Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 41. (11.10.1888)
- Date
- 1888-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Litter&tur-Blatt. Zir BdM«htmf aller JidMtk■■ ud Jid« hitriffeidn lltttrirlMkei Er• cehelaeagei uf d« Gekjet• 4er Philo- ••»hie, Geeehiehte, Bthae4re»hl•« The•• 1041•, Oriaiteli•, b««•(, Hnü)«tik, Lltergih 1. Pl4a*og|k. I Heransgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Kahmer. 11. öcto&ii 1888 BSektr der «teMhllsi•»* Lttt«ntar,w*lek d«r Mut!« in!•eeadt ward•■, tidn U di«•■ Bldtt• tlaiatMii tafmk■•! Bei OiHidui TM ■«dl BdddMlM•- bailir« «folgt dlsmall•! kn» BraHi-lMdiM•■. Daa ■Jidlseke Litteratar-Blatt« encheiat wöchentlioh in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Bobert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der .Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten and Baohhandlangen 8 Mark (kostet) erhalten das ״Jüdische Litteiatur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 88 Pf. ihr die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 80 Mark» berechnet and sind %n die Expedition dieses Blatte• an senden fff Buohhkndler n. Lehrer, welche direcltioder durch Bobert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 jC Babatt. Inhalt: I Wissenschaftliche Aufsätze: Der ״Baum de! Lebens“ and ״der Baum der Erkenn tniaa“ in Schiller’s Muse. Eine litterarische Studie. Von Dr. J. Doldschmilt-Birkenteld. — Unsere Orthodoxie im Lichte wissenschi Etlicher Beligionsbetrachtung. Von einem freisinnigen '?heologen. — Litteratarbericht: Becensionen: Pressei, Wilh. Die Zer- Streuung des Volkes Israel. Zweites Heft: Die Stofen dieser Zerstreuung. (Forte.) — Daa Wort, das J. Bat inowitsch hat gesprochen 1m Gotteshause ״Beth Lechem“ in tCiscbinew. Unbefugter Naehdruek aut diesem Blatte ist niel I Der ״Baum des Lebens“ und ״der!Baum der Erkenntniss“ in Schiller’s Muse. Eine litterarische Studie. Von Dr. J. Goldschmidt-Birkenfefd. 11. Die Schranken des Menschen, der Kampf, das Nutzlose der praktischen Einsioht für di« ״Bünden“, die Tragik der Erkenntniss — das sind die Grandtöne in dem bisher behandelten Gediohte: Kassandra. Freiheit and Sieg, Harmonie and Seligkeit als die Auflösung der dästern Kassandra-AI :korde amrauschen ans jubelnd in einem andern S;hiller’sohen Gediohte: Das Ideal und das Lebon. — Man weiss, wie hoch Sohiller dies Gedioht, wenigstens kun nach dessen Entstehung, gesohätst hat. Er war überzeugt, hier ״das Höohste der Gedankendiohtang erreicht zu haben“. Freiüoh ist mit der Bezeichnung -Gedankendiohtung“ für unsere Poetikj sohon ein Tadel gegeben, and die Bewunderer Sohillers haben ihre Mühe, dieses Gedanken-Gedioht als Gedioht au retten. — j ״Gedanken-Gedioht“! Thut die PoöitSk nicht Unreoht, alles, was einen Gedanken behandelt, mit dieser Kategorie poetiaoh zu verurtheilenl? Soll denn die Poesie gedankenlos sein? Giel>t es überhaupt eine gedankenlose Poesie? Kann der Dichter, ohne Denker zu sein, Dichter sein? Kann der Dichter die Empfindung gestalten, wenn er eie nioht durch Denken beherrscht? Jeder echte Diohter, der nioht bloss aifeotierte Empfindungen kennt, wird es bezeugen, dass ein tieft r Kern von Wahrheit in SohilleFs Urtheil über 6in«n Theil von Bürgers Gediohten“ steokt: ״Sie sind nioht bloss Gern kl de dieser eigenthümüohen Seelen! age, sondern sie sind offenbar auch Geburten da selben. Die Empfindlichkeit, der Unwille, die Sohirermath des!Konten sind nioht bloss der Gegrast uid, den er besingt, sie sind leider oft auch der Apoll, der ihn begeistert. Aber die Göttinnen des Ringes und der Schönheit sind sehr eigensinnige Gottheiten.*) Sie belohnen nur die Leidenschaft, die sie selbst einäössten; sie dulden auf ihrem Altäre nioht gerne ein ander Feuer, als das Feuer einer reinen, aneigennützigen Begeisterung. Ein erzürnter Schauspieler wird ans sohwerüch ein edler Repräsentant des Unwillens werden; ein Diohter nehme sich ja in Acht, mitten im Schmerz den Schmerz za besingen. So wie der Diohter selbst bloss leidend ist, muss seine Empfindung nnausbleibüoh von ihrer ideaüsohen Allgerne! nheit zu einer unvollkommenen Individualität herabsinken. Aas der sanfteren and fernenden Erinnerung mag er dichten, und dann desto besser für ihn, je mehr er an sich erfahren hat, was er besingt, aber ja niemals unter der gegenwärtigen Herrschaft des Affekts, den er uns sohön versinnüchen soll. Selbst in Gedichten eto. . . . das Idealsohöne wird schlechterdings nur daroh eine Freiheit des Geistes, durch eine Selbstthätigkeit mögüoh, welche die Uebermacht der Leidenschaft auf hebt“. — Wenn aber diese Sätze wahr sind, dass die Empfindung an sich die Kons(; vernichten, und nur die freie, cL h. denkende־ Gestaltung derselben den Künstler macht; wenn dementsprechend von den alten Rhetoren die grossen Diohter — Epiker, Tragiker, Lyriker — als Master klarer Dispositionen — empfohlen werden; wenn die Klarheit and Durohsiohti gk eit d-er Disposition welohe bei allen grossen Dichtern, auch den sog»• nannten Natard iohtern, z. B. dem Magyaren Petöfi, als spielende Leichtigkeit ersoheint, die volle Gewalt des Geistes über den Stoff, die intensivste Energie des Denkens vorausaetat: muss dann die Poetik nioht erst noch eine genauere Dafinition der eigentlichen ״Gedankendiohtung‘‘geben, die von der Poesie auszuschliessen ist. Diese Da• finition au geben, ist hier nioht der Ort; es genügt uns die Erkenntniss, dass über das Verhältnis! der poetischen Production zum logischen Denken ganz talsohe Vorstellungen herrschen, wie wir dies auch sohon oben bezüguoh ,Kassandra“ darlegten. Nioht der Gegenstand, sondern die Art der Behandlung ber stimmen den poetischen Werth eines Gediohten Jeder grosse Diohter, ja jeder grosse Künstler muss sin grosser Denker sein. Den grossen Denker macht aber nioht bloee der Reiahthum. das Stoffes, sondern auoh die Beherrsohnng des Stoffes — was freiüoh eine Tautologie ist. ־Dran giebt es einen Reiohtham des Geizes ohne Harrsohaft? Besitzt der Geist, was er nioht beherrscht? — *) Biblisehe Bilder, VgL Exodus 20,50, a. Levitic. 10,1. •i "J*