Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 41. (11.10.1888)
- Date
- 1888-10-11
- Page
- Seite 158 (sequence 3)
- Language
- German
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Wenn aber du unpoetische Qebiet der ,Gedenkendiahtung“ ent genea ebgegrenat sein wird, denn werden Gedichte, wie ,du Ideel and du Leben*, wo ,Gedenken* eis innigste Empfindung, eis erhebene Begeisterung des GemfltheB sieh dersteilen, nioht mehr in jenes unpoetische Gebiet verwiesen werden können. — Unser Gedioht stellt nioht einen Gedenken Sohiller’sL sondern ein Stüok von Sohiller’s eigenster In di vidualität der, and wer solches von der Poesie eusschliessen wollte, müsste erst folsende Setze Schiller’s*) bestreiten: ,Alles, wes der Dichter uns geben kenn, ist seine Individualität. Diese seine Individaelität so sehr eis mögliah za veredeln, zur reinsten, herrlichsten Mensohheit hinaufzaläutern, ist sein erstes und wichtigstes Gesohäft, ehe er es unternehmen derf, die Vortrefflichen zu rühren. Der höchste Werth seines Gedichtes kann kein anderer sein, als dass es der reine vollendete Ausdruck einer interessanten Gemäthslage eines interessanten vollendeten Geistes ist. — Unser Gedicht ״du Ideal and du Leben“ diese Offenbarung der eigensten Individualität unseres Schüler, erscheint aber auch nicht nur angelehnt an die Vorstellungen vom ״Baume des Lebens“ und dem ״Baum der Erkenntniss“, sondern gleichsam davon fetragen. Es scheint, als habe Schiller’s Genius mit iesen biblischen Vorstellungen einen Kampf bestehen müssen, aus dem er nur dadurch als Sieger hervorging, dass er der biblischen Erzählung einen ganz neuen, der gewöhnlichen Auffassung fremden, ja ganz entgegengesetzten Sinn entnahm oder hineindeatete, wodurch die beiden Bäume: ״der Baum des Lebens“ und ״der Baum der Erkenntniss“, ihre Bollen geradezu vertauschten. Diese Auffassung eigiebt sich aus einer Stehe unsere« Gedichtes, und daroh sie wird nicht nur diese Stelle sich gegen Einwürfe von Schiller-Interpreten rechtfertigen und in hoher Schönheit hervortreten, sondern auch in der biblischen Erzählung werden in diesem neuen Lichte viele Dunkelheiten ihre Aufklärang, viele Schwierigkeiten ihre Lösung erhalten. Wir. wollen diese Dunkelheiten und Schwierigkeiten gleich nennen, die durch Schiller’s tiefsinnige Deutung sich lichten und lösen. — Nach der bibnsehen Erzählung erscheint es, als hätte der Mensch, wenn er nicht vom ״Baume der Erkenntniss“ gegessen, ewig leben sollen oder können. Diese Möglichkeit ist aber physiologisch ganz undenkbar. Alter und Tod gehört zu Geburt und Jagend als unamgängliche Kehrseite. Ferner: warum tritt der Tod nioht nach dem Genüsse vom ,Bäume der Erkenntniss“ ein, wie ja nach Gottes Warnung — ,an dem Tage, da da davon issest, musst du sterben* — geschehen musste? Auch liegt in der Vorstellung : das Essen vom ״Baume der Erkenntniss* habe den Tod zur Folge, ein Pessimismus, der mit dem in den heiligen Schriften der Israeliten herrschenden Optimismus, der so nachdrücklich ״Erkenntniss Gottes“ einschärft, gar nioht in Einklang zu bringen ist. In der That ist daraus im Ohristenthum der absolnte Pessimismas in der Lehre von der ״Erbsünde“ hervorgegangen, die aber, wie allgamÄin anerkannt ist, mit aem Geiste des sogen. ״Alten Testaments* absolut nicht vereinbar ist. Steht ja die Institution des Versöhnungstage8 iLevitioas C. 16) im unbedingten Gegensatae zum Geiste der Lehre von einer ״Erbsünde*! Auch zeigt die Austreibung aas dem Paradiese, ״damit der Mensch nioht seine Hand au »Strecke und *) Ueber Börger* Gedichte. auoh vom Baame des Lebens nehme und esse und ewig lebe“ j— die Gottheit als übelwollend. — Endlich aber: wie ist die Wirkung der Fracht vomBaazhe des Lebens aufzufassen? Genügte ein einmaliger Genuss, um ewig zu leben?