Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 52. (28.12.1888)
- Date
- 1888-12-28
- Page
- Seite 202 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492408-6488258-9805979--1603-4856714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 202 -־- wir nioht minder bei, wie der Bemerkung, dass die Zusammenstellung noch nioht erschöpfend sei Auf das hochinteressante Thema biblischer und talmudischer Anklänge in weltlichen deutsohen Dichtungen, das su behandeln wir in diesem geschätzten Blatte bereits in No. 2 de 1886 begonnen, werden wir, 80« bald es unsere Zeit gestattet, gerne weiter eingehen und dabei auf Hehn’s Arbeit zurüokkommen. Was S. 57 in Bezug auf Maybaum’s Aufsatz über die Zerstörung des Tempels und desProphetenhauses zu Silo bemerkt wird, lässt sich nioht anfechten: neben Interessantem enthält der Aufsatz manche oonstruotive Wagnisse; dass aus Arnos 7,12 das Vorhandensein von Prophetenhäusem bei jedem Heiligthum folgen soll, will Herrn S. nicht einleüohten, uns ebensowenig; und auf gleich unsicherem Boden schweben mehrere Behauptungen Maybaum’s. Bahmer’s haggad. Analekten aus den ps.-hieronym. Quaestiones (ans der Jubelschrift zu Grätz’ 70. Geburtstag) werden S. 70 lobend hervorgehoben und sie verdienen es als Proben gediegener Forschung inmitten der widerlichen Hypothesensuoht mancher Gelehrtenkreise. Ziemlich’s Untersuchung über das Machsor Nürnberg wird S70 ״ als gründlich gerühmt und als wichtige liturgische Arbeit der Aufmerksamkeit der Fachmänner empfohlen. Also war Herr Dr. Ziemlich seiner Zeit doch wohl einigermassen befähigt und befugt, dem beispiellos bescheidenen ״liturgischen Schriftsteller“ Techen heimzuleuchten. Gesteht doch selbst Herr Siegfried S. 77 unumwunden, dass Herrn Prof. Lagarde die Vertheid igung Techen’s nicht geglückt ist; namentlich scheint ihm Ziemlich’s These unangreifbar, dass, wer ein liturgisches Werk bearbeiten wolle, auch Liturgiker sein müsse, und ebenso scheint Ziemlich ihm, Herrn Siegfried, den Nachweis geliefert zu haben, dass es Techen an den wesentliehen Eigenschaften eines Machsoreditors fehle. Kaufmann’8 Schrift gegen Lagarde, die wir in d. Bl. wiederholt besprochen, nennt Herr Siegfried (S. 77) sehr gelehrt und in nicht wenigen Punkten schlagend, aber auch — ist es denn nur möglich?! — sehr boshaft. Dieses Prädikat kommt weit mehr der litterarischen Demimonde za, die sich einmal lammfromm den Anschein giebt, der antisemitischen Verwilderung entgegenzutreten, dafür aber zehnmal das antisemitische Löwenfell umhängt, aus dem deutlieh genug heraustönt: ״Der Jude wird verbrannt“ Die unsagbaren Gemeinheiten dieser litterarischen Demimonde hat Herr Siegfried unseres Wissens noch niemals gebührend missbilligt. Wir betonen: geb ährend! Herr Siegfried wird uns verstehen. Auch in denBeiträgen der übrigen Mitarbeiter haben wir Mancherlei gefunden, was uns anzog, Mancherlei was uns za Betrachtungen und Fragen anregte. Heben wir nur Einiges heraus. S. 187 bemerkt Herr Prof. Karl Benrath-Bonn (in -seinem Bericht über Kirchengeschichte von 1517 bis 1700), dass zahlreiche Kompilationen offenbar dazu bestimmt sind, der in den Hunderten von klerikalen Blättern und Blättchen gepflegten frechen Polemik gegen den Protestantismus als Fundgrube zu dienen; and S. 361 konstatirt Herr Prof Lipsius (in seinem Bericht über Encyklopädie, Beligionsphilosophie, Apologetik, Polemik, Symbolik Dogmatik), dass der innerprotestantisohe Kampf der verschiedenen theologischen Bichtungen in Deutschland von den Kirchenzeitungen vielfach in dem bisherigen Tone fortgesetzt wird. Darauf verweisen wir alle hoohkirchlichen Antisemiten, die sich so wonniglieh