Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 52. (28.12.1888)
- Date
- 1888-12-28
- Page
- Seite 203 (sequence 4)
- Language
- German
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Ueberhaapt bekundet der Theologische Jahresberioht für 1887, bezw. manohes in ihn besproohene litterarisohe Erzeugnies hooherfreuliohe Wandlungen in der Erkenntniae und Sobätzang von! Personen und Dingen. Die Kopfbedeckung und Kopfentblössung. Ein Beitrag zur Cultargeschichte des j Morgen- und Abendlandes. Von Rabbiner M. Flügel, j (Schluss.) Da das oberste Prinoip des Morgenlandes Qewalt ist, da der Mächtige Alles, der Sohwao ie kaum das Becht der Protektion geniesst, so hat 8i sh die Gewalt immer mit allen möglichen Formen d< r Knechtung und Ehrerbietung im Umgänge mit den l nterworfenen umgeben. Wir wissen, mit welchen Pomp und strengem Ceremonial die Monarchen China’s und Japan’s sioh bis in jüngster Zeit umgeben haben. Dem Könige konnte man nur kriechend and zur Erde gekehrten Hauptes sioh nähern.!Nie dufte man ihm gerade ins Gesicht sehen. Das Haupt des Bittstellenden musste entweder ganz verhüllt sein, od 3r der Sultan bewilligte die Audienz nur hinter eii.em Vorhang. Von dem Monarchen kam dieses Ceremonial, wie auch die zu Grunde liegende Anschauungsweise, zu den Grossen des Reichs, zu den Eltern pnd aqn Vorgesetzten. Eine strenge Etikette schied die Menh^hen; eine eiserne Bangordnung lief durch die ganze Bevölkerung; Jedermann war kleiner oder grösser, entweder unter oder über seinem Nachbar. Er durfte ihm nioht ins Gesicht sehen, oder sich picht von ihm ins Antlitz blioken lassen, am wedeij■ sioh etwas herauszunehmen, noch sich za vergeben; daher, zugleich gefordert durch die erwähnten klimatischen Einflüsse, die allgemeine und tiefwurzelnde Sitte der Kopfbedeckung, welche sagen will Gesiohtsverhüllang; diess war die politisch-soziale Scheidewand. im warmen Orient war alle Bekleidung blos Verhüllung, blos Luxus. Die Sklaven warejn fast naokt, die Armen und die Arbeiter nur halb bekleidet. Vornehme Herren and Frauen allein waren ghnz bekleidet, d. i. verhüllt (in ihren Shawls). Diese Hüllen gestalteten sioh langsam zu Kleidern in kälteren Zonen. (Die Germanen wie die Araber hatten 8p eine Hülle; die Zigeuner, die Indianer Amerikas, ebenst» heute nooh.) Mann und Frau trugen einen Talarj (Tallith), der Kopf, Gesicht und Oberkörper einhüllte. (Je vollständiger diese Einhüllung, desto grösser der Bang und die aristokratische Stellung der Person.) Freilich war dies sehr unbequem, insbesondere mr die arbeitende Klasse. Die Männer mussten sich daher bald diese Vornehmheit versagen; nur bei festlichen Gelegen heiten konnten sie diese Mode mitjmaohen. Sie begnügten sich daher mit einem Tarban, der zur Noth auch Sohulter und Gesicht einhüllte uüd zehn Mal um die Sohläfe gewickelt wurde. DieI vollständige Einhüllung überliess man den Grossen una den Frauen. Ganz natürlich ist’s, dass die Priester diese sozialethisohen Momente auch auf den Tempel ausdehnten. Wenn man einem König, einem Wurm und elenden Erdensohn nioht in’s Antlitz sehen durfte, wie soll man es wagen, der furchtbaren Gottheit ins Gesicht zu sehen? Die Gottheit, die da leibhaft oder 8ymbolisirt, oder wenigstens geistig den Baum des Heiligthums ausfüllte 1 Daher der strenge Braaoh der Kopfbedeokang, der Entwicklung des ganzenj Körpers im feierlichen Talar. Aber im Tempel kamen nooh andere