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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-10-18 · N° 42. (18.10.1888) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 42. (18.10.1888)
Date
1888-10-18
Page
Seite 162 (sequence 3)
Language
German
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niss riohert auch nur dann gegen den Tod, wenn an dem ״Soheine der Blick 8icn weidet“ and nioht die Fruoht gebrochen wird! — Wie muss also Schiller die biblische Ersählang sich aareoht gelegt haben, wenn sie Trägerin seiner Idee sein sollte? Oder sagen wir, mit einem ästhetischtechnischen Aasdrnoke: wie hat Schiller die biblisohe Ersählang idealisirt? Schiller muss im Geiste seiner ethisch-ästhetischen Weltansohaaang die biblische Ersählang in folgender Weise aasgedeatet haben. — Der ״Baum des Lebens" ist eo ipso, weil er der Baum des Lebens ist, der Banm des Todes: denn das irdische Leben ist Kampfe ist dem Gesetze der NothWendigkeit, dem Tode, unterworfen. Alles, was lebt mn88 sterben, weil es lebt. Nor Eine Z uflacht giebt es vor dem Tode: durch die Fracht vom ״Baume der Erkenntniss“. Nioht Erkenntniss an 8ioh, denn ״Leben“ ist Einheit von Geist and Körper: Erkenntniss allein ist 80 wenig Leben, wie Körper allein! Der beseelte Körper ist sterbliohes Leben, Erkenntniss ist lebloses Sein. Nor eine ״Frucht vom Baume der Erkenntniss“, die als Fracht sinnlich und als Erkenntniss geistig ist, kann den Tod überwinden, kann den Menschen ״schon auf Erden den Göttern gleich“ machen, den ״Göttern“, auf deren Stirn der ״vermahlte Strahl“ von ״Sinnenglück nnd Seelenfrieden“ leuchtet. Aber eben darum darf diese Frucht nicht ״gebrochen“ und gegessen werden, damit fiele sie in das Beich des Lebens zurück, das als blosses Leben selbstverständlich sterben muss, sondern: ״an dem Scheine mag der Blick sich weiden!“ Also ohne den Baum der Erkenntq.iss wäre nicht ewiges Leben das Loos des Menschen gewesen, sondern an vermeidlicher T.od. Der ״Baum des Lebens“ schützt nicht gegen den Tod, sondern ist der ״Baum des Todes“, und nur der ״Baum der Erkenntniss“ kann dem Menschen, wenn er die Vorschrift der Gottheit befolgte, zu einem Baume ״Gottgleichen ewigen Lebens“ werden. Nur durch Verbindung von Leben mit Erkenntniss, und soweit in dieser Verbindung sich weder Leben von Erkenntniss, noch Erkenntniss von Leben trennt, werden alle ״Zeugen menschlicher Bedürftigkeit ausgestossen“. Trennt sich Erkenntniss vom Leben, fehlt Sinnenglück zur ״Gottähnlichkeit“, und dies ist der Fall, wenn Erkenntniss nur gedacht nnd nicht als Frucht in die sinnliche Erscheinung tritt; trennt sich Leben von Erkenntniss dann fehlt ״Seelenfrieden“ und dies ist der Fall, wenn von des ״Gartens Frucht“ gebrochen wird, wenn Adam vom Baume der Erkenntniss isst: da tritt־ nicht der Tod erst ein in das Leben, da erobert der Tod nur eine verlorne und zwar die einzig verlierbare Provinz wieder zurück: ״Des Ideales Seich“. Die Schlange sagt freilich: Im Geniessen ist der Mensch Gott, d. i. die Stimme der rohen Sittlichkeit. Adam, der auf die Stimme der Schlange gehört hat, ist aber nun in Gefahr, ewig im ״Leben“, im Sinnengenuss. getrennt von ״Erkenntniss“ und in der Erkenntniss von ״Sinnengenuss“ getrennt, za verharren: ״Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist nun wie einer der Unsern bloss in der Erkenntniss des Guten und des Bösen, and nun könnte er ausstrecken seine Hand und aach nehmen vom Baume des Lebens nnd essen und ewig leben“ — ewig ״leben“, d. h. ewig, durchaus, ohne Einschränkung dem Tode sich unter• werfen: denn wer greift nicht nach dem sterblichen Leben, wenn Erkenntniss nur durch Ertötung des Lebens, durch Trennung vom Leben za erlangen ist? ״Darum schickte Gott, der Herr, den Menschen weg aus'dem Paradiese zur . . . Arbeit“!