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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1890-02-06 · N° 6. (6.2.1890) · p. Seite 22

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
19 (1890)
Issue
N° 6. (6.2.1890)
Date
1890-02-06
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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1*־^ — 12 —!rändelt, und sein Geburtsjahr mit seinem Sterbejahr verwechselt findet II. ״Ueber die mittelalterliche litteratar der Juden n Frankreich und Deutschland.' Dieser Abschnitt ist iwiederum in verschiedene kleinere AbtheOungen getheilt, welche folgende Aufschriften führen: a) Einleitendes; b) Glossatoren (Tossafisten); o) Exegeten (Commentatoren); d) Grammatiker (Punctatoren); e) Sittenlehrer; f) Charakteristisches. In der letztgenannten Abtheilung findet sich eine Beschreibung des Unterrichts, wie qf im Mittelalter bei den franz. und deutschen Juden gang und gebe war, und folgender Auszug daraus dürfte wohl von allgemeinem Interesse sein. — Der erste Jugendunterricht begann mit dem hebr. Alphabeth, welches dem güd. Knaben mittels Bestechung von Kuchen und Süssigkeiten beigebracht wurde. Der Knabe wurde jeden Tag von einem Hilfslehrer des Morgens in die Schule getragen und Abends von demselben wieder von der Schule nach Hause zurückgebracht. Die reifere Jugend wurde im Hebräisch-Lesen, im Uebersetzen der Gebete sowohl, als auch des Pentateuchs und der Psalmen ׳ unterrichtet. Nach und nach wurden solche Schüler j mit dem Inhalt der Mischna und des Talmuds bekannt; gemacht, wobei der Unterricht in Seculargegenständen, wie Schreiben, Rechnen und Grammatik, ebenfalls nicht vernachlässigt wurde. Jünglinge von noch reiferem Alter erhielten ihre weitere Ausbildung in Talmud- Thora-Schulen oder im Beth-ha-Midrasch, wo tüchtige Talmudisten den Unterricht leiteten. Je tüchtiger ein solcher Talmndlehrer war, desto mehr wissbegierige Schüler sammelten sich um ihn, deren grösste Ambition war, einst die Rabbinerwürde zu erlangen. Da solche Schüler oft von auswärts und von weiter Ferne kamen, so wohnten sie meist im Hause ihrer Lehrer, und nicht selten kam es vor, dass solche auswärtige Schüler bereits verheirathet und sogar Familienväter waren, die später, mit dem Rabbinertitel ausgerüstet, in ihre Heimath zurückkehrten. — Was die Erziehung der Mädohen an langt, so war diese ganz einfach und von primitiver Natu^. Die Beobachtung gewisser Ritualien wurde ihnen zwar eingeschärft, doch war die Hauswirthschaft die wichtigste Beschäftigung, der sie sich zu unterziehen batten. Viele Mädchen und Frauen konnten jedoch Hebräisch geläufig lesen, und einige wussten sogar in der Bibel und im Talmud recht gnten Bescheid. UI. ״Bibliographisches“ oder eine Beschreibung seltener hebr. M.S.S., die in den verschiedenen äffe ntliehen Bibliotheken Europa’s dazumal aufbewahrt waren. Ebenso werden daselbst die Namen der Buchdrucker genannt, die vorzugsweise in Mantaa und Prag zwischen den Jahren 1476 und 1657 gelebt, und mittels ihrer Buchdruckereien den Druck mehrerer bedeutender hebr. Werke veranstaltet haben. IV. ״Das Gedächtniss der Gerechten.“ In diesem Essay werden verschiedene historische und archäologische Gegenstände kurz behandelt, und namentlich geschieht daselbst der vielen Segnungsformel Erwähnung, die in frühern Jahren bei den Juden in Gebrauch waren. 