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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-11-29 · N° 48. (29.11.1888) · p. Seite 186

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 48. (29.11.1888)
Date
1888-11-29
Page
Seite 186 (sequence 3)
Language
German
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gessen, dass viele MS8. mehr als ein Werk enthalten; manchmal'' befinden sich 3 bis 4 Werke in einem Codex, so dass die Anzahl der einseinen Werke noch bedeutend grösser ist. Ueber die Beschaffenheit and Wichtigkeit dieser MSS. bemerke ioh Folgendes: Was ihren Inhalt betrifft, so können sie anter dieselben Hanptabtheilnngen grappirt werden, nach welchen Herr Dr. Neubauer die MSS. der Bodleiana geordnet hat, als: Bibelhand- Schriften, Midrasohäbersstsungen, (? — Im Original steht Translations of the Midraschim. Der Uebers.) Bibelcommentare und Supercommsntare, Halaohah und H&gadah nebst Commentaren, Theologie, Philosophie und Ethik, Massorah, Grammatik und Lexicographie, Kabbala, Poesie, Mathematik, Astronomie, Astrologie and Magie, Geschichte und Polemik etc. Alle diese Zweige des theologischen and profanen Wissens, ja sogar manche Schriften Aber menschliche Thorheiten sind angemessen in der Handschriften- Sammlung des Museums vertreten, wenn auch oft nur durch einen Theil oder ein Bruchstück eines Werkes. So ist z. B. der Talmud Babli nur in zwei Handschriften vorhanden (HarL 5508 und Add. 25717), beide auch nur aus 11 Traotaten, also kaum */» des ganzen Werkes, bestehend. Man wird sich hierüber nicht wundern, wenn man bedenkt, dass der arme ,Rabbinus Talmud“ 80 oft den Scheiterhaufen hat tiesteigen müssen, so dass nur einzelne zerstreute Glieder sich in die Bibliotheken haben retten können. Das einzige vollständige Talmudmanusoript, welohes diesem Vandalismus entronnen ist, ist das in der königlichen Bibliothek za München, nach welcheinQHerr Rabbinowitz sein epochemachendes Werk ,דקדוקי סופרים• herausgiebt. Alle übrigen Bibliotheken, Oxford nicht ausgenommen, müssen sich an Bruchstücken genügen lassen. Noch schlimmer ergeht es dem Talmud Jeraschalmi, und mit Ausnahme des wohlbekannten Exemplars in Leyden, nach welohem die Venezianische Ausgabe hergestellt wurde, findet man in den meisten Bibliotheken nicht einmal Bruchstücke desselben. Meines Wissens darf nur das British Museum sich rühmen, eine Talmudhandschrift des Jeraschalmi über ״Seraim und Moed“ zu besitzen (Or. 2122—24)־ und zwar mit Commentaren des R Salomon Sirelejo, von welchem Dr. Lehmann die ersten Seiten edirt hat. Auch besitzt das Museum einen grossen Theil der Tossefta über 14 Traktate (Add. 27296). Aas der Midrasch- Litteratur finden wir 2 prachtvolle MSS. der ,Genesis Rabbah“, eines des ,Leviticus Rabbah“ und eines des ,Sifra und Sifre“ (Add. 27169 und 16106) ausser 2 Exemplaren des ,Midrasch Hagadol“ und anderen agadischen Sammelwerke□, welche aus Yemen kamen. Der Midrasch oder besser Jalkut za den kleinen Propheten, welcher der Harleiau-Collection angehört (5704), ist ein Unicom. Von liturgischen Werken erwähne ich ausser einer grossen Anzahl von MSS. über die verschiedenen Riten nur das Machsor Vitri (Add. 27200—1), welches von den Schülern Raschi’s zasammengetragen wurde und für sich beinahe eine kleine Bibliothek repräsentirt. Ausser den Fest- und Wochentagsgebeten, wonach der Titel gewählt ist, enthält es noch die ,Sprüche der Väter“ nebst weitläufigem Oommentar, 3 der kleineren Talmudtraotate, viele Responsen deutscher und französischer Rabbinen und eine ganze Serie religiöser Lieder deutscher and spanischer Dichter nebst noch vielen andern littemischen Einzelheiten. — Die Kabbala ist vertreten durch verschiedene schätzbare