- Warum ass Adam nioht vor der Sünde vom Baume des Lebens? Ist ein fortgesetzter Genuss nöthig — dann ist jeder Baum ein Baum des Lebens: so lange man isst, lebt man, bei allen. Ferner: war Adam auch ohne den Baum des Lebens unsterblich, wenn er nioht sündigte, oder erst durch den Genuss vom Baume des Lebens? Beide Annahmen sind schwierig. Nach ersterer ist der Baum des Lebens überflüssig, nach letzterer ist entweder Adams Unsterblichkeit vor der Sünde, oder seine Sterblichkeit nach der Sünde nicht begründet. Alle diese Schwierigkeiten sind naoh der genialen Auffassung Sohiller’s gar nicht mehr vorhanden, und ist es schon interessant, unsem grossen Dichter als Gommentator der ״Lehre Mosis“ kennen zu lernen, so wird dies Interesse noch dadurch erhöht, dass die mosaische Erzählung duroh Sohiller’s Commentar so sehr an Lioht, Fülle und Tiefe gewinnt. Auch hier müssen wir, um uns ganz begreiflich zu maohen, eine kurze Disposition des erhabenen Gediohtes geben. — Das Gedicht besteht in seiner jetzigen Gestalt aus 15 Strophen, 2a welchen noch 3 hinzukommen: welche aus der ursprünglichen Fassung, die den Titel, ״das Beioh der Sohatten“ führte, weggelassen wurden. Von diesen dreien stand eine nach der ersten und die andern zwei!nach der dritten Strophe. — Diese 15 resp. 18 Strophen zerfallen — wie in dem systematischen Lehrbuch einer Wissenschaft — in 2 Theile: «inen theoretischen und einen praktisohen Thtil, und zwar besteht der theoretische Theil aus den 1., 5. resp. 8 Strophen, der praktische Theil aus den darauf folgenden 10 Strophen. Hier möge nun der Gedankengang in kurzer Disposition folgen. A. Theoretischer Theil (Str. 1—5 resp. 8). 1. Das Loben der Götter im Olymp ist a) ohne Betrübnis« (״ewig klar“), b) ohne Sünde ^,Spiegelrein“), o) ohuö Mühe (״eben“) d) ohne Altem (״ihrer Götteijugend Bosen blühen wandellos“) und Tod: das Leben der Mensohen ״sterblich“ und ״mühevoll“, wie es (ad 0 ünd d) ist, hat (ad a and b) nur die Wahl zwischen ״Sinnenglück״) ״ewig klar“) und ״Seelenfrieden(‘ (^piegelrein“) (oder zwisohen a) Nothwendigkeit ״iij des Todes Beiohen“ b) Freiheit. Str. 1. 2. Aber auch der Mensch kann Sinnen-Genuss mit Freih'eilt vereinigen: im Böiche des ״Scheines“, (der ״Gestalt“; der Form, der Kunst) — Str. 2 resp. 2 und 2. | 3. Nur dpr Körper, (der Stoff, die Materie) ist der Nothwenaigkeit, dem Tode unterworfen, aber die ״Gestalt“, obgleioh auoh sinnlioh, ist frei, and der Mensoh, der auf ״Götter*)-Flügeln“ schweben will, ״flüohte in des Ideales Beioh“. — Str. 3 resp. 3, 4 und 5. 4. Im ״Bel heit“ ein ״Götterbild“, auf dessen ״Stirne“ der ״vermählte Strahl“ leuchtet), da ii >< zwar beidersei 1 -Seelenfriedens *. des ״Sinnenglüoks und Seelenfriedens“ 1t kein ״Kampf“, sondern ״Sieg“ und tiger: des ״Sinnenglüoks“ und des — Str. 4. che des Ideals“ ist das Bild der ״Mensoh- •) - Wollt ihr Düntcer Flügel der Gestal1 Schiller tadeln. hoch auf ihren Flügeln schweben* — ijnd alle bisherigen Interpretatoren die ״die darunter verstanden und in Folge dessen