freuen, wenn hin und wieder die verschiedenen Sichtungen innerhalb des Jadenthums sioh bekämpfen, und zwar keineswegs gleioh den viel zahlreiohem verschiedenen Biohtangen innerhalb des Christenthums — wegen Grandlehren der Beligion; darauf verweisen wir aber aaoh alle judenbekehrungs - süohtigen Seligmaoher und fragen sie, wem die begehrten Jaden sioh ansohliessen sollen, ob den Katholiken oder Protestanten und weloher von den versohiedenen Sekten der letztem, um es allen Christen reoht zu machen; darauf verweisen wir endlioh alle Zetersohreier, welohe die ganze Jadeuheit und nur diese für die Störung des kirchlichen Friedens und die Untergrabung des Christenthums verantwortlich maohen, wenn einmal ein najnenjüdisoher Skribent •gegen dasselbe eine Taktlosigkeit begeht. S. 310 betont Herr Dr. Farrer-Zürioh (in seinem Bericht über Beligionsgesohiohte), dass der Geist der israelitischen Beligion so wesentlich von dem der ägyptischen verschieden sei, dass diese höchstens das eigenartige Gottesbewasstsein Israels geweckt, aber nicht erzeugt habe. Die Leidenschaft, mit der so oft nach Aegypten als der ersten Heimath der jüd. Beligion hingewiesen ward, mildert sich allgemaoh, trotz Schiller’8 ״Sendung Moses“. — S. 406 führt Herr Konsistorialrath Dr. Ehlers- Frankfurt a. M. (in seinem Bericht über Praktische Theologie ausser Kirohenreoht und Kirohenverfassung) aus, wie in den weitesten Kreisen der lebendig betheiligten Glieder der evangelischen Kirche die Ueberzeugung verbreitet sei, dass für das gottesdienstliche Leben eine neue Form gefunden werden müsse; wie das Verlangen nach liturgischer Ausgestaltung und Bereicherung des Gottesdienstes allgemein sei und selbst diejenigen, welche für die zum Theil recht voreiligen Versuche der Neuzeit wenig Sinn haben und vor Ueberstürzung nicht oft und nioht nachdrücklich genug glauben warnen zu können, doch zugeben, dass die Vertreter der Kirche sich auf die Dauer den immer dringlicher werdenden Forderungen nicht werden entziehen können. Wie wird dem getauften Verfasser der ״Gedanken eines Juden“, welcher wähnte, dass die Liturgie der evangelischen Kirche so gar nichts, die Liturgie der Synagoge so gar viel zu wünschen übrig lasse, wie wird den gesinnungsverwandten Beligionsschacherem beim Lesen jener Ausführung? Als wir 8. Z. bei der Beleuchtung der ״Gedanken eines Juden“ über die evangelische und die jüdische Liturgie uns äusserten, mögen die Neophyten unseren Erörterangen wenig Gewicht beigelegt haben; was sagen sie aber nun, da sich ein Konsistorialrath in ähnlichem Sinne über den Gegenstand auslässt? Treffend werden die, selbst den eigenen Konfessionsgenossen gefährlichen Bestrebungen Stöcker’a und seiner Genossen von Herrn Dr. Woltersdorf- Greifswald (in seinem Bericht über Kirohenreoht und Kirchenverfassung) S. 442 gekennzeichnet: Dankenswerth an den Darlegungen der Deutschen evangelisehen Kirchenzeitung ist die Offenheit, mit der als das eigentliche Hauptziel der Selbstständigkeitsbestrebangen, wie sie von Stöcker und seinen Freunden gemeint sind, die Aasschliessung der dogmatisoh Andersdenkenden zwar nioht aus der zahlenden, aber aus der ״thätigen und leitenden“ Kirche eingestanden wird. Man spricht fortwährend von Selbstständigkeit der Kirche, doch gemeint ist nur die ausschliessliche Herrschaft der eigenen dogmatischen Bichtung in der Kirche. Man kämpft mit hochtönenden Worten für die Freiheit, welohe ״nirgend berechtigter ist, als in der Kirohe, auf dem Gebiete der Beligion, die nur in der Luft der Freiheit gedeiht“; doch gemeint ist die Freiheit der ״heiligen Intoleranz“ gegen Alles, was man auf seinem engen Standpunkte für ״Unglauben“ erachtet.