Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 40. (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 154 (sequence 3)
- Language
- German
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gehen zusammen, aber umgekehrt: Kopfentblösatmg und Fussbekleidung, Hutab- und 8chnhan ziehen!engen von Bespeot. — Auch glaube ioh nicht weit ab ▼on der Wahrheit za sein in der Annahme, dass: die Decke (2. Mos. 34,33), die Moses über dem Geeicht trug, wohl das Nämliohe sagen wollte: Gesiohtsverhüllung, um dem rebellisohen Volke, das eben das goldene Kalb verehrt hatte־ den Anblick Moee’s zu entziehen. Der arabische Soheikh, der syrische Häuptling, der ägyptische Priester, Hessen sioh wohl nie anders als bedeckten Hauptes öfientlicb sehen. Betrachten jvir die Relief-Abbildungen der alten Könige Egyptens ^Assyriens und Persiens, so war deren ganzer Anzug ein Ornat, jedes Kleidungsstück ein heiliges Symbol, und der Hut war das Hauptstuck des Ornats; alle Würde und Machtvollkommenheit veranschaulichte dieser und concentrirte sie in sich. Der König wie der Hohepriester, ohne die entsprechende Krone oder Tiara, wäre fast ebenso eine Anomalie gewesen, wie ohne Kopf. Sogar den Babbinen nach ist der Ornat ein integrirender Theil des Priesterthums; ohne denselben sind dessen Funktionen verwerflich (Talmud Sebachim 15b; Maimonides H. Kele Hamikdasoh X., 4). Auch der König in Israel durfte nur in anstandsvoller Bekleidung öffentlich erscheinen, um Respekt - einzuflössen. (Synhedrin 22 a.) Dieses war die ständige Anschauung des Orients und sicherlich auch der Bibel. Sir Rawlinson und Brugsoh-Bey brachten zu Tage viele solcher Abbildungen von neu entdeckten Königsstatuen und Basreliefs, aus grauer Vorzeit herrührend. Alle haben sie ihre Kopfbedeckung, ja diese erscheint als das hauptsächlichste Symbol ihrer Stellung, Macht und Würde. Die heutige Königskrone, die päpstliche und bischöfliche Tiara sind blos ein Erbstück aus grauer Vorzeit, von den Patriarchen, den Hohen- Sriestern, den judäischen, ägyptischen und assyrischen Königen und Gross Würdenträgern in Staat und Kirche herrührend. Aber die Kopfbedeckung im Heiligthnm war nicht bloss dem Oriente, den Assyrern, Persern, Egyptera und Jndäern eigen; aus Stellen in Cicero und Virgil, denen sicherlich viele, ähnliche aus alten Klassikern beigefugt werden könnten, ist mit sicherem Takte zu folgern, dass dieser Brauch auch in Griechenland, Italien und Kleinasien wohlbekannt und ehrwürdig war. Solch eine Stelle ist in Cicero zu lesen: ״Se diis immortalibus capite velato devovere.“ ״Velamenta“, Hüllen, gehörten in Born zu ־den Abzeichen der um Gnade und Frieden Bittenden. Noch prägnanter ist eine ähnliche, andere Stelle in Virgil (Aeneis, lib. II.), sie lautet: ״Capita ante aras Phrygio velamur amictu.* Dieser Vers deutet sicherlich darauf hin, dass der Brauch des Kopfverhüllens beim Gottesdienst uralt, auf Troja und Aeneas zurückgefnhrt, aus —Asien stammend, und in Rom als bekannt und heilig vorausgesetzt war. Ebenso ist’s bekannt, dass die Druidenpriester ihre Incantationen mit verhülltem Haupte auszusprechen pflegten. Dies ist aber noch mehr der Fall mit den viel älteren Magiern und Parsenprieetern, wie auch mit deren heutigen Nachkommen, den ״Gebern“, den winzigen Ueberbleibseln jener einst weltbeherrschenden Sekte. Merkwürdig ist es daher, dass im Corinther- Brief Paulus über unsern Gegenstand eine Anschauung vorträgt, die mit der uralten orientalischen so scharf oontraaUrt. Man fühlt im Briefe eine andere Luft wehen, eine andere Civilisation macht sich geltend. Hier sagt er (1. Cor. XX, 4—7): ״Ein jeglicher ״Mann, der da betet oder weissaget und hat etwas ״auf dem Haupte, der schändet sein Haupt; ein ״Weib aber, das betet mit unbedecktem Haupte, ״die 8 ohän det ihr Haupt... Denn es ist ebenso ״viel, als wlre sie besohoren. Will sie sioh nicht be- ״ decken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es ״aber übel iteht, so lässt sie das Haupt bedeoken. ״Der Mann aber solle das Haupt nioht bedeoken, ״sintemal er ist Gottes Bild und Ehre. Das Weib ״aber ist dei Mannes Ehre.