Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 38-39. (20.9.1888)
- Date
- 1888-09-20
- Page
- Seite 149 (sequence 4)
- Language
- German
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m, der Lenz erfreuen, des Lebens. cht Seherin ist, denn der Bliok in die Zukunft raubt ihr die Gegenwart; b) sie kann sioh nicht bräutlich hingeben, seit sie Apoll sioh geweiht; o) den Soh merz der Ihrigen um sie herum fühlt sie als Seherin nur tiefer d) aber die Freude um sie hem und die Liebe, kann sie ni denn sie blickt in die Tiefe (Str. 8—11). B. in. Parallele zwischen l’oljxeaa und Kassandi a (Str. 12—17.) 1. Polyxena in ihrem trunkenen 'Wahn, als gläok• Hohe Braut, des Besten der Hellen sn, beneidet selbst die Götter nioht, da sie nur den gegenwärtigen Augenblick sieht; 2. Kassandra ist auoh in Liebe zu dem Liebenden (Koröbus, Sohn des Mygdon) entbrannt, aber der Blick in die schaurige Zukunft tritt zwischen sie und ihn als ״stygisoher Schatte 1.“ B. IV. Schloss ihrer Klage. (Str. 1 >.) Die Andern gehen unbe wusst in’s ljngläok : sie hat es stets vor Augen, das allgemeine und ihr eigenes, und muss ihm mit rollern Bewusstsein ent;egen gehen. G. Schluss des Ganzeu. (Str. 16.) Kassandra’s Prophezeihungen beginnen sich zu erfüllen : Achilles Tod (von Paris und Dephobas) nnd die Vernichtung aller Freude und aller Hoffnungen. Zergliedert man sich solohermassen unser Gedioht, so werden wir von der allgemeiner Bedeutung desselben auf’s tiefste ergriffen, erschüttert. Wer ist nicht, in dem einen oder dem andern Falle seines Lebens, ein soloher Sehender unter Blind 5n gewesen? Und wen hat das Bewusstsein, mit aller Klarheit seines Blickes an dem verhängten Gang der Ereignisse nioht das Geringste ändern zu kennen, nicht schon an den Band der Verzweiflung gebracht? Wenn wir die Erfahrungen, die wir nit unserem Herzblute erkauft haben, unseren Lieben ind Theuren zur Verfügung stellen, und diese, anstatt jene zu nutzen, unsere Ueberzeugung, unsern Einspruch geringschätzend, das Band, das uns und si< ל verbindet, lockernd, ihres Weges vertrauensvoll foitgehen, bis sie dieselbe Einsicht, die wir schon so theuer bezahlten, endlich auoh mit ihrem Herzei isblute, mit ihres Lebens Glücke erkaufen — o Kassandra, dann weinen wir die Thränen, die der Dichter dich sohon vor Jahrtausenden vergiessen lässt! — Und sollten wir einem solchen Kassand ra-Sohmerze nicht auch sohon ausser uns begegnet 8 1in? Ist es uns nicht, als ob er uns, entkleidet des hellenischen Gewandes, in vertrauteren Formen entg *gengetreten wäre?-Gewiss, du bist es ja, dessen gramdurohfarchtes Antlitz auf den rauohenden Träumern Jerusalems in Thränen sich badet-du Priester von Anathoth, Prophet des einen, einzigen Gottes: Jeremias! Hat aie Gluth deines Herzens d e Nacht erleuchtet, die den Sinn deines Volkes unffng? Hat sie nioht bloss die Gluth des Hasses, in denen gegen dich angefacht, für die du die Qualen dei Todes und der Schmaoh nur voraus tausendfach emj!fandest? — Und stehst du allein in der Gesohiohte denes Volkes? Haben nicht alle Propheten der Wahrheit denselben Schmerz in ihrem Herzen getragen? Haben sie nioht das jammervolle Gesohiok ihres Volkes, das erst nach ihrem Tode eintrat, sohon in ihrem Leben voraus erlebt? Des ist ja die Tragik de! 1 Propheten- Berufes, dass ihm die Zukunft zur Gegenwart wird, dass der Tod sioh ihm ins Leben drängt und das Leben ihm zum Tod wird] Alle, die ,dis Bach der Bfloher“ verehren und darin geblättert haben, sie vernehmen in Kassandra bekannte Töne, die tausendmal, aus jeder Zeile der grossen Propheten Israels