Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 38-39. (20.9.1888)
- Date
- 1888-09-20
- Page
- Seite 150 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 150 — Vergleichen wir den Anfang dieses Theiles: ״Fronunt’s den Schleier aulzuheben Wo das nahe Schrecknis« droht? Nor der Irrthum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod“ mit dem Schlosse ,Wer erfreute sich des Lebens Der in seine Tiefen blickt?" so soheint ans sohon daroh die Wiederkehr des Aasdruokes ״Leben" eine gewisse Absicht damit verbanden za sein, and in dieser Vermathang werden wir noch bestärkt, wenn wir in der Mitte dieses Theiles, am Ende der 9. Strophe: -Zukunft hast du mir gegeben, Doch du nahmst den Augenblick, Nahmst der Stande fröhlich Leben" — wieder diesem Aasdraok begegnen. Aber aach nicht ohne Schwierigkeit ist die Sentenz: ,Nur der Irrthum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod“. Es ist doch ein ztu kühnes Paradoxon, den ganzen Werth dee ״Lebens" in den ״Irrthum" za verlegen and das ״Wissen" den ״Tod" za nennen! Düntzer will ans mit folgenden Bemerkungen darüber hinweghelfen: ״DasGlück des Lebens besteht darin, dass wir die Zukunft nicht wissen. ״Weise hüllt der Gott den Aasgang der Znkanft in finstre Nacht", sagt Horaz (carm. III, 29, 29.30). — Irrtham hier von Nichtwissen. Kassandra in ihrer leidenschaftlichen Verzweiflung glaubt an kein vollkommenes Glück; das Leben bringt nach ihrer trüben Ansicht der Welt nur tiefes Wehe. (Vgl. Str. 11, 7 f.) Darum ist es w&nschenswertb, dass uns die Zukunft verschlossen bleibt, wir in .ansern Glücksträumen oder in unsrem ruhigen Genasse der Gegenwart nicht gestört werden. Leben, der wahre Lebensgenuss, Tod, die bitterste Qual. Aehnlich sagt maa: ״das ist mein Leben", ״das ist mir in den Tod zuwider". — Wir bemerken dagegen: ״das ist mein Leben", sagt man nicht in dem hier gebrauchten Sinne. Der Philosoph könnte wohl sagen: ״Das Wissen ist mein Leben", indem das Wissen der Werth und das Ziel des Lebens für ihn ist. Nach der Eassandrisehen Ansicht ist der Genuss das Leben and der ״Irrthum" ist nur Mangel der Störung des Genusses, die im ״Wissen“ gegeben ist. Darum konnte Schiller sehr wohl* *) sagen: ״Das Wissen ist der Tod“, indem das Wissen den Genuss tödtet. Nicht aber ״der Irrthum ist das Leben", da der Irrtham doch nar ein passives ״am Leben lassen" ist. — Schiller kann aaoh mit dieser Sentenz nicht der individuellen Ansicht der Kassandra Aasdruck geben wollen, die ״in ihrer leidenschaftlichen Verzweiflung an kein vollkommenes Glück glaubt", end zwar eben weil es eine Sentenz ist. Die Sentenz-Form, die eine allgemeine Regel ausdrückt, würde der Dichter doch sehr ungeschickt anwenden, wo ein in ganz individuellen Schicksalen aafgeregtes Gemüth sein ganz individuelles Gefühl ausdrückt. ״Nur der Irrtham ist das Leben und das Wissen ist der Tod" — das tritt mit einer gewissen Prätension auf weitere Giltigkeit aaf; da hört man nicht den Kassandra-Schmerz, sondern die Schiller'sche Reflexion heraus. Und da Schiller hier für .