frankfurt Uniformen erhielten. Sioh solche für ihr eigenes Geld .anzuschaffen, empfanden sie als eine drückende Last und reichten deshalb dem Fürsten von Thum und Taxis eine Petition um Bewilligung von Uniformsgeldern efn, die der Generalpostdireotor befürworten sollte. Die Genehmigung kam mit dem Bemerken zurück, dass, trotzdem nar drei Briefträger unterzeichnet hätten, auch dem vierten, Namens Schaster, der sich wahrscheinlich aus Bescheidenheit aasgaschlossen habe, das Geld za bewilligen sei.*) Die Gleichberechtigung Schusters mit seinen Amtsgenossen, hinderte jedoch nicht, dass er den versebiedensten Anfeindungen ausgesetzt war. Cbarakteristisch dafür ist eine Beschwerdeschrift, die am 3. März 1808 die Börsen Vorsteher dem Generalpostamt einreichten.*) Sie führten darin über mehrere Unzuträglichkeiten Klage, unter anderem auch über die allzagrossen Freiheiten, die man dem Judenbriefträger einräume. So wünschen sie, dass diesem künftighin während des Sortierens der Briefe der Zutritt zum Postbureau verboten werden möchte; denn hier könne er erspähen, wieviel Briefe jedes christliche Handelshaus erhielte, und woher dieselben kämen, so dass die jüdischen Kaufieate eine genaue Kontrole des ohristliehen Geschäftsverkehrs hätten. Nooh evidenter wäre aber der Naohtheil, der den christlichen Kaufleuten daraus erwüchse, dass die Juden ihre Briefe eher als sie erhielten, der Judenbriefträger maohe sich nämlich, da er 2 Pf. für jeden Brief empfange, eine schnellere Austragung zur Pflicht. Ausserdem lägen aber immer eine Menge ״ Juden-Bursche“ auf der Lauer, die sofort in die angesehensten jüdischen Comptoirs liefen, wenn die Post eingetroffen wäre; nnd ehe nooh die ohristliohen Briefträger ihre Briefe berechnet und sortirt hätten, seien die Juden bereits im Besitze der ihrigen. *) Der Privataekretär des Fürsten von Thum nnd Taxia> der früher im Frankfurter Postdienste thäfig gewesen war, hatte nämlich den Fürsten auf den Jndenbrjeiträger aufmerksam gemacht. *) z. T. abgedrackt bei Faulhaber, Geschichte der Poet zu Frankfurt a. M. * ״ ' ) Es soheint, dass dieser Paukt der Beschwerde»! sohrifb nicht berücksichtigt wurde, wenigstens erfahren wir nioht, dass dem Judenbrieftriger anderweitige Verhaltnngsmassregeln gegeben wurden. Nach dem Ausscheiden Schusters ans dem Postdienste wurde kein Judenbriefträger mehr angestellt. Die Juden wohnten zerstreut unter ihren ohristliohen: Mitbürgern in allen Theilen der Stadt; die Thore des Ghetto waren längst niedergerissen. , Schusters Neffe nnd bisheriger Gehilfe verblieb freilich weiter im Postdienste, jedoch ganz unter den gl eichen Bedingungen und mit den gleichen Pfliohten,! wie seine clristlichen Kollegen. Als im Jahre 1867' die Postverwaltnng prenssisch wurde, trat auch er in den preussischen Staatsdienst über. (Frank£-Zeit) Recensionen. Kristeller, Samuel. Der ethisohe Tractat der Mischnah Pirke Aboth d. L Sprüche der Väter übersetzt. Berlin 1890. Verlag von Speyer und Peters. Der im Laufe der nächsten Woche seinen 70. Ge• bnrtstag feiernde verdienstvolle Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes bietet uns in vorliegendem Büchlein eine höchst geschmackvolle, theils prosaische, theils metrische Uebersetzang der. ״Sprüche der Väter“, des Codex jüdischer oder rioh-~ tiger allgemeiner Ethik. Wie der Herr Uebersetzer die Form meisterhaft za beherrschen versteht, wissen die Leser bereits durch eine Anzahl von Sprüchen, die in diesen Blättern vor Jahren veröffentlicht worden sind.*) Das anmuthige, gut ausgestattete Büchlein wird zuversichtlich eine grosse Anzahl Gönner finden, dafür bürgt nicht nnr der köstliche Inhalt, sondern auoh der Name des trefflichen Uebersetzers. Doch gegen eine Auffassung müssen wir mit aller Entschiedenheit Front machen, die Herr Dr. Kr. am Sohlasse seiner ״Vorrede“ mit folgenden Worten äassert: ,Der gelehrte Leser wird in vielen Sätzen eine Verwandtschaff mit den Lehren der Stoa nnd der Evangelien, erkennen. Wem von diesen dreien die Priorität gehöre, oder ob sie alle aas derselben uralten Quelle geschöpft haben, wird sioh wohl schwerlich mehr feststellen lassen.“ Dieser letzte Passus ist es, der unseren Widersprach herausfordert. Wohl verstehen wir des Herrn Geheimratbs Bemühen, jedem gereoht za werden, demjenigen, der mit seiner ganzen Gedankenrichtang im klassischen Altertbnm wurzelt, wie demjenigen, der in den Evangelien sein Hsil erblickt nnd schliesslich — last not least — auoh demjenigen, der noch nicht völlig׳ mit seinem Jadenthum gebroohen hat; aber wissenschaftlich ist es längst erwiesen,' dass das Jadenthum die Priorität in vollem Umfange für sieh in Anspruch nehmen kann. Und wenn der Herr Verf. mit seiner obigen Dednction sich nar an den ״gelehrten“ Leser wendet, so•»möchten wir zn bedenken geben, dass er weniger für diesen geschrieben, als für die grosse, vielfach urtheUloss Menge, die blindlings dem Urtheile där auf hohar Bildungsstufe Stehenden folgt, darum hätte der Harr Uebersetzer an den die Weisen zur Vorsicht in ihren Worten mahnenden Sprach Abtalions 1,11 denken sollen (den er anflallenderweise nnübersetat lässt). Auf die Sache selbst eingehend, verweisen wir auf das weitverbreitete, für das Volk bearbeitete ,Leben Jesu“ von Ernst fidnan, worin es bei der Gharacteristik der Bergpredigt, die Herr Dr. K. wohl vornehmlioh im Auge hat, wenn er von den ,Evangelien* *) Im Jahrg. 1876 n. 77 unter dem Pseudonym ״Althirn“. Die neue Uebersetzang enthält manche AenderuBgen.!Red.)