und Jnda's, ihr Herz erschüttert haben 1 Und sollte nioht Sohiller auoh nur in sein ,geliebtes Griechisch“ abersetzt haben, die Stimme, die er, unter Palmen wandelnd, an den Ufern des Jordan und Euphrat gewaltig vernommen und die von dort her in dem prophetischen Berufe seines Dichter- und Denker-Lebens mächtigen Wiederhall fanden? Schillert Sprache ist voll*) von Anklängen und Beminisoenzea aus dem ,Buche der Bücher“, so sehr er ein Sohüler Kants und ein eohter Sohn Germania’s und ein Anbeter der Hellenen ist. Er war heimisch in der Gesohiohte und den Vorstellungen der alten Hebräer. Es ist nioht unmögUoh, dass Sohiller zum Theil von Jeremias einige Strahlen der Stimmung gesammelt hat, wie einer Kassandra zu Muthe sein müsse. Auoh Jeremias klagt: ,Aoh, meine Matter, warum hast da mioh geboren? Jedermann im Lande hadert und zankt gegen mioh; ioh habe nioht auf Wuoher geliehen nooh genommen, aber alle fluchen mir“ (C. 15,10). ,Dein Name wird genannt über mioh, Herr, Gott Zebaoth! Nioht sitze ich im Kreise der Fröhlio hen, nie ht bin ich heiter, wegen deiner Offenbarung sitze ioh einsam, erzürnt bin jeh mit allen. Mein Sohmarz ist ewig, meine Wunde ist bösartig, sie will gar nioht heilen“ (ibid. V. 16, 17 u. 18). ,Das Wort des Herrn erging an mich: Nimm dir keine Frau, damit du nioht Söhne und Töchter bekommst an diesem Orte. Denn so spricht der Herr: die Söhne und Töohter, die hier geboren werden, die Mütter, die sie gebären und die Väter, die sie erzeugen, — eines schlimmen Todes sollen sie sterben, keine Klage wird über sie angestim mt-werden, kein Grab werden sie finden — durch Schwert und Hanger werden sie umkommen, ihre Leiokname werden von den Vögeln des Himmels und von deu Thieren des Landes verzehrt werden.“ Der ״stygische Schatten“, der zwischen Kassandra und den Gelispen. tritt — (C. 16, 1—4). ,Darum sollst da in kmn Trinkhaus gehen, bei Speise und Trank unter ihnfen-'za sitzen“ (ibid. V. 8). Fast alle Züge des Kassandra-Sohmerzes treten in diesen Versen hervor, freilich nicht geeint und ästhetisch geformt für die künstlerische Iaee dieses Schmerzes. — Alle diese Hinweise auf die alten Propheten der Hebräer sollen uns nur von vorne herein sicher stellen gegen den Vorwurf der Paradoxie, wenn wir nun behaapten, dass in diesem, so durch und durch hellenisoh erscheinende Gedichte eine Erzählung aus den heiligen Schriften der alten Hebräer der Sohillersehen Muse gleichsam als Anker gedient hat, um in dem Flusse der Erzählung und in den stürmisohen Wogen der aufgewühlten Gefühle die Grundidee von Kassandra daran zu befestigen. Die Erzählung, die ioh meine, ist die vom — Baume des Lebensund vom Baume der Erkenntniss. — Die Grundidee des Gedichtes ist in (BQb) dem Vorwürfen gegen Apollo, enthalten: die göttliche Sehergabe ist für den Menschen ein Unglück! *) Nur wenige Beispiele! Am Schl um der Vorrede su de• ״Klubem“: ״Der Pöbel bört nie aut, Pöbel sn sein, nnd wenn — Sonne nnd Mond sich wandeln nnd Himmel nnd Erde veralten wie ein Qewand“. Vergl. Psalm 102, 26 n 2T. — Zorn Pater sagt Karl Moor: ״Sag1 ihnen, mein Handwerk ist Wieder- Vergeltung, — Bache ist mein ,,Gewerbe“. VgL Deuteronom. 32,35. Ebendas. ״Es ist Gnade aber alle Grensen“. Vergl. Threni 3,22 etc Doch was bedarf et dessen? Man weise, dass die Mutter Schillers ״frühzeitig den Sinn der Kinder durch Vorlesen ans der Bibel weckte, ja da<8 er schon fitth die!Neigung hatte, Geistlicher zu werden. Er lebte so in der ״Bibel“; dass er schon als Kind den Prediger spielte. Vergl. Heller, ״Sohiller’s Leben uni Werke“, (Gustav Hempel, Berlin).