״ Nichtwissen״“ den Ausdruck ״Irrthum", zweifellos als Contrast zum folgenden ״ Wissen ", setzt, 80 ist es offenbar, dass er mit dem folgenden "״Wissen“ mehr als das ״Wissen" des Sehers meint. Wir sind daher der Ansicht: diese Sentenz ״Nur der Irrtham ist das Leben und das Wissen ist aer Tod", ist eine Fackel, die ihr Licht nach aussen hin strahlen lassen will, and das berüchtigt die Sen- *) Aber nicht nach dem DüntzeFschen: ״Das ist mir in den Tod zuwider". tenz-Form, und zwar ist es, am es nan bestimmt za sagen die in der Welt des monotheistischen Ocoidents sohon den Kindern geläufige biblisohe Erzählung vom ״Paradiese" and dem ״Baume des Lebens und der Erkenntniss", wohin diese Strahlen fallen sollen. In diesem Liohte stellt sich das Verhältnis der beiden Bäume so dar: Der Baum des Lebens ist der Baum des Irrthams, Der Baum der Erkenntni 88 ist der Baum des Todes! Zu dieser Vorstellung konnte der geniale Schiller aaf Grund der biblischen Erzählung in folgender Weise kommen. Dem ״Baame des Lebens" steht als Contrast gegenüber der ״Baum der Erkenntniss", folglich ersrheint in diesem Contrast der Baum der Erkenntniss“ als der ״Baum des Todes". — Dem ״Baume der Erkenntniss" steht aber als Contrast gegenüber der ״Baum des Lebens", folglich erscheint in diesem Contrast der ״Baam des Lebens" als der ״Baum des Irrthams". So entstand die Sohiller'sohe Sentenz: -Nur der Irrthnm ist das Leben Und das Wissen ist der Tod.“ So nar, als interpretalorische Allusion auf die, für allgemein bekannt vorauszusetzende biblische Erzählung, von der sie zugleich ihre richtige Beleuohtaug empfängt, erhält diese Sentenz ihren Anspruoh auf allgemeine Gültigkeit sowie ihren Sinn and ihre Begrenzung. — Wie wenig überhaupt die Düntzefsohe Tendenz, von aussen herein gar nichts in die Klage der Kassandra hinein leuchten zu lassen, in der Kassandra nur diese and gar nichts von Schillers eigenem Gefühlsleben za hören, wahrscheinlich ist, mögen folgende biographische Parallelen beweisen. Das Gedicht ״Kassandra" begann Schiller Anfangs Febraar 1802, gerade um die Zeit, als er 8ioh einen alten Wunsch erfüllte: ein eigenes Haus zu besitzen. Am 11. Feb aar 1802 schrieb er an Göthe, ״da der in diesen Tagen zu Stande gekommene Hauskauf ihm alle freie Geistesstimmung verdorben, habe ein kleines Gedicht Kassandra, das er in einer ziemlich glückliehen Stimmung angefangen, nicht viel Fortschritte gewinnen könne. Im August erst nahm er es wieder auf and vollendete es glücklich“.*) Inzwischen hatte er sein Haus bezogen, am 30. April. Die Freude an der Verwirklichung dieses alten Wunsches wurde ihm aber bald verbittert. Später erfuhr er, dass gerade an dem Tage seines Einzuges —der Tod seiner Mutter in Cie vesulz bach erfolgt war. Sollte der schmerzliche Eindruck, den eine solche Verflechtung des Schicksals, wie wir wissen,*) .auf sein Gemüth machte, der in der Sentenz: ״Nar der Irrthum ist das Leben und das Wissen ist der Tod", so deutlich nachklingt, auf diese Formulirung ganz ohne Einfluss geblieben sein? Er feiert die Freude des Einzuges, und in der Ferne — nioht der Zeit, sondern des Raumes — liegt die geliebte Matter auf der Bahre! Das ״Wissen dieses Todes" hätte die ganze Freude gestört and nur das ״Nichtwissen" hat diese gerettet — — sollte dieses Erlebniss gar nicht dazu beigetragea haben, dass die Vor- Stellungen der Kindergeschichte vom Paradiese, die er wohl aas dem Mande der eben verblichenen Mutter vernommen hatte, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntniss ihm in der eigenthümliohen Bedeutung erschienen, die er ihnen in *) 8. ״Göthe u. Schiller“ v. Karl Gödeke 8. 398. *) 8. Düntzer a. a. O. (Fortsetzung in der Beilage.) Verantwortlicher Bedactear Dr. Bah mar, Magdeburg. Druck von D. L. Wolf f, Magdeburg. Verlag von Kobert F riese, Idipsig.