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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-09-20 · N° 38-39. (20.9.1888) · p. Seite 148

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 38-39. (20.9.1888)
Date
1888-09-20
Page
Seite 148 (sequence 3)
Language
German
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,-י ״. •*.ליי 1■.•יייוימ^," «j — 148 — * וייווי!יוימ»ו**5ומ1נן! i.^.iu^giwuii^Jfii ulj Kassandra, die den Solileier der Zakanft dnrohdringende Seherin des ,heiligen Ilion*, ist der ideal!• sirte-— Sohiller. Sohillers Divinations-Gabe ist ganm erstaanlioh and. als das Kennzeiohen des wahren Propheten der edelste Weihebrief seiner Muse. In der Ostermeese 1781 hatte Sohiller schon die Vorrede an seinen ״Räubern* geschrieben, dnrch welohe letztere er den verrotteten Zuständen seiner Zeit nioht nur den ,Karl Moor*, die erst 1789 aasgebroohena französische Revolution, voraasversohrieben, sondern er hat darin anoh schon ־der französischen Revolution daroh denselben Karl Moor ihren Epilog, die freiwillige' Etablirang des Kaiserreiches 1804, halten lassen: ״loh gehe, mich selbst in die Hände der Justiz zu überliefern.* — ״Das Lied von der Glocke* ist der Hymnus des Dichter-Berafe8: ,Was unten tief dem Erdensohne Das wechselnde Verhängnis■» bringt, Das schlägt an die metallne Krone, Die es erbaulich weiter klingt*. — Das gilt noch mehr von der ״metallnen Krone* der Trompete des ״Weltgerichtes*, als welches wir die Poesie, — die schon Aristoteles für ״philosophischer and bedeutender als die Geschichte* erklärt hat, and noch mehr dadurch, dass sie nicht bloss ein ״ umgekehrter Prophet* wie die Geschichte, ist, sondern den Blick der Zukunft, die eintreten 8 011, zuwendet — mit viel grösserem Rechte, als ״die Weltgeschiehte* bezeichnen dürfen. Divos voce. Mortuos plango. Fulgara frango. — ״Ich rufe die Lebenden. — Ich stimme die Klage an um die Todten. — Ich bändige die Blitze.*-Diese Inschrift der Glocke ist auch die Inschrift des Priester - Diadems auf der Stirn des Dichters: er sieht ״die Blitze*, die in jeder Zeit die ■Gebilde der Vergangenheit drohend umzucken, und er möchte sie ״bändigen*, indem er die ״Lebenden ruft*. Er will die Gefahr beschwören, die sein Gemüth prophetisch vorempfindet; er will die Krankheit heilen, die er erkennt, heilen durch die sanfte Medizin der poetischen Belehrung, damit nicht — ״was Medicamente nicht heilen, Eisen und was Eisen nioht heilt, Feuer heilen müsse*, nach dem Spruohe Hypocrates’: Qaae medicamenta non sanant, ferrnm sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat, den Schiller seinen ״Räubern* als Motto vorgesetzt hat. — Aber ״Eisen“ und ״Feuer“ müssen ihre Sendung erfüllen, denn die Medikamente . . . werden zurückgewiesen. — Das ist der ״Kassandra-Schmerz* eines Jeden, der, wie Schiller, ״nicht gern für ein anderes Jahrhundert leben und für ein anderes gearbeitet haben möchte**)- Wie schön, wie gewaltig hat Schiller diesen Kassandra-Schmerz idealisirt! Die eingepresste Flamme des Propheten-Herzens: ״loh habe geeifert gegen die Bandeebrüohigen! Die heiligen Altäre sind zertrümmert! Die wahren Propheten sind ermordet! loh allein bin übrig von den die Wahrheit Sohaaenden, und auch mir trachten sie nach׳ dem Leben“- dem Dichter ״gab ein Gott, zu sagen, was er leidet*. Die Klarheit des Denkers und die Gluth des Dichters breiten die erschütternde Tragik des Martyrium8 der Wahrheit in milder Verklarung vor uns aus, 80 dass der qualvolle zuckende Schmerz uns alle, die dem Genius bloss Nachfühlenden, in tiefer, inniger Wehmuth zu ergreifen vermag. — Man ma88_ genau den Gedankengang des Gedichtes verfolgen, um die Grösse der Schiller’schen Kunst zu erkennen. Innigkeit der Empfindung und klare Disposition ist man gewohnt, nioht nebenein- *, 6. Briefe Aber die ästh. Erziehung d. Menschen, 2. Brief. ander zu suchen. Man thut aber jedem grossen Diohter Unrecht, sobald man bereit ist, über dem Diohter den Denker zu vergessen.