Werke der vorsoharitisohen Zeit (siehe z. B. Add. 15299) and die Werke des R Moses de Leon and R Abraham Abulafia. — Von poetisohen Werken sind'vorhanden, der Tarsohisoh von R Moses ben Esra, dterTa ohkemoni von Aloharisi (Add. 27122) und der Divan von R Abraham Bedaresi (Add. 27188). — Von grammatisohen Werken verdienen Erwähnung ein Codex (Add. 27214), weloher das Wörterbuch des R Abraham ben Saruk enthält, weloher ans dem Jahre 1091 datirt und für das älteste MS. dbs Museum gehalten wird. — Von den historischen Werken erwähne ioh R Joseph Hakohen’ä Chronioon (Add. 27122) und den Brief des R. Soherira Gaon (Arandel 51) von 1189, das älteste Exemplar, welches von diesem Werke existirt und von Dr. Neubauer in seiner jüdischen , Geschichte des Mittelalters “ edirt ist. Diese Beispiele werden genügen, die hohe Bedeatung der Handsohrifteasammlung dieser Bibliothek anschaulich za machen. Der Gelehrte darf mithin versichert sein, dass von jedem ihn interessirenden Zweige der jüdischen Litteratur irgend! eine hebräische Handsohritt, welche seinen Zweoken dienen kann, im Museum za finden ist. Jetzt einige Worte über den Werth dieser Sammlung. Was die Werke betrifft, welche noch nie im Draoke erschienen sind, wie z. B. das ״Maohsor Vitri“ and Andere, 80 besteht deren Werth in ihrer blossen Existenz; denn die Herausgeber wurden nicht immer von den besten Motiven bei Pablioation ihrer Druckwerke geleitet. Oft liessen sie von einem Werk mehrere Auflagen erscheinen, von welohem eine einzige Auflage schon zu viel war und so blieben andere Werke von der höchsten Wichtigkeit für die jüdische Litteratur nur handschriftlich vorhanden. Zur Begründuag die3er Behauptung wird es genügen, den!Sonar »nzufübren, welcher seit dem 16. Jahrhundert 24 Auflagen erlebte, während der älteste Midrasoh, die Pesiktah des Rab Kahana Jahrhunderte lang in den Bibliotheken sohmachten musste, bis sie im Jahre 1868 durch Herrn S. Baber hervorgezogen und dem Publikum zugäaglioh gemaoht wurde. In ähnlicher Weise ist noch manche kostbare Perle der jüdischen Litteratur vorhanden, welohe ihr Dasein nur in einem handschriftlichen Exemplar im Staube der Bibliotheken fristet. Aach die meisten Herausgeber gingen oft sehr sorglos bei der Wahl der zu edirenden Handschriften za Werke, nach welchen unsere gedruckten Ausgaben hergestellt wurden. Daher muss der bei Weitem grösste Theil unserer Litteraturerzeagnisse einer neaen nnd sorgfältigen Redaotion unterworfen werden, bis eine, wissenschaftlichen Zweoken dienende Benutzung derselben möglich^ ist. Solohe kritische Ausgaben können aber nur mit Hilfe noch nioht edirter Handschriften, welohe die besseren Lesarten enthalten, hergestelit werden. Aas diesem Gesichtspunkte betrachtet, gewinnen eben diejenigen MSS., deren Inhalt schon mehrere Male aufgelegt wurde, wie z. B. die handschriftlichen Ausgaben des ,Midrasch Rabbah“ den höohsten litterarischen Werth. Je mehr Handsohriften aber dem Herausgeber eines Werkes zur Verfügung stehen, desto eher können wir erwarten, einen oorreoten Text zu erhalten. Aber aaoh dann, wenn die ganze jüdische Litteratur in den oorrectesten Ausgaben dem Gelehrten zur Verfügung steht, werden die Handschriften einen besondem Reiz auf ihn üben. Gedruckte Büoher entbehren, wie die Majorität der heutigen Leser, für welche sie hergestellt sind, der Originalität. Sie interessiren nur als Klassen, können uns aber seilen von ihrem Ursprünge Kunde geben. Ganz anders ist es bei Handschriften, welohen schon der Umstand, dass sie nur durch rein menschliche Kraft erzeugt wurden, eine gewisse Art von Indiv idualität verleiht. Dieses ist nun besonders bei den hebräi-

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