1 Ausser den vier angeführten Essays kommen in | dem fraglichen Werke ״Zur Geschichte und Litteratur“ j noch drei andere interessante litterarische Abhandlungen j vor, welche zur Aufschrift haben: ״Die jtid. Dichter , in der Provence“; ״Die Geschichte der Juden in Sizij lien“; und ״Die (hebr.) Münzkunde“. Schon die Titel allein beweisen zur Genüge, welchen Riesenlieiss Zunz! hatte aufwenden müssen, um im Stande zu sein, die! wichtigen Resultate seiner litterarischen Untersuchungen ״zu veröffentlichen. Ja, man kann nicht umhin, dem; Verfasser eines solchen epochemachenden Textbuches für jeden Forscher auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums das grösste Lob zu zollen, wenn pütn ausserdem bedenkt, wie spärlich zu seiner Zeitigte Quellen waren, woraus er Material für die Abfasf‘* seiner zahlreichen Werke schöpfen konnte. Alte,. fallene und unleserliche Grabsteine, vergilbte M.&»., deren Existenz nur wenigen Gelehrten bekannt war, und endlich, kurze Notizen, die sich in seltenen und nur Wenigen zugänglichen Druckwerken vorfanden, bildeten für Zunz eine Fundgrube unerschöfliohen Wissens und Forschens, dessen Resultate er der Mit- und Nachwelt in seinen unsterblichen litterarisohen Werken bekannt gab. Solche Aufopferung von Zeit und Fleiss für eine Wissenschaft und Litteratur, um die sich Niemand kümmerte, und deren Studien und Bearbeitung keine materielle Vortheile in Aussicht stellten, konnte man nur von einem Manne wie Zunz erwarten, der für beide eine seltene Liebe und Begeisterung bekundete. Davon legt er wiederholentlich in seinen Werken Zeugniss ab, und besonders characteristisch sind einige Stellen, die in der Vorrede zu der besprochenen Abhandlung ״Zur Geschichte und Litteratur“ Vorkommen, und die folgendermassen lauten: ״Sie (die jüd. Litteratur) ist auch aufs innigste mit der Cultur der Alten, dem Ursprung und Fortgang des Christenthums, der wissenschaftlichen Thätigkeit des Mittelalters verflochten; und indem sie in die geistigen Richtungen von Vor- und Mitwelt eingreift, Kämpfe und Leiden theilend, wird sie zugleich eine Ergänzung der allgemeinen Litteratur, aber mit eigenem Organismus, der nach allgemeinen Gesetzen erkannt, das Allgemeine wiederum erkennen hilft. Ist die Totalität der geistigen Betriebsamkeit ein Meer, so ist einer von den Strömen, welche jenem das Wasser zuführen, eben die jüdische Litteratur.“ (Forts.folgt.) lieber die Sabbotniks. Zur Ergänzung des Artikels ״Die Sabbotniks in Sibirien“ — (in Ihrem werthen Litteratur-Blatte No. 2) kann ich Ihnen authentisch berichten, dass die Sabbotniks — (richtiger Sabbotniki geheissen) — nicht nur in Sibirien, d. h. im asiatischen Russland, sondern auch in dem europäisch russischen Gebiete zwischeq^dem schwarzen und kaspischen Meere sich befinden, in Tiflis, der Hauptstadt von Georgien und Kaukasien, wohnen gegen 300 Familien der Sabbotniki. Während die im obenbezeichneten Berichte angegebene Stadt Tomsk in Sibirien 650 Meilen von Petersburg liegt, ist Tiflis nur 300 Meilen von Petersburg entfernt aud haben hier die Sabbotniki ihre schöne Synagoge unter Leitung ihres Rabbiners Namens Krawcow. Fast alle israelitischen Feiertage werden von den Sabbotniki fromm eingehalten und sind sowohl die in Tiflis als die in den umkreisenden georgischen und kaukasischen Dörfern — auch mehrere hundert Familien — wohnenden Sabbotniks äneserst solide, beliebte Handwerker, von denen der reichste — man sagt fast Millionär — Papkow heisst. Uefcer deren Bekebrung im 8. Jahrhundert bat vor einigen Jahren der berühmte Forscher Renan in 6einem Vortrage : ״Ob das Jadenthum eine Rasse sei‘ näher aasgeführt, wie die Araber, Abessynier und Tartaren vom kaspischen Meere bis zur Krimm (Chararow im ä. Jahrhundert) zum Judenthume bekehrt wurden. Ueberhaupt haben die in Tiflis noch wohnenden armenisehen, persischen, grusinischen Juden ebenso wie die Sabbotniki ihren eigenartig verschiedenen Kultus und eigene Synagogen. Aber die Sabbotniki haben in Russland volles Aafenthaltsrecht gleich den Karaiten (auch Carain en genannt), deren ,Oultus ausreichend bekannt ist. E. B.

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