* Hier finden wir, dass der griechische Geist den judäisohen modifizirt hatte. Asien tritt 1 inrüok und Europa gewinnt die Oberhand. Das hellenis ih-ionisohe, frei und froh gesinnte Kleinasien hatte bereits eine andere Weltanschauung. Der Besucher des Tempels blickte heiterer um sioh, er hatte das G^sioht nicht mehr verhüllt; er blieb unbedeckten Hauptes. Der Hut ist ihm vornehmlich Sohmuok, Zeichen der Würde, und der Betende entäusserte sich dessen in Gegenwart Gottes. So pflegten die unterwoijfenen Könige vor den gewaltgen Cäsaren zu erscheine^; nioht verhüllten Gesiohtes, wie der Unterthan vor dem asiatischen Despoten, sondern bescheiden als gewöhnlicher Sterblicher, ohne Krone und PurpurJ ohne Anszeichnnng, Alles einzig und allein von dem römischen Imperator erwartend. Diese Anschauung]verdrängte die asiatische erst im Staate vor dem irdischen Herrscher; aber bald auch im Tempel vor dem himmlischen Herrn. Nioht so bei der Frau In der Kopfbedeckung und Verhüllung des Gesichts war auch die Züohtigkeit und diel Inferiorität (der Frau) gekennzeichnet; die Freche allein war freien Hauptes (4. Mos. 5,18); so auch in j. Corinth. XI, 8—9: ״Das Weib ist des Mannes Ehre* (darum solle sie mit bedecktem Haupte erscheinen), ״denn der Mann ist nioht vom Weib, sondern das [Weib vom Manne. Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen*. In diesen dunklen, hart klingenden Worten drüokt Paulus seine Ansicht bezüglich des Weibes Stellung dem Manne gegenüber aus. Es war die übliohe, die allgemein orientalische; das Weib ist für ihren Mann geboren, sie erscheint daher bedeckt im öffentlichen Leben, jedem Andern als dem Manne unsichtbar. Wenn an bedeckt, handelt sie gegen dii Bescheidenheit und die Sitte. So musste die ״verdächtigte Frau“ (4. Mos. 5,18) vor den Priester mitjentblösstem Haupte treten. Der ־Mo- 8aismus suchte wohl die Stellung des Weibes zu bessern (1. Mos. 1,27.) Er erklärt: ״Mann und Frau schuf Gott“ |— schuf Beide in seinem Ebenbilde . . . . ״sie sollten Beide die Erde ״segnete sie Beide, . bezwingen und beherrschen.“ Aber die asiatisohe Anschauung der Inferiorität des Weibes blieb vorherrschend. So finden wir wörtlioh bei den Rabbinen: .קול כאשד. ערוד, und besonders: .— שער כאשד. ערוד ״Die Stimme“ und ״das Haar der Frau sind ihre Blässe und Sohaam.“ So dachte und fühlte auch Paulus, and daher jene harten Verse des ersten Gorinther-Briefe8, die so wunderlich klingen; sie sind einfach Reminiscenzen vom talmudisohen Satze: ״Das Haar der Frau ist deren Sohaam and Blässe“, und von der ״v e r däch ti gten Fr au“ heisst es: in 4. Mos. 5,18; ופרע את ראש האשה ^siehe auoh Nedarim 30 b: .אנשים זמנק דמיכסו רישייהו חמנק דמנלו אכל נשים לעולם מיכסו• Wir werden später nooh auf dies Thema weitläufiger und vom historisch-psychischen Standpunkte aas zurtiokkommen and begnügen wir ans, unsere Bemerkungen hier damit zu sohliessen, dass, während im Orient Mann und Frau an heiligen Orten, und überhaupt in der Oefientlichkeit bedeckten Hauptes erscheinen, im Oooident die grieohisohe Sitte, wie von Paulus befürwortet, bis auf heute sioh behauptet hat; bei allen feierlichen Gelegenheiten in der Kirohe