spezifisch religiöse und׳ psychische Momente hinzu, um die Gesiohtsbedeckung zu erheischen. Der Orientale fühlt sich selbst so sehr als Niohts, die Gottheit aber so allmächtig, so zermalmend, so grausig and drohend, dass er es in der That nioht wagt, ihr kindlich ins Auge zu sehen. Der Mensch ist ihm nioht der Gottheit Lieblingskind, sondern ein elendäs Pfaschwerk. Er kann nioht beten, danken, preisen eto, sondern wie ein zertretener Warm sioh krümmen, winden, um die vom Fatum hooh aufgehaltene׳ Hand, um das bereits gezüokte Schwert für einen Augenbliok abzuwenden und dem Streiche zu entgehen. Der Ausdruck, ״Kinder seid ihr dem Ewigen“ (5. Mos. 14,1) die Gotteskindsohaft, war eine , neue Offenbarung. Dem Juden war der Gottesdienst kein Krümmen und Winden des Wurms, noch Streben nach Extase, sondern ein liebevoller Herzenserguss des Blindes im Gespräch mit seinem Vater und Lehrer. Und ebenso konnten Könige and Propheten, Priester und Grosse im Judenthume hie dieselbe knechtische Verehrung als im übrigen Orient finden. Männer und Frauen tragen daher in Judäa nie Schleier, sie hatten das Gesioht stets frei. Die mosaisohe Demokratie, nioht die orientalische Hierarchie blieb im Principe herrschend, auch nachdem die königliche Institution politisch gesiegt. Die Kopfbedeckung war also dem judäischen Israeliten ein einfacher Kopfputz HKB), ein Zeiohen der Würde und Selbstachtung, wie später bei den Bömem; nicht aber der kneohtisohen Furobt, dem Tyrannen ins Gesioht za sehen. Die Misohna verordnet daher, als Zeiohen der Ehrfaroht auf dem Tempelberge mit dem Kopfschmuck und ohne (Reise-) Stock, noch (Beise-) Schuhe, nooh unangemessene sonstige Bekleidung etc. zu erscheinen; als Zeiohen der Ehrfurcht vor der Heiligkeit, nicht der Knechtschaft des frommen Besaohers. Der Hohepriester trag einen goldenen Kranz und eine hohe Tiara, aber nioht einen Turban. Die ersteren waren ihm Kopfputz 2 לכבוד ולפת ארוס. Mos. 28,40), nicht Gesiohtsverhüllang. Nun aber kam ein Umschwung in den Verhältnissen Judäa’8. Die politische Unabhängigkeit ging verloren. Der bürgerliche Wohlstand wurde geknickt, die sooiale Stellung verschoben. Mehr denn zwei Jahrhunderte kämpfte die Nation um ihre Selbstständigkeit vergebens. Borna siegte. Und was das heidnische Bom noch gesohont, zerstörte vollends das päpstliche Bom. Da übermannten die fatalistischen Ideen der östliehen Welt aaoh das zertretene Israel. Die Welt wurde dem mittelalterlichen Juden zum grossen Gefängnisse, die Erde ein Jammerthal, das Gotteshaus das strenge Tribunal der erzürnten Gottheit; alles Beten ein Winseln, alles Denken eine jämmerliche, dampfe Resignation. . Unter so bewandten Umständen geschah es, dass die düstere Ansohannng des ganzen Orients aaoh bei den Rabbinen Abriegelung und Wiederhall fanden. Daher kommt es,־ dass wir (Kiddasohin 31a) einen Lehrer erklären hören: ״Es ist־' nioht erlaubt, vier Ellen in aufrechter Haltung zu wandeln, denn die göttliohe Majestät erfüllt allen Baum.“ Wie willst du es wagen, deinem gestrengen Riohtor ins Gesioht za sehen? Ich glaube sonach dargethan zu haben, dass die jetzige Sitte in der Synagoge bedeckten Hauptes za beten ein orientalischer Braaoh sei, dass das Haupt• entblössen und das Aalrechtwandeln dem Frommen untersagt seien aus einem und demselben Grande nämlioh aus den orientalischen Begriffen der Ehrfurcht vor dem Weltenkönige oder der allgegenwärtigen:. II m m