*) — Auch in unserem Gediohte herrscht die strengste Logik in der Disposition, die wir hier geben wollen. A. Einleitung (Str. 1—8). Achilles freit Polyxena, die Toohter des Priamns, und ganz Troja, voll Hoffnung, dass der thränonvolle Streit nnn beendet sei, ist voll Freude, voll Jabel, voll Dank gegen die Götter, ganz der bacchantischen Last hingegeben. Nur eine Brust war von Schmerz und Trauer erfüllt: Kassandra, die jugendliche Schwester der Braut. Sie zieht sich zurück aus dem Taumel der Freude in die tiefsten Gründe von Apollo’s Lorbeerhain, wo 8ie die Priesterbinde zürnend zur Erde wirft und ihren Sohmerz klagt. B. I. ßrand ihres Schmerzes: Ihre Sehergabe. (Str. 4—6) 1. Die allgemeine Freude, die Hoffnung der Eltern, das Fest der Schwester — sie kann nicht Theil daran nehmen, denn ihr prophetischer Geist sieht immer die Zakanft, das Verderben, das der Stadt droht. Hymens Fackel, der Rauch des Opferbrandes erinnere sie nur, dass die Stadt in Flammen aufgehen wird (Str. 4 — 5). 2. Erhöht wird ihr Sohmerz: die Andern glauben ihr nioht — sie schelten, verhöhnen sie, die Glücklichen meiden sie, die Fröhlichen verspotten sie. So schwer wird ihr die Sehergabe, die Apollo ihr beschieden (Str. 6). B. II Vorwürfe gegen Apollo. (Str. 7—11). 3. Was für einen Zweok hat die Sehergabe, wenn durch deu blinden Unglauben der Andern nichts an dem Verhängten geändert werden kann (Str 7)? 4. Die Sehergabe ist aber auch für den damit Ausgestatteten keine gute Gabe, sondern ein Unglück. a) ihr Herz war nie mehr froh, seit sie *) Keiner hat dieses Unrecht mehr begangen, als der berühmte Litterar-Historiker Düntzer. Schiller könnte mit vollem Hechte von diesem sagen: ,Gott behüte mich vor meinen Frennden*! Bei Düntzer ist es gerade, als ob er das Schillersehe: ״Wer erfreute sich des Lebens, der in seine Tiefen blickt“? — auf die Poesie angewandt hätte. Aber ״ernst ist das Leben und heiter die Kunst“, und darum gilt von der Knnst das Gegentheil: ״Wer erfreute sich der Kunst, der nicht in ihre Tiefen blickt“? Wie farblos ist überall die Düntzer’scbe Inhalts-Angabe und Auffassung! Und so auch hier: ״Sie beginnt damit, dass sie in diesem Augenblick, wo Eltern und Schwester vom höchsten Glücke träumen, das grässliche Verderben vor Angen sehe, dessen Vorhersagung Alle von ihr abwende, so dass sie hierher flüchten müsse, woran sich die Klage über ihre unglückliche Gabe anschliesst (Str. 4—6). Schrecklich ist es, Ungläubigen zu weissagen und vorauszusehen, was man nicht wenden kann; das letztere führt sie weiter aus und spricht die dringende Bitte aus, von dieser Qual befreit zu werden (Str. 7 f). Seit sie Priesterin des Apoll ist, bat sie keinen frohen Augenblick genabt (Str 9—11). Wie glücklich ist jetzt Polyxena im Wahne, Achill angetraut zu werden (Str. 12)! Auch ihr winkt ein solches Glück, aber ihre Sehergabe Hess sie desselben nicht froh werden, sie hielt ihr immer nnr die schaurige Unterwelt und den ihr drohenden entsetzlichen Tod vor (Str 13—15). ln diesem Angenblick fällt der ernste, alle jubelnde Hoflhung vernichtende Schlag, dem der Untergang Troja’s sofort folgen wird (Str. 16).“ Kann es etwas Ober- Sächlicheres geben? Es ist als ob es darauf abgesehen wäre, nnr die Aeusserlichkeiten za sammeln, and das soll der Inhalt sein 1 Diese Düntzer’sche Manier wäre weniger zu beklagen, wenn nicht anzunehmen wäre, dass seine ״Erlänterangen“ hauptsächlich von Schülern za Käthe gezogen werden. Maas aber unsere Jagend, deren Begeisterung an nnsern grossen Dichtem sich entflammen sollte, durch solche Behandlung nicht wie von einem kalten Wasserstrahle getroffen, in ihrer Begei• sterung erkalten? — Und wie lautet Düntzer’s Urtheil über Kassandra? — ״Sprache and Darstellung sind im Ganzen kräftig and wirksam“t Wie gnädig! Wie souverain! So viel Dank der selbstdenkende Litterarhistoriker seinem Düntzer schuldet, der ihm das Nachschlagen so leicht gemacht, so sehr warne man die Jugend vor frühzeitigen Gebrauch seiner ״Erläuterangen.“

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