*) Der ״Er- *) Genesis 3,22 ft schöpfte“ nur!wird gerne naoh dem ״Siegeskranze“ greifen, der in des ״Ideales Reioh“ einzig ihn za erquioken duftet: ״Nicht vom Kampf die Glieder zu entstricken, Den Erschöpften zu erquicken, Wehet hier{ des Sieges duftiger Kranz“ . .. Man wird zageben müssen: genialer, als von un- 8erem Schillert ist diese biblische Erzählung niemals gedeutet worden! — Ob diese Sohiller’sche Idealisirang dem Geiste der mosaischen Bücher entspricht, ob sie als kritisohexegetischer Csmmentar zu behaupten ist, bleibe hier aus6er Frage. Uns genügt der Nachweis, dass die biblisohe Erzäilung als ein so wichtiger Pfeiler in dem grossarti!;en Gebäude der ganzen ästhetisohethischen Weltanschauung und Geschiohts-Philosophie unseres Schiller dasteht. Denn unser Gedicht: das Ideal und das Leben, ist keine utopistische Schwärmerei, keine schwärmerische Darstellung der göttliohen Beruhig mg, welche dem Menschen im Seiche der reinen Sohönheit za Theil wird“, wie Düntzer sagt, indem er sioh das Reich der reinen Schönheit, ähnlich wie di״ Kant’sche ״reine Vernunft“, rein von aller Erfahrung und Wirklichkeit denkt — sondern unser Gedicht ist die poetische Darstellung der grossartigen, ganz realistischen, ästhetisch-pädagogischen Theorie, die Scliller in seinen ״Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ über Aesthetik, Moral, Erziehuig, Menschheit, philosophisch ausgeführt hat. Scl;on Körner bemerkte gegen Schiller, der Stoff sei ssin neues, in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen entwickeltes System. Schiller gab ihm auch zu, das Gedicht stimm« damit überein, ruhe aber auf den gangbaren Begriffen vom Wesen der Schönheit. — Schiller’s Theorie über die ,ästhetische Erziehung des Menschen“ ist bisher, aber mit Unrecht, mehr von der ästhetischen, als von der ethischen und pädagogischen Seite gewürdigt worden. Wie innig die Epoche machenden Theorien Herbarts in der Ethik ui d Pädagogik mit Sc hi 11 er’8 Philosophie Zusammenhängen — das gehört in grösserer Ausführlichkeit an eine andere Stelle. Nur erwähnt sei dies hier, um die ganze realistische Bedeutung unseres Gedicht 5s anzudeuteu. Denn Herbarts Ethik und Pädagogik gehören der Gegenwart, gehören der Zukunft an. — ״Nichts ist {dauernd als der Wechsel, nichts beständig als der Tod. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine! Wunde und das Leben wäre ein ewiges Verbluten, wenn nicht die Dichtkunst wäre, ßie gewährt uns, was uns die Natur versaget: eine gjoldene Zeit, die nicht rostet.; einen Frühling, der nicht abblüht, wolkenloses Glück und ewige Jugend“ (Börne) — — das ist die Frucht, die Schüler am ״Baume der Erkenntniss“ im Gegen- Satze zum ״Baum des Lebens“ erblickte — im Jahre 1795, in welchem unser Gedicht ״das Ideal und das Leben“ entstand. — Dieses erhebende Bewusstsein von seinem edlen Berufe bleibt dem Dichter nicht ungetrübt. Die Wirrnisse, die Enttäuschungen, die gewöhnliche Erfolg- Wirkens auf die unmittelbare Gegenlassen den Dichter nur in schwerem Kampfe das hohe Gefühl seines Berufes behaupten. Die ״Kassandra- Situationen“ bleiben nicht aus, und fehlenauch in Schiller’s Leben nach 1795 nicht. In solchen schmerzdurchzuckten Zuständen stöhnt das Diohterherz, was der Dichter erst 1802 seiner unglüokliehen Seherin iü den Mund legt: -Nur der Irrthnm ist das Leben Und das Wissen ist der Tod!“ losigkeit seines wart des Lebens

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